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Welte-Kinoorgel (Innenansicht); Foto: D. Linke
Welte-Kinoorgel (Innenansicht); Foto: D. Linke 

» Welte-Kinoorgel

Vortrag

Musik auf der Welte-Kinoorgel:
Prof. Dr. Wolfgang Thiel

Der Klang der großen Pfeifenorgel weckt hierzulande in erster Linie Gedanken an kirchliche Zeremonien. Aber schon in früheren Jahrhunderten wurde die „Königin der Instrumente” auch für Konzerte und Unterhaltung verwendet.
Die Theaterorgel des 19. Jahrhunderts diente bereits zur Untermalung melodramatischer Szenen. Der spätere Bau von Orgeln mit einer am sinfonischen Orchester der Romantik ausgerichteten Klanglichkeit ebnete den Weg ins Kino. Anders als der „schwarz-weiße” Klang des Klaviers konnte die Kinoorgel mit der „Farbigkeit” ihrer Streicher-, Bläser-, Schlagwerk- und Geräuscheffekt-Register das Live-Orchester der Stummfilm-Ära ergänzen und angemessen vertreten.

„Denn die Kinokapelle spielt! Spielt ununterbrochen und immerfort, acht Stunden hindurch, um dann leichenblass vor Müdigkeit nach Hause zu wanken”, hieß es bereits in einem Aufsatz über die Musik im Kino aus dem Jahre 1916. Noch in den 20er Jahren galt das Engagement eines Filmtheaters, trotz guter Bezahlung, unter seriösen Musikern wenig, auch wenn die Kinoarchitekten dieser Zeit das bürgerliche Theater nachahmten und die Kinos sich wie der Chemnitzer „Luxor-Kinopalast” klangvoll-exotische Namen zulegten. Nach einem Dornröschenschlaf der übrig gebliebenen Kinoorgeln in den 60er und 70er Jahren wuchs mittlerweile das Interesse an dem eigentümlichen Klang dieser Instrumente.
In den zwei Konzertprogrammen der englischen Orgelvirtuosen William Davies und Simon Gledhill aus den Jahren 1994 und 1997 sowie in einer Studioproduktion des „Hausorganisten” Helmut Schulte erklingen zum einen Potpourris aus Frederick Loewes Erfolgsstück „My Fair Lady” und George-Gershwin-Melodien sowie der Titel „lt′s De-Lovely” aus Cole Porters Musical Comedy „Red, Hot and Blue” (1936), also Klassiker des Broadway, zum anderen repräsentieren heute weniger bekannte Namen je ein Stück Geschichte der Stummfilmmusik, so z.B. der Ungar Ernö Rapée (1891 - 1945) mit seinem Titel „Diane”. Er arbeitete 1925/26 als Kinokapellmeister im Ufa-Palast am Zoo in Berlin und später an großen New Yorker Lichtspieltheatern. „Rapée ist, sobald er Filme begleitet oder Musik macht, die dem Film verwandt ist, ersten Ranges und unerreicht in Berlin ... Welche Präzision in der Filmbegleitung!”, bemerkte der prominente Theaterkritiker Herbert Ihering 1926. Ernst Fischer (1900 - 1975) war ab 1926 in Berlin Stummfilmorganist und Verfasser von Kinotheken-Piecen. 1936 schrieb er als Komponist gehobener Unterhaltungsmusik die populär gewordene Orchestersuite „Südlich der Alpen”, deren „Tarantella” den wirbelnden Kehraus dieser CD bildet. Das „Harlem Nocturne” stammt aus der Feder des versierten amerikanischen TV-Komponisten Earle Hagen. Eine Weltpremiere ist die Ersteinspielung von ausgewählten Teilen der Musik zur 1919 entstandenen Filmromanze in drei Teilen „Melodie des Herzens”. Erzählt wird die Geschichte einer umschwärmten Filmdiva (in der Hauptrolle: Ada Svedin) und eines armen Komponisten, der mit seinem „sehnsuchtsbangen” Walzer „Herzensmelodie” die zunächst spröde Schöne erobert.

Der Komponist Otto Tilmar-Springefeld (1880 - 1954), der in der Folgezeit mehrfach als Autor von Stummfilmoperetten für die Berliner Notofilm-Gesellschaft tätig war, schrieb eine gefällige Salon- und Operettenmusik in der Paul-Lincke-Nachfolge. Regie führte Ludwig Czerny, der zugleich Gründer und Direktor der genannten Filmfirma war. Czerny widmete sich „namentlich dem Studium der Synchronisation von Laufbild und Begleitmusik und erfand aufgrund längerer Versuche 1919 das Notofilm-System, welches mit Hilfe eines Notenbandes die Direktionsstimme der Musik ins Projektionsbild überträgt” (1922). Seit 1993 ist der Potsdamer Helmut Schulte Herr über Tasten, Pedal und Register. Aus seiner praktischen Arbeit als Kino-Organist entstand der clowneske „Slapstick-Rag”, mit dem der passionierte Jazzer schon manchen „Laurel & Hardy”-Streifen zum Gaudi des Publikums begleitete.
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