Januar 2009: Filmreihe
„Die Ränder des Mainstreams sind ja immer die kreativsten Plätze der Filmgeschichte” (Dominik Graf)
Bereits für seinen Abschlussfilm „Der kostbare Gast” erhält Dominik Graf 1979 den Bayerischen Filmpreis. Seither hat er in über 50 Produktionen Regie geführt. Wie derzeit vielleicht kein zweiter Filmschaffender in Deutschland gelingt ihm dabei ein konsequenter Kurs zwischen TV und Kino, zwischen Genre- und Autorenfilm. „Die Nähe – und auch manchmal die explizite Gegnerschaft – zu den kommerziellen Sehnsüchten und Maßgaben spornt mich (...) an” (D. Graf auf www.revolver-film.de) Immer wieder reizt Graf die Variation und Herausforderung des Krimiformats: „Tatort”, „Der Fahnder”, „Polizeiruf 110”. Die Episoden, für die er verantwortlich zeichnet, ragen stets heraus.
Zuletzt wurde sein Kostümfilm „Das Gelübde” mehrfach ausgezeichnet und zeigt – neben sehr persönlichen Arbeiten, wie dem Dokumentarfilm „Das Wispern im Berg der Dinge” – die ganze Bandbreite seines Schaffens auf. Regelmäßig bezieht Dominik Graf Stellung zu filmpolitischen und -theoretischen Themen, er nimmt also in jeder Hinsicht Teil am Diskurs „Film in Deutschland”. Lauter gute Gründe, ihn zum Gespräch einzuladen und eine kleine Auswahl seiner Filme zu präsentieren.
PROGRAMM
Das Gelübde
R: Dominik Graf, D: Mišel Maticevic, Tanja Schleiff, Arved Birnbaum, D 2007, 88’
Anschließend: Dominik Graf im Gespräch
Moderation: Johannes Leisen
Eine Stadt wird erpresst
R: Dominik Graf, D: Uwe Kokisch, Mišel Maticevic, Julia Blankenburg, D 2006, 90’
Lange Kriminacht
Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel
R: Dominik Graf, D: Edgar Selge, Michaela May, Nina Kunzendorf, D 2004, 89’
Der Fahnder: Nachtwache
R: Dominik Graf, D: Klaus Wennemann, Maja Maranow, D 1991, 55’
Weitere Filme:
Die Katze
Spieler
Das Wispern im Berg der Dinge
Der Skorpion
München – Geheimnisse einer Stadt
Hotte im Paradies
Der Felsen
Der Rote Kakadu
Bittere Unschuld
ZWEIMAL DASSELBE SPIEL
Der Polizeiruf „Der scharlachrote Engel” von 2004 und die „Fahnder”-Folge „Nachtwache” von 1991 gehören zu meinen persönlichen Lieblingsfilmen. Das heißt nicht, daß sie objektiv auf jeden Zuschauer tadellos wirken müssen. Regisseure vertun sich oft ganz gewaltig bei der Beurteilung ihrer eigenen Filme. Meine Vorliebe für diese zwei Filme rührt vor allem daher, dass sie mir sehr viel Spaß gemacht haben. Ich meine jene Art Spaß beim Drehen, die mit permanenter Kreativität zu tun hat, mit einem Gefühl von Sicherheit dem Drehbuch gegenüber und mit sehr guter Laune am Drehort. Die Schauspieler waren in beiden Fällen sichtbar froh über ihre Rollen, die Stories hatten ein paar sehr unerwartete, nette Wendungen, wir mochten uns alle am Set sehr, und vor allem anderen waren die Dialoge so geschrieben, dass wir uns täglich daran erfreuten.
Zwei Jahre vor „Nachtwache”, 1989, hatte ich Günter Schütter kennengelernt. Ich hatte mit ihm und dem Produzenten Janusch Kozminski einen wohl auf ewig unverfilmten Polizei-Kinothriller entwickelt, der im damaligen Münchner GI- Drogensumpf spielte. Danach brachte ich Günter zum „Fahnder”. Unser erster gemeinsamer Film dort war die Folge „Baal”, ein sehr eigenwilliges Schütter-Remake des Hollywoodfilms „ein Köder für die Bestie” aus den 6oern (den später Scorsese dann nochmals als „Cape Fear” drehte.) „Baal” wurde wegen Brutalität nie im Vorabendprogramm ausgestrahlt.
Der zweite Film war „Nachtwache”. Der dritte war dann – nach Jahren der Drehbuchstreitereien – „Die Sieger”, es folgte 1994 der „Tatort – Frau Bu lacht”, 1996 „Dr. Knock” und „Der Skorpion”.
