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Szenenfoto aus „Berlin – Ecke Schönhauser” (1957)
Szenenfoto aus „Berlin – Ecke Schönhauser” (1957) 

» Babelsberger Filmgeschichte

Filmstadt Babelsberg

August – Dezember 2004
1. Filmnacht: „Wie aus Ferne Nähe wurde”
Die Stille nach dem Schuss
RE: Volker Schlöndorff, DA: Bibliane Beglau, Nadja Uhl, Martin Wuttke u.a., D 2000
Eine RAF-Terroristin, die in der DDR untertauchte, um dort im real existierenden Sozialismus ein unauffälliges Leben zu beginnen, wird nach dem Fall der Mauer enttarnt und bei ihrem letzten Fluchtversuch in den Westen von Grenzsoldaten der DDR erschossen. Ein überzeugender Versuch deutsch-deutscher Geschichtsaufarbeitung. Durch die Zusammenarbeit mit dem Autor Wolfgang Kohlhaase (einem der brillantesten Szenaristen der DEFA) und dem filmisch der 68er-Generation verbundenen Regisseur entstand ein pointierter Film von einer selten erlebten Authentizität. Bestechend das berührende Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen, das zuweilen die Grenzen von Fiktion und Realität aufhebt.

Berlin – Ecke Schönhauser
RE: Gerhard Klein, DA: Ekkehard Schall, Ilse Pagé, Ernst-Georg Schwill u.a., DDR 1956/57
Ein U-Bahn-Bogen wird zum Treffpunkt von Teenagern, denen der Platz im Elternhaus zu eng wird und die vor ihrem Leben davon laufen. Einer erhofft sich auf der Straße die Freiheit, ein anderer flüchtet vor seinem ständig betrunkenem Vater, ein Dritter ist schon auf der schiefen Bahn. Ein vermeintlicher Totschlag sorgt für einen Wendepunkt. Ein anerkennenswerter Versuch des Berlin-kundigen Autoren-Regie-Teams Wolfgang Kohlhaase/Gerhard Klein, den Ursachen des „Halbstarken-Problems”, das ja in der offiziellen DDR-Terminologie nicht existierte, auf den Grund zu gehen. Der bei den Parteifunktionären argwöhnisch betrachtete Film wurde bei Teilen der Kritik und des Publikums ein deutlicher Erfolg.

Ich war neunzehn
RE: Konrad Wolf, DA: Jaecki Schwarz, Alexej Ejboshenko, Jenny Gröllmann, Michail Glusski u.a., DDR 1968 April 1945. In der Uniform eines sowjetischen Leutnants kommt der 19-jährige Deutsche Gregor Hecker in seine Heimat zurück. Er war 8, als seine Eltern nach Moskau emigrierten. Vom 16. April bis 2. Mai fährt er im sowjetischen Militärfahrzeug auf dem Weg der 48. Armee von der Oder nördlich an Berlin vorbei und fordert mit einem Lautsprecherwagen die noch vereinzelt kämpfenden deutschen Soldaten zum Überlaufen auf. Täglich begegnet Gregor Menschen unterschiedlicher Art, vom Mitläufer bis zum eingefleischten Faschisten. Langsam begreift er, dass es „die Deutschen” nicht gibt. Als sein Freund Sascha bei einem letzten Kampfeinsatz fällt, steht für Gregor fest, dass er sich dem Aufbau eines neuen Deutschland nicht verweigern kann.

GÄSTE
Volker Schlöndorff
Geb. 1939 in Wiesbaden. 1956 geht er im Schüleraustausch nach Frankreich; aus dem ursprünglich für zwei Monate geplanten Aufenthalt werden zehn Jahre. 1959 macht er das Abitur in Paris, anschließend das deutsche in Frankfurt am Main. Er studiert politische Wissenschaften bis zum Staatsexamen in Paris und besucht anschließend, ebenfalls in Paris, das Institut des Hautes Etudes Cinematographiques (IDHEC). Hier lernt er Louis Malle kennen. Ab 1960 arbeitet Schlöndorff als Volontär an Filmen französischer Regisseure (u.a. Malle, Melville, Resnais) mit. Nach einem Kurzfilm über Algerier in Frankfurt am Main und Reportagen für das französische Fernsehen – mit Louis Malle – über Südost-Asien und Algerien dreht er 1965/66 in Österreich seinen vielbeachteten und mehrfach preisgekrönten Film „Der junge Törless”. Ende der 60er Jahre gründet er zwei Produktionsfirmen (mit Peter Fleischmann und Reinhard Hauff) und engagiert sich in den 70er Jahren für die Filmförderungsgesetze der BRD. Nach der Übernahme der DEFA-Studios durch den französischen Mischkonzern Companie General des Eaux (CGE) im Sommer 1992 übernimmt Schlöndorff mit dem Wirtschaftsfachmann Pierre Couveinhes die Geschäftsführung der Firma. Seine Vision von Babelsberg als Zentrum des europäischen Films geht nicht auf. Seit 1998 arbeitet Schlöndorff wieder als Regisseur. Filme (u.a.): „Der junge Törless” (1965/66), „Die verlorene Ehre der Katharina Blum” (1975, Co-RE mit Margarethe von Trotta), „Deutschland im Herbst” (1977, mit anderen Regisseuren und als Co-P), „Die Blechtrommel” (1978, ausgezeichnet mit dem Oscar), „Eine Liebe von Swann” (1983), „Der Tod eines Handlungsreisenden” (1984), „Homo Faber” (1990), „Der Unhold” (1996).

Wolfgang Kohlhaase, Szenarist und Autor
Geb. 1931 in Berlin. 1947 Volontär und Redakteur bei der Jugendzeitschrift „Start”, dann Mitarbeiter der FDJ-Zeitung „Junge Welt”. 1950 - 1952 Dramaturgie-Assistenz bei der DEFA, seit 1952 Drehbuchautor und Schriftsteller. 1953/54 Beginn der Arbeit mit dem Regisseur Gerhard Klein, ab 1967 Arbeit mit Konrad Wolf. Nach dem Tod Wolfs leitet Kohlhaase die Herstellung eines langen Dokumentarfilms über den Regisseur und Kulturpolitiker (langjähriger Präsident der Akademie der Künste), „Die Zeit, die bleibt”, zusammen mit Lew Hohmann und einem Autorenteam. Für den Regisseur Frank Beyer entstehen zwei Szenarien. Seit Mitte der 60er Jahre schreibt Kohlhaase Hörspiele, u.a. „Fragen an ein Foto” (1970 verfilmt als „Mama, ich lebe”) und „Die Grünsteinvariante” (1976 verfilmt von Bernhard Wicki). Filme (u.a.): „Alarm im Zirkus” (1953/54, RE: Gerhard Klein); „Berlin - Ecke Schönhauser” (1956/57, RE: Gerhard Klein); „Der Fall Gleiwitz” (1960/61, Co-SZ: Günther Rücker, RE: Gerhard Klein); „Ich war neunzehn”(1968), „Der nackte Mann auf dem Sportplatz” (1973), „Solo Sunny” (1978/79 – alle RE: Konrad Wolf); „Der Aufenthalt” (1981/82), „Der Bruch” (1988 – alle RE: Frank Beyer); „Die Stille nach dem Schuss” (2000, RE: Volker Schlöndorff).
„Merkwürdigerweise – Kino ist es immer gut gegangen, wenn es so ein gewisses Gruppengefühl gab, also wenn eine Generation von Leuten angefangen hat, Filme zu machen, auch aufeinander bezogen. Der neue deutsche Film war ja die Hervorbringung einer Gruppe, und es war auch ein Gegenstand der Abneigung da, nämlich im ästhetischen und gesellschaftlichen Verständnis. Und in der DDR ging′s Film gut in gewissem Sinne, wenn er sich rieb an den Unzulänglichkeiten der Gesellschaft. Das hatte nicht unbedingt mit Dissidenz zu tun, sondern es hatte mit der Unzufriedenheit zu tun, mit der Diskrepanz zwischen den Entwürfen und der Wirklichkeit. Wenn Film sich darauf richtete und das dann auch noch viele versuchten, dann ging′s dem Film gut. Und deshalb ging′s ihm so schlecht, als die Anstrengungen eines ganzen Jahres verboten wurden. Ich glaube, es muss Zeit vergehen, und man muss sich ja auch bewusst sein, dass zwei oder drei oder sogar vier Generationen Filme machen. Junge Leute werden ganz andere Antworten finden und ganz andere Herangehensweisen ... Wir leben, glaube ich, immer noch in einer Zeit der Betäubung, es ist so vieles neu, und nicht, wie manche denken, nur für die Leute im Osten. Es ist auch für die Leute im Westen neu, manche haben es nur noch nicht verstanden. Ich glaube, manches braucht Zeit, und die Aufklärung, was immer man darunter versteht, die sich die DDR ja vorgenommen hatte, die sich auch die Linke vorgenommen hatte – bei großer Entfernung gab′s ja wieder Parallelen! –, die ist diskreditiert. Die Zusammenhänge gehen verloren, die Effekte leben hoch, aber das bleibt doch nicht so. Es ist doch ganz klar, dass sich die Fragen erneuern, also – das Ende des Jahrhunderts hat alle Fragen, die es am Anfang gab, riesengroß wieder zur Verfügung. Und in diesem Kontext wird′s Kino geben, gar kein Zweifel, Kino für viele Leute.” (1996)

