WERKSCHAU: Chronist des britischen Alltags
Mike Leigh im Filmmuseum Potsdam
Märkische Allgemeine Zeitung, Jörg Giese, 22.11.2008
POTSDAM – Der kleine, graubärtige Herr schaut missmutig drein. So missmutig, dass man ihn für den Hausmeister des Filmmuseums halten könnte, der mit Argwohn beobachtet, wie Menschen mit matschigen Schuhen in den Kinosaal strömen. Dabei sind die Zuschauer nur gekommen, um ihn zu sehen. Denn der Mann ist Mike Leigh, ein Veteran des britischen Kinos. Gestern eröffnete er in Potsdam eine Retrospektive seiner Werke.
Leigh meidet die Öffentlichkeit. Die seltenen Interviews, die er gibt, sind ebenso begehrt wie gefürchtet. Merkt Leigh, dass man sich nicht für seine Arbeit interessiert, lässt er sein Gegenüber gerne mal auflaufen. So wie die Fernsehjournalistin, die ihn am Mittwoch Abend um ein kurzes Statement zu seinem Film „Happy-Go-Lucky“ bittet, mit dem die Werkschau beginnt. Ob sie den Film gesehen habe, will Leigh wissen. Nein, habe sie nicht, gibt die Frau kleinlaut zu. „Und worüber wollen Sie dann mit mir reden?“
Im Gespräch, das Radiomoderator Knut Elstermann nach dem Film mit Leigh führt, gibt er sich gesprächiger. An den Fragen von Elstermann ist der Regisseur allerdings auch nicht interessiert. Er will lieber mit dem Publikum reden. Leigh antwortet entspannt und genießt die Neugier des Publikums, in dem zahlreiche Fans des Regisseur sitzen. Viele wollen mehr über seine ungewöhnliche Arbeitsweise wissen. Alle Projekte beginnt er ohne Drehbuch, improvisiert monatelang mit seinen Schauspieler, bis sich Figuren und Geschichten herausbilden, aus denen er schließlich das Gerüst des Films entwickelt. Erst dann wird gedreht. Schon als Kind habe er im Kino Filme über den eigenen Alltag vermisst, erinnert sich Leigh. Die dreht er nun seit 37 Jahren selbst. Seine humorvollen Sozialdramen weisen Leigh immer wieder als sensiblen Chronisten des britischen Alltags aus.
Aufgewachsen in einer Arbeiterstadt nahe Manchester, arbeitete er zunächst für das Theater. 1971 drehte er seinen ersten Kinofilm „Bleak Moments“, anschließend entstanden neun Fernsehfilme für die BBC. Erst 1988 wechselte er wieder auf die große Leinwand. Seitdem gewannen Leighs Filme zahlreiche Preise. Erst im Frühjahr erhielt Sally Hawkins auf der Berlinale den silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin in „Happy-Go-Lucky“. