Filmmuseum Potsdam; F: J. Leopold (FMP)
Filmmuseum Potsdam; F: J. Leopold (FMP)

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Jesus Christus Erlöser

Berlin, Deutschlandhalle, 20. November 1971. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, tritt Kinski auf. Er beginnt seinen eigenen Text "Jesus Christus Erlöser" zu sprechen. Die "erregendste Geschichte der Menschheit: das Leben von Jesus Christus" als einem der "furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen", will er erzählen. Kinskis Jesus erscheint als antiinstitutioneller Aufrührer, als Verbündeter von Randgruppen und Feind aller Satten.Er ist ein Jesus à la Pasolini, kein weichgespülter Jesus Christus Superstar. Doch das debattiersüchtige Berliner Publikum der 70er Jahre nimmt Kinski, der in Wallace-Krimis und Italowestern gespielt und in Rom das Dolce Vita genossen hat, seinen Jesus nicht ab und unterbricht ihn immer wieder. Die ersten Störer vermag Kinski noch zu ignorieren, doch dann schlägt er zurück. Sein Text wird zur Waffe gegen das Publikum. So zeigt der klug montierte Film von Kinskis Nachlassverwalter Peter Geyer auch den abendlangen Versuch eines Schauspielers, seinen Text sprechen zu dürfen. Ein einzigartiges, fesselndes Dokument - auch der Post-68er Zeit, die mit ihren Autoritäten hadert, ein schwieriges Verhältnis zur Kunst hat und nicht nur zuhören, sondern diskutieren will.

Endless Summer 08/08