2. Filmnacht: „Comeback mit Heidi M.”
Bis dass der Tod euch scheidet
RE: Heiner Carow, DA: Katrin Saß, Martin Seifert, Renate Krößner u.a., DDR 1978
Jens, Bauarbeiter, Mitte zwanzig, und Sonja, Verkäuferin, lieben sich, heiraten, haben eine eigene Wohnung und bald ein Kind. Sonja bleibt zu Hause, fühlt sich aber unterfordert und isoliert. Sie will wieder arbeiten, was Jens aber strikt ablehnt. Sonja fühlt sich bevormundet und macht heimlich die Facharbeiterprüfung. Als Jens das erfährt, wird er tätlich. Die Ereignisse eskalieren, Jens beginnt zu trinken, Sonja lässt ihr zweites Kind abtreiben. Sie hindert Jens nicht daran, aus einer Seltersflasche zu trinken, in der sich ein Reinigungsmittel befindet. Heiner Carows Regie ergibt einen harten, herausfordernden Film, der die schwelenden Lebensfragen und die Gefühle der Zuschauer tief trifft und aufstört: die Geschichte einer jungen Ehe, deren unerwarteter Sturz aus Blütenträumen in Fremdheit und Feindschaft die Frau zum Tötungsversuch an ihrem Mann treibt. Das Szenarium schrieb Günther Rücker nach einer Pressenotiz in der Rostocker „Ostsee-Zeitung”.

Heidi M.
RE: Michael Klier, DA: Katrin Saß, Dominique Horwitz, Franziska Troegner u.a., D 2001
Eine Frau um die Fünfzig, die von ihrem Mann sitzen gelassen wird, betreibt einen Kiosk. Als ihre Tochter für ein Jahr nach Australien geht, ist sie noch einsamer als vorher. Sie lernt einen ebenfalls allein erziehenden Mann kennen, schreckt aber aufgrund ihrer Erfahrungen vor einer neuen Beziehung zurück. Ein eindringlicher Film über Einsamkeit und eine neue Lebenschance, über das Streben nach Glück und die Hindernisse, die sich die Menschen oft selbst in den Weg legen. In unaufdringlichen Bildern erzählt, erzeugt er große Nähe zu den Figuren. Hervorragend: Katrin Saß.

Good Bye, Lenin!
RE: Wolfgang Becker, DA: Daniel Brühl, Katrin Saß, Chulpan Khamatova u.a., D 2003
Alex Kerner ist ein junger Ostberliner, dessen Mutter kurz vor dem Mauerfall einen Herzanfall erleidet und ins Koma fällt. Als sie acht Monate später wieder erwacht, befürchtet Alex, jede Aufregung könnte zu viel für das schwache Mutterherz sein. Und so verschweigt er ihr die Änderung des Weltgeschehens, holt sie zurück nach Hause und setzt alle seine Energie daran, in der Plattenbauwohnung eine Simulation der DDR aufrecht zu erhalten. Im Zeitraffer wird das zwischenzeitlich schon auf gesamtdeutsches Niveau gebrachte Zimmer der Mutter wieder mit Blümchentapete und Pressholzmöbeln in den Vor-Wende-Zustand versetzt und die Antenne des Radios gekappt. Diese virtuose Tragikomödie über die Wende bezieht die Tragweite der Wiedervereinigung besonders für die Ostdeutschen ein, ohne die DDR nostalgisch zu verklären. Ein Film der großen Gefühle, voll origineller Ideen und einer Leichtigkeit, die von vornherein jede Wehleidigkeit ausschließt.

GÄSTE
Michael Klier
Geb. 1943 in Karlsbad. Er ist gelernter Theatermaler. Einige Jahre lebt er in Paris. Danach studiert er ab 1969 Philosophie und Geschichte an der FU Berlin. Er lebt heute in Berlin, wo er auch einige Zeit seinen Lebensunterhalt als aktiver Fußballer verdiente. Sein Werk umfasst Dokumentar- und Spielfilme sowie filmische Porträts. In den 60er, 70er und 80er Jahren macht Klier zahlreiche kurze Filme, u.a. über Roberto Rossellini, Alain Tanner, Alexander Kluge, Joseph Losey, Jean-Marie Straub, Francois Truffaut (bei dem er volontierte) und über die Kameraleute von Godard. Zwischen 1995 und 2001 lehrt er Regie an den Filmhochschulen HFF „Konrad Wolf” in Potsdam-Babelsberg, HFF München und DFFB Berlin. Filme (u.a.): „Abitur” (1964, Kurzfilm); „Ferrari” (1964); „Die erfolgreichen Piraten” (1979); „Entweder ist es aus, oder es hat noch nicht angefangen” (1979); „Godards Kameramänner” (1980); „Der Riese” (1983, TV-Doku), „En Passant” (1984, TV-Doku), „Überall ist es besser, wo wir nicht sind” (1989); „Ostkreuz” (1991); „OUT OF AMERICA” (1994); „Heidi M.” (2001); „Ein Mann boxt sich durch” (2001, Kurzfilm), „Farland” (2004).

