Erwin Geschonneck in "Asta, mein Engelchen" - Foto: DEFA-Jaeger
Erwin Geschonneck in "Asta, mein Engelchen" - Foto: DEFA-Jaeger

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Roland Gräf auf dem Filmabend für Erwin Geschonneck

Rede von Roland Gräf auf der Veranstaltung für Erwin Geschonneck am 2. Mai 2008 im Filmmuseum Potsdam



Liebe Freunde Erwin Geschonnecks

Natürlich hätte es mir besser gefallen, wenn das Kino zu unserem heutigen Anlass sich vor Zuschauern nicht hätte retten können. Andererseits versetzen mich aber die leeren Plätze auch nicht in Resignation: Öffentliches Gedenken ist nicht jedermanns Sache, und ich bin sicher, dass unserer Würdigung heute schon viele Momente ganz persönlicher Anteilnahme vorausgegangen sind, Momente des Innehaltens - wie immer, wenn Unwiederbringliches verloren geht und sich dabei in das Gefühl der Trauer auch die Frage nach der Endlichkeit der eigenen Existenz mischt.
Aber es kann auch gut sein, dass für ebenso viele - vor allem im Osten - die Nachricht von Erwins Tod - da er ja schon Jahre nicht mehr für Kino und Fernsehen arbeiten konnte - ihn zuerst einmal wieder lebendig gemacht hat. Lebendig in Bildern der Erinnerung: an ihn selbst, an seine Vitalität, seine Streitlust, seinen Humor - vor allem aber in der Erinnerung an die Vielzahl der Leinwand- und Bühnenrollen, in denen er im Laufe seines Lebens den unterschiedlichsten Figuren Antlitz und Charakter gegeben hat.

Zufällige Auswahl, Titel, die jeder kennt: "Karbid und Sauerampfer", "Nackt unter Wölfen", "Ein Lord vom Alexanderplatz", "Gewissen in Aufruhr", "Jakob der Lügner", "Das kalte Herz" - oder auch: "Puntila und sein Knecht Matti" (beide Rollen), "Don Juan" - alles Titel, die sich vor allem und zuerst mit seinem Namen verbinden, Theaterstücke und Filme, die seine große Schauspielkunst geprägt hat. - Erwin hat über 100 Rollen gespielt.

Ein längeres Zitat, das mit einem Zitat beginnt:
"Lieber Geschonneck, ich möchte noch einmal an Sie appellieren, dass Sie beim Berliner Ensemble bleiben. Sie sind wichtig für die Entwicklung des Ensembles, und das Ensemble scheint mir wichtig für Ihre Entwicklung."

Dies schrieb 1955 Bertolt Brecht. Beschwörend, aber erfolglos, Geschonneck ging. Vermutlich ein schwarzer Tag für Brecht, ganz sicher ein Glückstag für die DEFA, bald auch für das Fernsehen, für ein Publikum, das im Laufe der Jahre nach Millionen zählen sollte.

Erwin Geschonneck der Autodidakt, war einer der wenigen Filmstars in der DDR, er ist einer der wenigen Filmstars in Deutschland. Nicht Opulenz und Virtuosität prägen seine Rollen, sondern Einfachheit und Lakonismus. Nicht charmante Unverbindlichkeit, sondern Eigensinn und Strenge, plebejischer Witz und Selbstbewusstsein. Und eine schier unübertreffliche Präsenz: das Runzeln einer Augenbraue als Naturereignis.

Wenn Charisma nicht nur ein Geschenk der Natur ist, sondern auch Summe erfahrenen Lebens, dann erklärt sich Geschonnecks Faszination auch aus seiner Biografie, aus dem Lebensweg eines Hungerleiders aus der Berliner Ackerstraße: Bürobote und Hutmodell, Arbeitsloser und Agitprop-Spieler, KPD-Genosse und Emigrant. Und nach der Ausweisung aus der Sowjetunion KZ-Häftling. Sachsenhausen, Dachau, Neuengamme. Einer, der die Höllen dieses Jahrhunderts durchlebt hat und den diese Erfahrungen nicht müde und resigniert, sondern mutig und vital gemacht haben. - Vielleicht auch, weil ihn das Komische am Tragischen immer genauso interessiert hat wie die Tragödie selbst. - "Das Beil von Wandsbek" und "Holde Blume Männertreu".
Vor allem aber, weil er eigensinnig und querulant- wie die meisten seiner Figuren - gewonnene Einsichten und Überzeugungen sich durch nichts und niemanden hat streitig machen lassen. Bis auf den heutigen (bis auf den letzten) Tag.


Dieser Text war meine Laudatio zur Verleihung des Deutschen Filmpreises an Erwin für sein Lebenswerk 1993 im Theater des Westens. Natürlich hatte ich Unmögliches versucht: in einer einfach zu kurzen Zeitspanne das Wichtigste seiner beeindruckenden Persönlichkeit und die Ursachen für seine große Popularität und Ausstrahlung zu beschreiben. Am Ende hatte ich das Gefühl, ihm nicht annähernd gerecht geworden zu sein, das Eigentliche vielleicht gar nicht benannt zu haben. Über zehn Jahre später - in einem Gruß zu seinem 98. Geburtstag - habe ich aus diesem Gefühl heraus jene Laudatio gewissermaßen ergänzt:

Alles was er gemacht hat, ist auf eine bestimmte Art unumstößlich und auf eine einfache, unwiderstehliche Weise einleuchtend. Man kann damit nicht einverstanden sein, aber man kann es nicht aus der Welt schaffen. Das erklärt sich aus seiner Vitalität, seiner Unmittelbarkeit auf der Leinwand und durch die bewundernswerte Ökonomie seiner schauspielerischen Mittel. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je auch nur eine Figur durch unangemessenes Spiel beschädigt hätte. Und es war als würde die kaum zu überwindende, letzte Diskrepanz, die immer zwischen Schauspieler und Rolle bleibt, für ihn überhaupt nicht existieren - er war immer die Figur und immer auch er selbst. Natürlich hat er in Filmen unterschiedlicher Güte gespielt. Die besten davon hat er über die Maßen mitbestimmt, eine ganze Reihe hat er durch sein Spiel überhaupt erst möglich gemacht, und die schlechteren haben zumindest den Figuren, die er spielte, nichts anhaben können. Er hat sie immer behauptet, wenn es sein musste auch gegen die Regisseure.

Wir haben Anfang der sechziger Jahre zum ersten Mal zusammengearbeitet, da hatte ich gerade als Kameramann angefangen. Der Kinofilm "Wind von vorn", in dem er und Marianne Wünscher die Hauptrollen spielten. Der Fernsehfilm "Tiefe Furchen" nach einem Roman von Otto Gotsche, in dem er mit Hans Hardt-Hartloff furios zusammenspielte, und die beiden trotzdem jedoch gleichzeitig auch gewieft und mit allen möglichen Tricks auf den eigenen Vorteil bedachtet waren - mein erstes praktisches und sehr nachdrückliches Lehrstück über Schauspielerei.
Und sein Kap Arkona-Projekt, diese biographische Selbsterkundung, der er über Jahrzehnte angehangen hat, die er damals noch selbst inszenieren wollte und bei der er mich als Kameramann sah. Bis auf die Gotsche-Geschichte ist nichts beendet worden, aus tausend Gründen, auch, weil die Zeiten nicht so sehr danach waren.

Natürlich wollte ich zehn Jahre später, nach "Bankett für Achilles", mit Erwin einen nächsten Film machen. Nach Anna Seghers’ Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok". Wir wollten in den Karpaten drehen, Geschonneck sollte den Gruschek spielen, den Oberräuber gewissermaßen. Aber auch dieses Projekt hat sich zerschlagen. Der Film ist nicht zustande gekommen und damit auch nicht die gemeinsame Arbeit, von der ich mir so viel erhofft hatte. Trotzdem war ich damals sicher, dass wir alles noch nachholen würden. Bei der nächsten passenden Gelegenheit. Aber die Jahre sind vergangen, passende Gelegenheiten wurden immer rarer - und dann waren die Zeiten überhaupt nicht mehr danach. "Bankett für Achilles" ist unsere einzige gemeinsame Arbeit geblieben.