„Nachtwache” und „Der scharlachrote Engel” sind für mich wie Geschwister. Die Figuren, die Klaus Wennemann und Maja Maranow spielten (Maranow sagte ein Jahr später die Rolle in den „Siegern” ab, die dann Katja Flint übernahm) wurden für Günter und mich sozusagen archetypisch. Der Polizist und die einsame, neurotische, selbstmitleidlose Frau, auf die er trifft – und in die er sich kurz und unmöglich verliebt. Beide stehen unter dem Einfluss einer fast gesichtslosen Brutalität, die die Frau von außen bedroht. Der erste Film war ein reines Spiel.
12 Jahre später erzählten wir nochmal die gleiche Konstellation. Dass 12 Jahre vergangen sind spürt man an der größeren Giftigkeit der Konflikte in „Scharlachrot”, finde ich. Als gewalttätig habe ich den Film nie empfunden. (Das Ende in „Scharlachrot” veranlasste aber den BR bei der ersten Ausstrahlung zu einem Internetchat zum Thema „Gewalt im Internet”. Dabei wurde der Redakteurin u.a. von empörten Zuschauern angedroht, man werde mit ihr dasselbe machen wie mit Nina Kunzendorf im Film. – Danach gabs dann noch einen CSU-Eklat im Fernsehrat und der Film darf nun nie mehr um 20 Uhr 15 aufgeführt werden.)
Für mich ist auch „Scharlachrot” immer noch vor allem anderen ein Spiel, eine Konstruktion – wenn auch mit anderem Ausgang als „Nachtwache”.
Ich habe gebeten, den zweiten Film zuerst zu zeigen, weil er düsterer ist. Der Sprung in die Vergangenheit scheint mir danach interessanter zu sein als der Sprung von 1991 zu Heute. Der eine Film ist in blau und rot gehalten, der andere in gelb und grün. Beide Filme spielen rund um die 1972er-Olympia-Architektur Münchens, die für meine Generation eine große Sehnsucht nach einer anderen Zukunft verkörpert einer von heute aus gesehen längst vergangenen Zukunft sozusagen.
„Nachtwache” war nach 8 Jahren mein 13. „Fahnder”. Am letzten Drehtag des Films im Dezember 1990 gab Klaus Wennemann dann seinen Ausstieg aus der Serie offiziell bekannt.
Dominik Graf
Die letzte Sommersonne
(Potsdamer Neueste Nachrichten, Heidi Jäger, 14.1.2009)
Das Filmmuseum widmet derzeit dem Regisseur Dominik Graf eine Filmreihe
Auch bei der sechsten Wiederholung schreit Arved Birnbaum seine Wut in ungeminderter Kraft heraus. „Gefangenenflucht – bei uns?“ brüllt er als Kommissar seine Polizei-Kollegen an, die einen Verbrecher beim Verhör entkommen ließen. Regisseur Dominik Graf feilt mit heiterer Gelassenheit an der Einstellung im „LKA“, findet lobende Worte für die konzentriert arbeitenden Schauspieler. Man spürt an seiner aufmunternden Art, dass er selbst schon vor der Kamera stand.
Seit Mai 2008 dreht der Münchner an dem großangelegten achtteiligen ARD-Krimi „Im Angesicht des Todes“: ein in Berlin spielendes Familiendrama um organisiertes Verbrechen, das seine Ausläufer bis nach Polen und in die Ukraine hat. Immer wieder greift Dominik Graf ins Krimifach und ist sich dabei keineswegs für’s Fernsehen zu schade. 13 Mal ermittelte „Der Fahnder“ in seiner Regie, auch den „Polizeiruf 110“ führte er mit dem „Scharlachroten Engel“ in ungeahnte Abgründe.
Die jetzt im Potsdamer Filmmuseum laufende Reihe „Filmemachen in Deutschland“ zeigt 13 seiner rund 50 Fernseh- und Kinoarbeiten. „Der Titel hört sich allerdings ein bisschen an wie ,Braunkohleabbau in der Lausitz’“, witzelt der kurzgeschorene, sportive Filmemacher, der sich in einer Drehpause in der leergezogenen Alliierten-Kaserne in der Clayallee aufgeschlossen den Fragen stellt. Er freue sich über diese Retrospektive, die ja wohl noch kein Alterspreis sei und auch nicht bedeute, dass man genug von ihm habe. Der 56-Jährige scheut keineswegs den Blick zurück. „Ich schaue mir öfter ältere Filme von mir an, gerade Krimis, die ähnliche Motive haben. Meine Autoren, mit denen ich immer wieder zusammen arbeite, stellen mich gern vor ähnliche Probleme. Da lässt sich gut aus Fehlern lernen.”
So oft wie Graf für seine Werke gelobt und prämiert wurde, so oft wurde er auch gescholten. Doch die Hoffung auf das, was rauskommt, gebe ihm immer wieder eine wahnsinnige Energie. „Auch wenn es mal wieder nicht so gut wird. Aber das Drehen hat für mich eine innere Motorik: Manchmal mache ich Filme wegen drei, vier Szenen, von denen ich glaube, die Menschheit muss sie unbedingt sehen.”