Katrin Saß
Geb. 1956 in Schwerin. Nach einer Ausbildung zur Telefonistin erhält sie in Rostock eine Schauspielausbildung. Ihr erstes Engagement tritt sie 1978 am Kleist-Theater in Frankfurt/Oder an, dem sie bis 1981 angehört. Danach Arbeit am Landestheater Halle. Saß′ Filmdebüt in Heiner Carows „Bis dass der Tod euch scheidet” erfolgt noch während des Schauspielstudiums; da ist sie 21. Sie spielt eine junge Verkäuferin, deren übereilte Ehe in schweren Turbulenzen endet. Zeitnahe, sozial engagierte und realitätsbestimmte Gegenwartsstoffe wie Herrmann Zschoches „Bürgschaft für ein Jahr” bleiben ihr Metier, in dem sie besonders glaubwürdig agiert. Später erhält sie auch Aufgaben in historischen Stoffen und Fernsehfilmen (u.a. „Das Haus am Fluss”, 1984/85; „Fallada – Letztes Kapitel”, 1987). Nach der Wende spielt das Kino in der Karriere von Katrin Saß längere Zeit keine Rolle mehr. Stattdessen konzentriert sie sich auf die Bühne und das Fernsehen (u.a. Krimiserien „Tatort” und „Polizeiruf 110”). Für ihre Interpretation der Heidi M. in dem gleichnamigen Kinofilm wird Katrin Saß im Juni 2001 mit dem Deutschen Filmpreis als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.

3. Filmnacht: „Der Magier und sein Medium”
Abschied
RE: Egon Günther, DA: Rolf Ludwig, Jan Spitzer, Heidemarie Wenzel u.a., DDR 1968
Im August 1914, im allgemeinen Freudentaumel über den bevorstehenden Krieg, trifft der 17-jährige Münchner Bürgersohn Hans Gastl eine Entscheidung: Er wird diesen Krieg nicht mitmachen. Dieser Entschluss bedeutet eine Wende in seinem Leben, Abschied von seiner Klasse, seiner Familie. Seine Vorstellungen vom „Anderswerden” sind noch nebulös, doch sie verbinden sich mit einem sinnvollen Leben in einer gerechten Gesellschaft. Schon als Kind rebelliert Gastl, der Sohn eines Oberstaatsanwaltes, gegen die Saturiertheit und die Scheinmoral im Elternhaus. In der Beziehung zu seinen Mitschülern Feck und Freyschlag ist er ständig hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für deren Mut und Abscheu vor den üblen Streichen. Er denkt an die Freundschaft mit dem Juden Löwenstein und dem Arbeiterjungen Hartinger und an die tragisch endende Liebe mit der Prostituierten Fanny. Deutsche Bürgerwelt mit scharfem, verfremdeten Blick abgeurteilt, Sinnsuche in gärenden Verhältnissen, Verstrickung in Liebe, Wahn und Mord. Dabei nur eine Klarheit: Die Absage an den Krieg. Der Film wird glanzvoll abgenommen, erhält das Prädikat „besonders wertvoll” und wird kurze Zeit nach der Premiere aus den Kinos genommen. „Abschied” ist danach in kein normales Programm mehr gekommen, obwohl der Minister festgelegt hatte: „Der Film gilt nicht als verboten.”

Der Dritte
RE: Egon Günther, DA: Jutta Hoffmann, Armin Mueller-Stahl, Barbara Dittus, Rolf Ludwig u.a., DDR 1972
Jutta Hoffmann tanzt als Margit Fließer „Bandiera rossa” singend über die Leinwand, revolutionären FDJ-Elan naiv ausspielend und verfremdend. Ein Mädchen, das aus einer Diakonissen-Schule fortgegangen ist – aus dem Glauben ins Wissen-Wollen; zwei Männer, zwei Verluste, zwei Kinder. Ein „richtiger” Beruf, aber offene Fragen, Einsamkeit. 18 Jahre Leben dieser Frau, erzählt auf zwei Zeitebenen, intensiv und spielerisch. In der Gegenwart der Entschluss und die Aktion Margits, sich selbst den dritten Mann, den Richtigen zu holen, weil sonst doch nichts wird. Der Film erringt internationale Preise, sein Frauen- und Weltbild wird als Signal verstanden und vom Zuschauer angenommen. Der Stoff, von Günther Rücker nach einer Reportage von Eberhard Panitz geschrieben, hatte gelegen und war hin- und hergewendet worden. Die Frau erschien den Funktionären nicht geheuer. Doch Rücker nahm′s gelassen. „Der Realismus hat noch immer gesiegt”, sagte er, als der Film im Kino war.

Die Braut
RE: Egon Günther, DA: Veronica Ferres, Herbert Knaup, Sibylle Canonica, Franziska Herold, Rüdiger Vogler, Christoph Waltz u.a., D 1998
Erzählt wird die Liebe des Geheimrates und Geistesgenies Goethe zu der kleinbürgerlichen Christiane Vulpius, von der ersten Begegnung 1788 bis zu ihrem Tod 1816. 18 Jahre nachdem der „allersuperbste Schatz” die „Frau, die nur Freude schenkt” zum ersten Mal im Park an der Ilm trifft, heiratet Goethe seinen lustigen „Bettschatz”. Es ist eine sinnliche Beziehung, wenig akzeptiert von der guten Weimarer Gesellschaft. Besonders Charlotte von Stein steht ständig zwischen dem ungleichen Paar. „Die Braut” ist nach dem Willen des Drehbuchautors und Regisseurs Günther keine historisch verbürgte Geschichte oder gar eine huldvolle Annäherung an den Genius Goethe und alles andere als verstaubtes Kino für Bildungsbürger geworden. Der Film erzählt eine starke, berührende Liebesgeschichte, so authentisch wie nötig, so frei wie möglich.

