Eberhard Esche in "Spur der Steine" - Foto: Klaus D. Schwarz
Eberhard Esche in "Spur der Steine" - Foto: Klaus D. Schwarz

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Eberhard Esche

Am 15. Mai 2006 verstarb der große Film- und Theaterschauspieler Eberhard Esche. Das Filmmuseum Potsdam gedenkt seiner mit einer Veranstaltung am 13. Juli.
Eberhard Esche - Foto: Sandra Bergemann

Zur Veranstaltung am 13. Juli

Auf der Trauerfeier am 27. Mai in der Kapelle des Französischen Friedhofs an der Chausseestraße sprachen der Verleger Matthias Oehme, der Autor Wolfgang Kohlhaase und der Schauspieler Manfred Krug.
Nachstehend die Rede von Wolfgang Kohlhaase, die am 2. Juni von der Tageszeitung "junge Welt" abgedruckt wurde, die uns freundlicherweise die Genehmigung für den Abdruck dieser Rede gegeben hat.
Wir danken auch Sandra Bergemann für die in jüngerer Zeit entstandenen Fotos von Eberhard Esche.
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Für Eberhard Esche


Von Wolfgang Kohlhaase
Es gibt eine Redensart, der wir glauben wollten: Warum treibt man Sport? Um gesund zu sterben.
Doch dann verließ uns Eberhard Esche, unser Freund Ebi, an einem Sonnabendmittag und kam nicht mehr wieder.
Er ging aus der Tür mit seiner großen Trainingstasche, vorher hatte er beiläufig gesagt, er müsse sich einer medizinischen Prozedur unterziehen.
Wenige wissen, daß Eberhard Esche sich in seinem nicht-öffentlichen Dasein mehr als dreißig Jahre lang einmal in der Woche Boxhandschuhe anzog, und daß er vor einem kleinen Kasten an der Hallenwand beim Fußballspielen ein großer Torwart war.
Als er nicht mehr in Berlin wohnte, kam er aus Kraatz, wo er an seinen Büchern schrieb und in seinem Garten die Natur verwandelte, eigens in die Stadt. Unser geselliger Versuch, das Alter zu betrügen, zerrte an den Sehnen, aber wärmte die Seelen, beides war ihm lieb.
Eberhard Esche im Garten seines Hauses in Kraatz - Foto: Sandra Bergemann

Wir schuldeten uns auf Gegenseitigkeit ein paar Geschichten, wenn möglich komische.
Esches Leben, vor allem in den letzten Jahren, war das eines fahrenden Sängers. Er reiste mit seinen Soloprogrammen. In vollen Sälen erwartete ihn ein Publikum, in dem viele ihn kannten, das sich aber auch änderte, als zu den Lebenslagen die Geschäftslagen kamen. In kleineren Räumen, sein Ruhm reichte weit, saßen bisweilen Bankiers und andere Zugezogene. Die alten Texte, »Deutschland ein Wintermärchen« oder »Reineke Fuchs«, Heine und Goethe, aufgeführt von Esche, paßten auf die neuen alten Verhältnisse.
Nicht aus Mangel an Nachfrage wollte Esche jetzt aufhören.
Es fehle ihm die Kraft, hat er gesagt, und demzufolge auch die Lust.
Man wollte es ihm nicht wirklich glauben.
Das Theater - und es war immer das »Deutsche Theater« in Berlin, das er meinte - hatte er verlassen, mit Konflikten, die er beschrieben hat.
Oft fühlte er sich wie ein Überlebender, wenn er von Kollegen sprach, mit denen er in Jahrzehnten verbunden gewesen ist. Wolfgang Langhoff, Wolfgang Heinz, Benno Besson und Adolf Dresen, Elsa Grube-Deister, Dieter Franke, Rolf Ludwig, Herwarth Grosse, Klaus Piontek, ein Glanz geht aus von dieser unvollständigen Reihe.
Wären sie noch da, was für Theater könnte gespielt werden.
Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht war es ein unwiederholbarer Augenblick, in dem dieses Theater möglich war.
Ein soziales Modell schien noch nicht gescheitert zu sein, ein Vorrat an Utopie noch nicht verbraucht.
Wer hier wohnte, hatte zu kleinen Preisen Eintritt. Aber es kamen auch Leute von weit her, kamen aus Paris und London oder New York nach Berlin und begaben sich sozusagen ins Unfreie, um eine Bühne zu besuchen, die spielerisch die Erhellung der Geschichte betrieb.
Gelegentlich denke ich, ich habe alles Theater meines Lebens schon gesehen. Und Ebi, den ich damals noch nicht kannte, spielte den Lanzelot.
Was das Theater nicht bewahren kann, vermag das Kino. In alten Filmen erblickt man das Porträt des Schauspielers als junger Mann. Man sieht einen schlanken, schönen, verletzlichen Menschen. Die Kamera zeigt ja nicht nur das Handwerk des Schauspielers, sie ist dicht an seiner Haut und manchmal sieht sie durch die Haut hindurch.
Esche hat sich im Film gern der blanken Natürlichkeit verweigert. Er fügte, in Wort und Geste, Ironie hinzu, so kam er zu seinem besonderen Stil, der nicht nur Technik war, sondern Haltung und Charakter.
»Wie heiratet man einen König?« heißt ein schöner poetischer Film. Der König heißt Esche. Das Bauernmädchen heißt Cox Habbema. Als ich beide fern des Films getroffen habe, dachte ich, für Glück gibt es ein Beispiel.
Eberhard Esche konnte eine Bühne mit einem Stuhl füllen und einen Abend mit seiner Stimme.
Zuletzt hat er in Berlin Texte von Peter Hacks vorgetragen, mit dem er befreundet gewesen ist und dessen Ansichten ihm nahe waren. Bei aller Unlust an fast allem freute es ihn, eine wohlwollende Erwähnung zu lesen, und es verwunderte ihn auch. Denn in den meisten Etagen der Kunst- und Weltbetrachtung sind die Maßstäbe verblichen, die seine waren, oder es sind andere.
Bei Hacks gibt es einen Zweizeiler:
Ob heut Nacht dein Feind stirbt oder du,
in beiden Fällen, Bruder, hast du Ruh.