So wie bei „Deutschland 09“, ein Episodenfilm, in dem namhafte Regisseure wie Fatih Akin, Wolfgang Becker, Nicolette Krebitz, Tom Tykwer oder Hans Weingartner ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. „Es ist eine Bestandsaufnahme, der Status quo, und beschreibt, wo wir gerade sind, was uns weh tut, was eine Chance haben könnte.“ Graf lässt in seinem Beitrag die Architektur sprechen: Mietshäuser im alten Westdeutschland, die kurz vor dem Abriss stehen, weil sie dem Bedürfnis nach Luft, Licht und Modernität nicht zu genügen scheinen. „Die Häuser erleben ihre letzte Sommersonne und verdeutlichen eine bestimmte Nutzlosigkeit.“ Ein Bild, das Graf durchaus auch auf Menschen beziehen möchte. Er belässt die dokumentarischen Aufnahmen, denen er einen eigenen Text unterlegt, im Westen. „Davon verstehe ich mehr.“
Als die DDR zusammenbrach, drehte er mehrfach auch Filme über das ihm fremde untergegangene Land, „über die Leute, die zu kurz gekommen sind.“ „Beim ,Roten Kakadu’, der in der Zeit des Mauerbaus spielt, nahm ich absichtlich die westliche Sicht auf die DDR ein, projizierte meine eigenen Dinge hinein. Als die DDR gegründet wurde, trat sie in Abgrenzung zu der noch immer braun durchzogenen BRD dazu an, das bessere Deutschland zu sein. Als die Mauer gebaut wurde, trug sie diese Hoffnung zu Grabe. Doch es gab diese Utopie DDR. Wann sie zu Ende ging, muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Für Dominik Graf gibt es noch immer zwei Deutschlands. Aber nicht den Osten und Westen, „sondern ein Land, in dem Gerechtigkeit herrschen könnte und dem, in der machthungrige Bonzen regieren.“
Auch sein 2006 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Krimi „Eine Stadt wird erpresst“ erzählt von persönlicher und kollektiver DDR-Vergangenheit, von Solidarität. „In Krimis geht es nicht nur um verderbliche, schreckliche Sachen, sondern auch um Lebenslust, gerade an der Grenze zwischen Leben und Tod. An den Übergängen zwischen körperlicher Gewalt und Sinnlichkeit: da fühle ich mich zu Hause. Fast alle Figuren in meinen Filmen balancieren am Abgrund und haben Freude daran.“ Da sei es egal, ob es sich wie bei „Das Gelübde“ um eine stigmatisierte und heilig gesprochene Nonne handelt, deren Visionen der romantische Dichter Brentano festhielt, oder um einen Bankräuber, den Götz George vor 20 Jahren in „Die Katze" spielt: „Bei allem interessiert mich allein die Intensität der Figuren, die auf der Kippe stehen. Und manchmal sind die engen Räume, in denen sie agieren, wie Höhlen, in denen sich die ganze Welt spiegelt.“
Der Lebensgefährte von Regisseurin Caroline Link bekennt, dass ihm die Anerkennung für seine Arbeit durchaus wichtig sei. „Gerade wenn man schon nicht massenhaft das Publikum erreicht, helfen wenigstens Preise, dass man im Gedächtnis bleibt.“ Doch ein Film sei kein Flop, weil der Kassenerfolg ausbleibt. „Oft haben es gerade gute Filme schwer beim Publikum.“ Schmerzhaft sei es nur, wenn Sachen der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Da tritt Dominik Graf die Flucht nach vorn an, dreht eben für das Massenmedium Fernsehen, das er per sé nicht als flach und trivial abstempeln lassen will. „Gerade derzeit wird behauptet, dass das Fernsehen das Kino beschmutzt. Es wird dafür verantwortlich gemacht, dass Kinofilme wie die Buddenbrooks oder der Baader Meinhof Komplex, die als amphibische Filme fürs Fernsehen und Kino produziert wurden, nicht den höchsten Ansprüchen genügen. Es gab schon immer im Kino wie Fernsehen eine Menge Mist. Das liegt aber an den Stoffen und an den Regisseuren. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich auf perfide Weise verändert, das ist unbenommen. Aber es gibt dort durchaus tolle Redakteure und Chefs, die sich bemühen und nicht alles falsch und blöd machen.“ Und so fühlt sich Dominik Graf auch nicht von der Medienschelte Marcel Reich-Ranickis angegriffen. Getragen vom eigenen Anspruch dreht er weiter an dem Krimi-Mehrteiler, der Anfang 2010 in die Wohnzimmer flimmert. Und erneut schreit Arved Birnbaum als LKA-Kommissar seine Wut heraus – bis die letzte Klappe fällt.

Bildunterschrift: Dominik Graf bei Dreharbeiten zu „Das Gelübde”



Social Networks
Kulturpartner
» Potsdam 2011 - Stadt des Films
» Tourismus-Marketing Brandenburg
» Kinematheksverbund
» Neuer Kunstkalender Potsdam