GÄSTE
Egon Günther
Geb. 1927 in Schneeberg. Nach einem Studium in Leipzig (Pädagogik, Philosophie und Germanistik) arbeitet Günther als Lehrer und Lektor und veröffentlicht ab Mitte der 50er Jahre Romane und Gedichtbände. 1958 fängt er bei der DEFA als Dramaturg und Drehbuchautor an (u.a. „Das Kleid”, „Alaskafüchse”). 1964 debütiert Günther als Regisseur mit der zeitkritischen Betrachtung einer Ehe ohne Liebe, „Lots Weib”, und erweist sich als ein exakter Chronist des DDR-Alltags. Sein zweiter Film („Wenn du groß bist, lieber Adam”) wird in Folge des 11. Plenums 1965 mit einem kompletten DEFA-Jahrgang auf Eis gelegt. „Abschied”, die Adaption von Bechers prosozialistischem Kampfroman, bringt Günther 1968 auch international den Durchbruch; in der DDR wird die von überkommenen Regietraditionen und kleinkarierter Spießermoral befreite Geschichte sofort aus dem Kino genommen und kommt nicht mehr in ein normales Programm. Nach zwei weiteren Zeitbildern aus der DDR („Der Dritte”, 1972; „Die Schlüssel”,1974), die mit ihrem Plädoyer für tiefe Gefühle thematisch einen Rückzug ins Private zu signalisieren scheinen, nimmt Günther mit dem Thomas-Mann-Stoff „Lotte in Weimar” (1975) und mit Goethes „Die Leiden des jungen W.” (1976) zwei gänzlich andere historisch-literarische Themen in Angriff. So gelingt ihm mit dem „Werther”-Film eine Auseinandersetzung mit den Begriffen Anpassung und Rebellion sowie den Widersprüchlichkeiten gesellschaftlicher Normen und Entwicklungen.
Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns übersiedelt Günther nach dem Westen, wo er vorwiegend TV-Produktionen macht (u.a. den Kolonialdreiteiler „Morenga”, „Exil” nach Feuchtwangers Roman). Rund 15 Jahre später dreht er bei der in Auflösung begriffenen DEFA einen ihrer letzten Filme : „Stein” (1991), die Geschichte eines Schauspielers, der sich nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag 1968 in die innere Emigration begibt. Ein geniales, leider viel zu wenig beachtetes Requiem auf die verlorenen, verspielten Chancen der DDR. Faszinierend auch der Fernsehfilm „Lenz” (1992) über den früh verstorbenen Dichter, der den Adel ebenso angriff wie das unterwürfige Bürgertum. Danach kann Günther sechs Jahre nicht mehr inszenieren. Für sein „Nietzsche”-Projekt findet sich kein Produzent, für „Unkenrufe” fehlt das Geld. 1998 entsteht fürs Kino „Die Braut”, mit der sich Günther einen Lebenstraum erfüllen wollte: mit einer großen Liebesgeschichte zwischen Christiane Vulpius und Johann Wolfgang von Goethe. Nach der Erzählung von Angelika Schrobsdorff dreht Günther 1999 den zweiteiligen Fernsehfilm „Else – Geschichte einer leidenschaftlichen Frau”.

Was war die DEFA für Sie?
„Die Nährmutter! Sie war mein Leben, gar keine Frage. Sie war Heimat, wirklich Heimat. Und das betrifft ja nicht nur die Gebäude oder die Ateliers oder die Mitarbeiter. Ich bin sicher, dass in solchen Institutionen etwas entsteht, was man nicht real erklären kann. Es ist der Geist des Ortes. Den konnte Hugenberg, der das Studio begründete, nur ahnen, den konnten die Faschisten nicht zerstören, den konnten die Oberkommunisten nicht zerstören.
Ich bin ein fanatischer Schreiber, und ohne Prosa könnte ich nicht leben – aber richtig lebe ich im Atelier. Da ist diese Magie. Deshalb halte ich auch nichts von optischen Drehbüchern oder von – ich weiß nicht was – Proben in der Garderobe, sondern nur von der Magie dieses Ortes. In dem Moment, wo das erste Licht angeht, ist die Welt verzaubert. Wo man ahnt, welches Objektiv man nehmen muss, und lange Brennweiten die Welt nochmal verzaubern. Das ist ein großes Glück. Ohne die DEFA hätte ich es nie geahnt.
Ich hätte mir gewünscht, dass es 1990 eine politische Entscheidung gegeben hätte, die DEFA nicht gleich in den puren Kapitalismus zu entlassen. Vielleicht hätte man das Studio noch sechs, sieben Jahre staatlich unterstützen sollen. Als ein Instrument, das den Prozess der Vereinigung mit begleitet, beschreibt, analysiert. Es war eine utopische Idee. Aber es hat sich keine andere Idee durchgesetzt, sondern es wurde verkauft, was hätte unverkäuflich sein müssen. Warum gewinnen eigentlich immer die anderen?”
(aus einem Interview mit Ralf Schenk, 2000)

