Eva Lippold 1980 in ihrem Haus in Zossen bei der Vorbereitung des Films "Die Verlobte" (R. Günther Rücker, Günter Reisch) - Foto: G. Reisch
Eva Lippold 1980 in ihrem Haus in Zossen bei der Vorbereitung des Films "Die Verlobte" (R. Günther Rücker, Günter Reisch) - Foto: G. Reisch

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Eva Lippold

GÜNTHER RÜCKER


Abschied von Eva Lippold
Trauerrede in Kallinchen am 18. Juni 1994


Liebe Freunde, lieber Cay,
als Du mir die Ehre gabst, hier stehen zu dürfen und etwas sagen zu dürfen, da war mir schwer ums Herz, weil, ich kann nicht Abschied nehmen. Das ist etwas anderes als das, was wir täglich leben.
Die Totenbitte der Juden sagt, es sei ihre Seele verbunden im Bunde des ewigen Lebens. Das ist eine sehr schöne Bitte. Es ist unser Leben und darin ist Eva verbunden und wird verbunden bleiben.
Wenn wir eines Tages nicht mehr in diesen Riten Abschied nehmen werden von einander, dann glaube ich, dann würde die Gemeinde um den Sarg sitzen und jeder würde ihr erzählen, was von ihrem Leben auf sein Leben überging, was er mitgenommen hat und mitnehmen wird und es weitergeben wird - den Seinen und die wieder den Ihren. Und wenn alle jetzt das Wort ergriffen in einem solchen Kreis, das wäre ein Tag und das wäre eine Nacht, das wäre wieder ein Tag und es würde immer noch zu wenig gesagt und es wäre immer noch nichts erfüllt von dem, was man sich wünscht, dass man Eva noch auf den Weg gibt. - Und es wäre alles in allem die Geschichte eines Jahrhunderts, eines schrecklichen Jahrhunderts, eines entsetzlichen Jahrhunderts und eines Jahrhunderts der Hoffnung.
Und am Ende, denke ich mir, sollte man dann ein Lied singen, das sie liebte. Also vielleicht das Lied vom Schneegebirge, wo ein Brünnlein fließet kalt und wer das Brünnlein trinket und wer das Brünnlein trinket, bleibt jung und wird nicht alt. Oder ganz am Ende das Lied von dem alten Degeyter (oder ‚Dejeté’ wie die Franzosen sagen), das da endet mit dem großen gewaltigen Wort: das Menschenrecht!
Diese Feier, diese andere Art, diese uns nähernde Art, wird eines Tages sein, da bin ich überzeugt. Und was immer ich sagen würde über ihr Leben, dieses gewaltige große und ungeheuerliche Leben, wäre zu wenig und wenn alle sprechen, es würde nie enden. Was aus diesem Jahrhundert in ihren Büchern zu finden ist, dies aufzuschreiben, hat für Eva gedauert 25 Jahre. Da hatte sie die Kraft und das ist ein großer Vorgang - und es ist trotzdem ein Schmerz dabei: Dass sie für das dritte Buch nicht mehr die Kraft hatte, dass es uns so verloren gegangen ist dieses dritte Buch. In dem erzählt sie über dieses Deutschland, in das sie zurückkam. In dem sie feststellte, dass sie zehn Jahre lang sich erinnerte an ein Deutschland von 34, das es 44 überhaupt nicht mehr gab. Und ich werde nie vergessen, als sie eines Tages hier, in ihrem Haus saß und erzählte, dass eine Frau damals zu ihr sagte: Sagen Sie, Sie waren wohl lange außerhalb Deutschlands? Und dieses Außerhalbsein ist ja wohl ein Vorgang, den doch die meisten von uns, wenn nicht alle, heute deutlich spüren: Man war vierzig Jahre außerhalb eines Deutschlands, das existierte.
Und wenn ich mal, wer von uns kennt nicht den Wunsch und sie kannte ihn auch, sie kannte ihn sehr gut, den Wunsch die Türe zuzuschließen und die Welt sein zu lassen.
Und wenn ich mir das überlege heute: Übermorgen, in vier Wochen wird man Obristen und Generäle feiern für das Attentat, mit dem sie den Oberbefehlshaber liquidieren wollten. Ein ehrenwertes Attentat. Aber man wünschte sich sehr, sie hätten es so gut vorbereitet, wie sie die Kriege vorbereitet haben, die sie fünf Jahre lang blutig und barbarisch führten. Und da dachte ich an Eva, weil, fünf Jahre bevor der Krieg begann, wurde sie verhaftet und fünf Jahre vor dem Krieg setzten schon Zehntausende ihr Leben ein, um diesen Krieg nicht zustande kommen zu lassen, um Deutschland nicht in einen Abgrund zu stürzen, der grauenhaft sein würde und sie setzten nicht nur ihr Leben ein, sondern sie gaben es auch hin und es wurde ihnen genommen - Tausende und Zehntausende…
Und da denkt man natürlich weiter, meine Lieben, da denkt man daran, dass es der gleiche Richter war, der die Generäle nachher verurteilte zum Tode durch Erhängen und Erwürgen, der zehn Jahre vorher sie und ihre Gruppe verurteilt hatte. Auch mit dem Tod, auch mit dem Tod. Ich will seinen Namen nicht nennen, denn der Name soll verflucht sein bis ans Ende der Zeit.
(…) während man die Lebensbedingungen einer Frau wie Eva kürzt und mindert, werden die Pensionen der Witwen dieser Richter und Henker immer erhöht, wenn die Dienststellung der Richter und Henker erhöht würden, lebten sie heute noch. Das ist ein unglaublicher Vorgang und man sollte ihn nie vergessen.
Und wenn Deutschland vergessen sollte, dass sie es waren, es diese Leute waren (wie Eva), die damals alles gegeben haben, um Deutschlands Würde zu erhalten, dann wird Deutschland einen fürchterlichen Weg ein drittes Mal gehen.
Nun (…) kratzt man an den Namen dieser Gruppe, dieser Gruppen (zu Cay von Brockdorff: ) Deines Vaters, vieler, vieler, vieler Tausender und kratzt sie aus den Wänden und aus dem Gedächtnis des Volkes. Und ich kann hier nicht versäumen zu sagen, dass wir fest davon überzeugt sind, dass wir alles tun werden, dass diese Namen niemals ausgekratzt werden. (…) Und heute wird es leicht gemacht mit dem Wegwischen und dem Darüberstreichen! Aber was ist ein Jahrhundert in der Geschichte? Und was kommt dann wieder, was klärt sich dann, was zeigt sich deutlicher in seinen großen Zusammenhängen? Darauf baue ich!
Ich glaube in unser aller Namen und aber auch vor allem im Namen unserer Eva sprechen zu können, sagen zu können: Wir gehen nicht davon ab, dass diese Welt eine bessere, eine menschlichere Welt werden kann, in der der Mensch dem Menschen ein Bruder ist - und das Wort Solidarität nicht Bekundung und Erklärung bleibt, sondern Realität wird.
Wenn das nicht vor uns stehen bliebe als Zukunft, dann hätte das Leben wirklich keinen Sinn. Aber es hat einen Sinn!
Also, wenn man hier steht, liebe Freunde, lieber Cay, dann hat man eigentlich nur einen Wunsch, und das ist der Wunsch, dieser Frau noch eine Freude zumachen. Da habe ich mir gedacht, Ihr Lieben alle, wie wäre es, wenn ich Euch einlade jedes Jahr an ihrem Geburtstag hierher zu kommen? Bringt die Blumen mit und wir setzen uns hin, trinken den Kaffee wie immer, reden. Dann ist sie dabei!

Anmerkung
Der Text entstand nach einer Tonband-Aufnahme von Günter Reisch, der gemeinsam mit seiner Frau Beate den Text transkribiert hat. Bis auf wenige Textstellen war es möglich, das gesprochene Wort von Günther Rücker präzise, wörtlich in Schriftform zu übertragen.


Kurzbiografie



15. April 1909

Geboren in Magdeburg
Ausbildung zur Stenotypistin

1921

Eintritt in die Arbeiterjugendbewegung

1927

Aufnahme in die KPD

1933

Eva Lippold beteiligt sich am Kampf gegen den Faschismus.

1934

Verhaftung. Unter dem Vorsitz von Roland Freisler wird sie vor dem "Volksgerichtshof" zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt und zunächst in Jauer, dann in Waldheim inhaftiert. Vier Jahre muss sie in Einzelhaft verbringen.

1943

Entlassung und Zwangarbeit in einem Rüstungsbetrieb

1944

Erneute Verhaftung wegen illegaler Tätigkeit

1945

Hinrichtung ihres ersten Mannes, Hermann Danz, Mitglied der illegalen Bezirksleitung Magdeburg der KPD

Nach Kriegsende wirkt sie in verschiedenen Funktionen der SED und des Schriftstellerverbandes der DDR.

1948

Sie heiratet den Kunstwissenschaftler Cay-Hugo Graf von Brockdorff und lebt mit ihm bis zu ihrem Tod in Zossen bei Berlin.

1950

Freischaffende Schriftstellerin

1962

"Ich höre Amerika singen" (Nachdichtungen amerikanischer Volks- und Kampflieder)

1963

"Die Dame aus Deutschland" (Erzählung)

1971

"Haus der schweren Tore" (Roman)

1974

"Leben, wo gestorben wird" (Roman)

1980

Günther Rücker und Günter Reisch drehen nach ihrem autobiographischen Roman "Haus der schweren Tore" den Film Die Verlobte, der in der DDR wie auch international große Beachtung findet.

12. Juni 1994

Eva Lippold stirbt in Zossen bei Berlin.