Keinen meiner Filme als Regisseur habe ich so zügig realisieren können wie "Bankett für Achilles". Im Spätsommer 1973 bekam ich das Exposee von Martin Stephan in die Hand, im August 1974 begannen wir zu drehen und im November 1975 hatte der Film Premiere. So selbstverständlich diese Zahlen auch klingen - diese zwei Jahre hatten es in sich. Von Anfang an wurde unser Projekt gemocht und nicht gemocht, hatte es Befürworter und Skeptiker. Befürworter, weil es einen kulturpolitischen Schwerpunkt bediente - überzeugende Helden aus der Arbeiterklasse waren dünn gesät - und Skeptiker wegen des Bildes, das schon das Drehbuch von dieser Arbeiterklasse zu entwerfen schien.

Überraschenderweise - ich habe seinen handschriftlichen Text erst vor zwei Jahren in die Hände bekommen - gehörte auch Erwin zu denen, die heftig gegen das Szenarium Martin Stephans argumentiert hatten. Nur ein Zitat, es spiegelt seinen kritischen Gesamteindruck:

Die Menschen im Film leben ohne Perspektive, ohne Veränderung ihres augenblicklichen Lebens, sie leben ohne Schönheit. Sie, die durch schwere Arbeit unser Leben schöner und leichter machen sollen, für sie gibt es nur kostenlose Haarwäsche und Haarfärbungsmittel.

Eine ziemlich fundamentale Kritik also, die den Einwänden staatlicher Bedenkenträger in nichts nachgestanden hat. Und doch hat Erwin die Hauptrolle gespielt!!! - Weiß der Teufel, warum! - Und ich erinnere mich auch nicht an große Streitgespräche zwischen uns, seine Zusage war vielleicht nicht euphorisch, auch verbunden mit kritischen Fragen zur Figur und zum Buch, aber wir hatten relativ schnell eine gemeinsame Basis gefunden, und in meinen Erinnerungen an die Dreharbeiten taucht nicht ein einziger Konflikt auf, der unsere Zusammenarbeit hätte beschädigen können.

Die Rohschnittabnahme des Filmes allerdings wurde dann nahezu völlig von Argumenten beherrscht, die der Einschätzung Erwins nachträglich Recht zu geben schienen. Etwa:

Die Filmschöpfer haben sich unwahrscheinliche Mühe gemacht, ein Leben einzufangen, das nicht mehr die Regel ist. Ich bin erschüttert, über das, was ich hier gesehen habe.

Man fühlt sich wirklich halb vergiftet, wenn man diesen Film gesehen hat. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man in dieser Atmosphäre leben kann.

Das Proletariat ist so dargestellt, dass man in Wut geraten kann.


Das Fazit: Der Rohschnitt wurde nicht abgenommen, der Film durfte das Studio nicht verlassen und die nächsten Wochen vergingen mit zahllosen anstrengenden, zermürbenden Diskussionsrunden. Über eine davon, an der auch Erwin teilnahm, berichte ich in einem Heft, in dem ich für die Schriftenreihe der DEFA-Stiftung der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Filmes nachgegangen bin;

Am 27. Januar 1975 (...) wurde der Film Autoren und Regisseuren des Studios vorgeführt. Der Künstlerische Direktor hat sich während der Diskussion stichpunktartige Notizen gemacht. Seine winzige Schrift ist kaum zu entziffern, in Teilen absolut unleserlich, fast wie verschlüsselt, aber manches wird doch deutlich. Offenbar unterstützte keiner der Anwesenden die grundsätzlichen Bedenken der Direktion. Selbst wenn sie - wie Konrad Wolf - der Film in "Hilflosigkeit" versetzt und" traurig" macht oder Günter Rücker sich fragt, ob man es hier wirklich mit einem Kino-Film zu tun habe. Erwin Stranka stellt offenbar erneut die Frage nach dem Bild der Arbeiterklasse und was Wolfgang Kohlhaase und Lothar Warneke geäußert haben, ist auch mit der Lupe nur ungenau zu erkennen und noch schwerer zu deuten.