Jutta Hoffmann
Geb. 1941 in Halle. Hoffmann ist in den 60er und 70er Jahren eine der gefragtesten Darstellerinnen moderner Frauen im zeitgenössischen DDR-Kino. Sie beginnt mit 18 Jahren ein Studium an der Babelsberger Filmhochschule und erhält 1960 ihre erste Filmrolle. Im selben Jahr beginnt sie an Ostberliner Bühnen zu spielen, ab 1973 am Berliner Ensemble. Für das Kino ab 1963 aktiv, hat sie ihre interessantesten Rollen in Spiel- und Fernsehfilmen Egon Günthers. In dessen TV-Zweiteiler „Junge Frau von 1914” nach Arnold Zweigs Roman gibt Hoffmann ein sensibles Porträt einer Bankierstochter, deren Liebe zu einem mittellosen Schriftsteller durch gesellschaftliche Vorurteile harten Prüfungen unterzogen wird. In dem Frauenzeitbild „Der Dritte” verkörpert sie eine junge, selbständige Mathematikerin und zweifache Mutter auf der Suche nach einer neuen Liebe. Zwei weitere problemorientierte Rollen spielt sie in Günthers „Die Schlüssel” und in Frank Beyers „Das Versteck” – zwei Frauen, die sich im Selbstfindungs- bzw. Trennungsprozess befinden. Seit 1978 tritt sie regelmäßig an Bühnen im deutschsprachigen Westeuropa (BRD und Österreich) auf, im „Polizeiruf” spielt sie in den 90er Jahren eine Kommissarin. Hoffmannn ist Professorin an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Filme (bis 1979 in der DDR u.a.): „Julia lebt” (1962), „Karla” (1965/1966 - 1990), „Zeit zu leben” (1968), „Dr. med. Sommer II” (1969), „Der Dritte” (1972), „Die Schlüssel” (1972), „Lotte in Weimar” (1974), „Das Versteck” (1976), „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit” (1985), „Bandits” (1996).

Veronica Ferres
Geb. 1965 in Solingen. Ihr professionelles Bühnendebüt erfolgt 1985, sie spielt in Stücken von Tschechow und Moliere. Edgar Reitz engagiert sie für seinen Fernseh-Mehrteiler „Die zweite Heimat”, sie übernimmt Gastrollen für weitere Serien. 1994 wird sie erstmals auch für eine internationale TV-Produktion („Katharina die Große”) engagiert. Nach anfänglicher Festlegung auf Vollweib-Blondinen erhält die Ferres im Laufe der Zeit die Gelegenheit für psychologisch fundiertere Charaktere (u.a. in „Schtonk”, 1991, gedreht von ihrem damaligen Lebensgefährten Helmut Dietl). 1996 persifliert sie in Dietls satirischer Attacke auf die literarisch-mediale Schickeria Münchens, „Rossini oder Die mörderische Frage wer mit wem schlief”, in ihrer Rolle als Schneewittchen ihr dumb blonde-Image. 1997 unternimmt Ferres ihren ersten Abstecher zum englischsprachigen Kino („Ladies Room”, CAN/GB), ein Jahr später überzeugt sie als Christiane Vulpius in Egon Günthers Film „Die Braut”.

4. Filmnacht: „Regisseur Roland Gräf und seine schönen Frauen”
Langjährige Partnerschaft mit den Schauspielerinnen Jutta Wachowiak und Corinna Harfouch
Rosenstraße
RE: Margarethe von Trotta, DA: Katja Riemann, Maria Schrader, Jürgen Vogel, Doris Schade, Jutta Wachowiak u.a., D 2003
Eine junge Amerikanerin will endlich mehr über die Herkunft ihrer Mutter erfahren, die über ihre Kindheit nie geredet hat. Sie begibt sich auf Spurensuche, fährt nach Berlin und findet dort die 90-jährige Lena Fischer, die vor 60 Jahren ein Mädchen zu sich genommen hatte: die Mutter der Amerikanerin. Lena Fischer erzählt, was geschah: Über 5000 noch in Berlin lebende Juden, bisher durch arische Ehefrauen vor der Deportation geschützt, wurden Ende Februar 1943 überraschend verhaftet. Die verzweifelten Frauen fanden heraus, dass ihre Männer in ein früheres jüdisches Wohlfahrtszentrum in Berlin-Mitte gebracht worden waren. Immer mehr von ihnen fanden sich dort ein und verharrten eine Woche lang Tag und Nacht in der Rosenstraße. Vereinzelte Rufe wuchsen zu gemeinschaftlichem Protest. Unter den Frauen war Lena Fischer, die ihre angesehene Familie einschaltete, sich sogar dem Propagandaminister andiente und dessen Sucht nach schönen Frauen nutzte. Und die Inhaftierten kommen wirklich frei! Lena Fischer nahm sich eines jüdischen Mädchens an, das in der Rosenstraße vergeblich nach ihrer Mutter gesucht hatte und rettete so das Leben des Kindes. Eine dramatische Geschichte um deutsche Zivilcourage und jüdische Spurensuche, die drei Generationen umfasst. Bereits 1993 berichtete Daniela Schmidt in ihrem Dokumentarfilm „Im Schatten der Männer – Rosenstraße” über dieses historisch verbürgte Geschehen in Berlin.

Fallada – Letztes Kapitel
RE: Roland Gräf, DA: Jörg Gudzuhn, Jutta Wachowiak, Corinna Harfouch, Katrin Saß u.a., D 2003
Die letzten zehn Jahre (1937 - 1947) aus dem Leben des Dichters Hans Fallada, der mit seiner Familie in Carwitz wohnt. Seine Sehnsucht nach Harmonie kollidiert mit den Zeitumständen und seiner eigenen inneren Zerrissenheit. Er schreibt kaum noch Belangvolles, trinkt, nimmt Tabletten. Seine Frau Anna betreut ihn in den Zeiten tiefster Depression, erträgt seine Aggressionen und seine Liaison mit dem Hausmädchen. Als er mit der Fabrikantenwitwe Ursula Losch ein Verhältnis beginnt, lässt sie sich scheiden. Die Liebe zu der schönen, jungen Ursula gibt ihm neuen Lebensmut, doch nicht auf Dauer. Sie ist Morphinistin und zieht ihn noch weiter in den Abgrund. Den kurzen Hoch-Zeiten folgen immer größere Tiefs. Nach Ende des Krieges setzt ihn die Rote Armee als Bürgermeister ein, doch Fallada scheitert an der ungewöhnlichen Aufgabe, betäubt sich mit Alkohol und Morphium. Er geht nach Berlin, schreibt in kurzer Zeit unter dem Einfluss von Freunden „Jeder stirbt für sich allein”. Körperlich ist er am Ende, wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo er im Februar 1947 stirbt. Ein Film über eine labile Künstlerpersönlichkeit, die ein neutrales Verhältnis zur Gesellschaft hat und nur sieht, wie Menschen leben, leiden und lieben. Der Krieg um das Projekt – im Studio und mit der HV Film – dauert jahrelang. Roland Gräf: „In "Fallada" geht es eben um Anpassung um jeden Preis, den man dafür zahlt. Da gab es im Nachhinein auch politische Verleumdungen.”

Sexy Sadie
RE: Matthias Glaser, DA: Corinna Harfouch, Jürgen Vogel u.a., D 1996
Ein junger Gewaltverbrecher, der nur noch kurze Zeit zu leben haben soll, bricht aus der Anstalt aus und nimmt seine Ärztin als Geisel. Während er mit rachsüchtigen Personen aus seinem früheren Leben konfrontiert wird, stellt sich allmählich heraus, dass die Ärztin im Hintergrund die Fäden zieht und an der Flucht beteiligt ist. Eine schwarze Komödie über ein sensibles und kontrovers diskutiertes Thema, die ihr episodisches, allzu flüchtiges Handlungsraster makabren Pointen unterordnet. Hervorragend fotografiert, fesselt der Film in seinen kompositorisch außergewöhnlichen Details, die sich als lakonischer Kommentar zur „Lebensmoral” der 90er Jahre deuten lassen.

GÄSTE
Roland Gräf
Geb. 1934 in Meuselbach. Gräf absolviert eine Lehre als Industriekaufmann, macht sein Abitur an der ABF in Jena und studiert dann an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, Fachrichtung Kamera. 1960 beginnt er bei der DEFA, zu seinen besten Kameraarbeiten in den 60er Jahren zählt der Film „Jahrgang 45” (RE: Jürgen Böttcher), der nach dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 mit einem kompletten Filmjahrgang verboten wurde. 1970 debütiert er mit „Mein lieber Robinson” mit einem lebensnahen Zeitbild über eine schwierige Enscheidungsfindung als Regisseur. Gräf bleibt thematisch dem Alltag treu, Gegenwartsstoffe wie „Bankett für Achilles”, „P.S.” und „Fariaho” arrangiert er als unaufgeregte Einblicke in die nur scheinbar homogene, bei genauerer Betrachtung aber zutiefst zerrissene Gesellschaft. Ungewöhnlich kritisch geht sein Film „Die Flucht” – am Beispiel einer Frauenklinik – mit dem Tabuthema des Verlassens des Arbeiter- und Bauernstaates um. Mit „Das Haus am Fluss” wendet sich Gräf der Vergangenheit zu und skizziert ein Zeit- und Sittenbild aus dem Zweiten Weltkrieg. 1988 inszeniert er die überzeugende Künstler-Psycho-Studie „Fallada – Letztes Kapitel”. Noch vor der Wiedervereinigung entsteht in deutsch-deutscher Ko-Produktion das Zeitstück „Der Tangospieler”. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der sich – zermürbt durch eine mehrmonatige Haft und dem Gefühl, persönlichem und gesellschaftlichem Stillstand unrettbar ausgeliefert zu sein – vom Unangepassten zum Mitläufer wandelt.
Filme als Kameramann nach 1966 (u.a.): „Leben zu zweit” (1967), „Das siebente Jahr” (1968), „Dr. med. Sommer II” (1969), „Sechse kommen durch die Welt” (1971).
Filme als Regisseur: „Mein lieber Robinson” (1970), „Bankett für Achilles” (1974/75), „Die Flucht” (1976), „P.S.” (1978), „Märkische Forschungen” (1981), „Fariaho” (1983), „Das Haus am Fluss” (1984/85), „Fallada – Letztes Kapitel” (1988), „Der Tangospieler” (1990), „Die Spur des Bernsteinzimmers” (1991).

Jutta Wachowiak
Geb. 1940 in Berlin. Nach einer Sekretärinnenausbildung besucht sie 1961 - 1963 die Schauspielabteilung der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Schon während ihrer Ausbildung nimmt sie Filmrollen an. Als Schauspielerin ist sie seit 1963 am Potsdamer und am Karl-Marx-Städter-Theater engagiert, danach am Deutschen Theater Berlin, wo sie heute noch spielt. In Film und Fernsehen verkörpert sie bodenständige und handfeste Frauen. Als wichtigste Rollen gelten die der engagierten Künstlerin und sozialkämpferischen Humanistin Käthe Kollwitz in dem gleichnamigen Filmporträt „Käthe Kollwitz – Bilder eines Lebens” (1987) und die der Kommunistin Hella Lindau, die 1934 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wird („Die Verlobte”, 1980). Genauso überragend ihre Rolle als Falladas Ehefrau Anna („Fallada – Letztes Kapitel”, 1988). Mit Regisseur Roland Gräf verbindet sie eine langjährige Arbeitspartnerschaft (u.a. „Märkische Forschungen”, 1982; „Das Haus am Fluss”, 1986). Jutta Wachowiak gehört zu den Initiatorinnen der Demonstration am 4.11.1989 in Berlin. Heute spielt sie vorwiegend Theater, manchmal im Fernsehen (so u.a. mit Harald Juhnke in der Fallada-Adaption „Der Trinker”, 1995) und selten im Kino (u.a. in „Rosenstraße”, 2003).

Corinna Harfouch
Geb. 1954 in Suhl. Sie bewirbt sich nach dem Abitur zunächst erfolglos an der Schauspielschule, arbeitet als Krankenschwester, schließt darauf ein Studium der Textiltechnik ab und absolviert dann doch noch in Berlin die Schauspielschule und erregt in Ruth Berghaus′ Inszenierung der „Stella” einiges Aufsehen. 1983 wechselt sie ans Berliner Ensemble und kooperiert seitdem mehrfach mit dem Dramatiker Heiner Müller und dem Regisseur Horst Sagert. Trotz einer Reihe interessanter Hauptrollen im Film bleibt Harfouch primär der Bühne verbunden. Dort, wie vor der Kamera, kann Harfouch eine große Anzahl sehr unterschiedlicher Rollen spielen, die die stets ein wenig unterkühlt und kratzbürstig wirkende Interpretin mit Bravour bewältigt. Ihr Talent, Figuren mit brüchiger Coolness und spröder Ironie unterspielend zu skizzieren und deren Power hinter einer Fassade von schwermütiger Selbstbeherrschung, Schnoddrigkeit und kontrollierter Verletzlichkeit, die jeden Moment implosionsartig aufzubrechen droht, um so glaubhafter zu machen, steht der glatten Unterhaltungskost im bundesdeutschen Fernsehen der 90er Jahre entgegen. Sie agiert in TV-Einzelproduktionen (Grimme-Preis für „Gefährliche Freundin”). Am Theater verkörpert sie klassische Bühnenrollen (für die Zuckmayer-Inszenierung „Des Teufels General” an der Berliner Volksbühne erhält sie 1996 den Gertrud-Eysoldt-Ring). In Hark Bohms TV-Zweiteiler „Vera Brühne” verkörpert sie eine des Mordes verdächtigte Frau. Filme (bis 1990 in der DDR u.a.): „Das Haus am Fluss” (1984/85), „Der kleine Staatsanwalt” (BRD 1986), „Wengler & Söhne” (1986), „Fallada – Letztes Kapitel” (1988), „Treffen in Travers” (1988), „Die Schauspielerin” (1988), „Pestalozzis Berg” (CH/DDR 1988), „Das Versprechen” (1993/94).
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