Hinter dem Namen Erwin Geschonneck sind nur fünf Worte notiert, deren Interpretation aber ist zweifelsfrei: Nicht nur beschönigen, sondern zeigen.


Aus dem Kritiker des Buches war also längst ein Verteidiger unseres Films geworden. Die Begegnung mit der Bitterfelder Wirklichkeit und sein untrüglicher schauspielerischer Instinkt hatten ihn dazu gebracht, vorgeprägte Ansichten zu korrigieren und gewissermaßen der Wahrheit ins Auge zu sehen. Der Künstler in ihm hatte den Ideologen bezwungen, oder, um es bildhaft auszudrücken: Meister Achilles hatte Meister Falk besiegt.
("Meister Falk" war Anfang der siebziger Jahre eine propagandistisch angelegte Arbeiterfigur im DDR-Fernsehen, sozusagen ein proletarischer Problemlöser, ein Hans Dampf in allen Gassen, gespielt vom unvergessenen Wolf Kaiser, der 1990 in den Freitod ging.)

Heute denke ich - schon lange denke ich - : Erwin hat "Bankett für Achilles" vermutlich zweimal gerettet. Einmal als Schauspieler, indem er die 'Qualität des Filmes über die Maßen mitbestimmte', und zum zweiten Mal als er sich als politische, moralische und künstlerische Instanz, die er in der DDR ja verkörperte, vorbehaltlos für den Film eingesetzt hat, dem ja bis zu seiner Premiere die skeptische Aufmerksamkeit seiner staatlichen Kritiker nie verlassen hat.

Jeder Film, der seine Zeit und seine Figuren aufrichtig und ohne modischen Schnickschnack erzählt, egal ob er gestern gedreht wurde, vor zehn Jahren oder im vergangenen Jahrhundert, überrascht uns bei der Wiederbegegnung vor allem durch seine suggestive Gegenwärtigkeit. Für die Dauer der Vorführung ist kaum vorstellbar, dass all das, was man auf der Leinwand sieht, in Wirklichkeit nicht mehr existiert.
"Bankett für Achilles" ist ein letzter lebendiger Blick auf eine Landschaft, die buchstäblich bis auf das letzte Gemäuer von der Erdoberfläche verschwunden ist, und auf eine Gesellschaft, die es gleichfalls nicht mehr gibt. Von der man heute aber zumindest sagen kann - sagen muss, dass in ihr Arbeit so selbstverständlich zum Leben gehörte wie Essen und Trinken.
Mit dem Film, für eine Weile, feiert also die Vergangenheit ihre sehr irdische Auferstehung. Genau so wie viele der Schauspieler, die ihm sein Gesicht gegeben haben: Dieter Franke, Elsa Grube-Deister, Fred Delmare, Walter Lendrich, Walter Pechstein, Johannes Maus.

Und seit dem 12. März 2008 - Erwin Geschonneck.

Meine Zuversicht schöpfe ich aus diesem Umstand: Solange noch im letzten kleinen Kino, Museum oder Clubhaus oder auf irgendeinem Fernsehkanal - und sei es zu noch so später Stunde - einer seiner Filme läuft, wird Erwin unvergessen bleiben. Mehr noch: er wird, wenn wir es sehen und hören wollen, uns seine - durch seine einzigartige politische und künstlerische Erfahrung begründete - Ansicht vom Lauf der Welt mitteilen. Es wird an uns liegen, ob wir damit etwas anzufangen wissen...


Mehr zu Erwin Geschonneck
Biographie unter www.filmmuseum-potsdam.de/index.php?id=371c19269158155832810001a0a0a5c1
Film- und Theaterrollen von Erwin Geschonneck unter www.filmmuseum-potsdam.de/index.php?id=38a587be9158155820100001a0a0a5c1
Anekdote Erwin Geschonneck unter www.filmmuseum-potsdam.de/index.php?id=3701bc3f9158155840240001a0a0a5c1
Galerie für Erwin Geschonneck unter www.filmmuseum-potsdam.de/index.php?id=42bcd91f9158155882700001a0a0a5c1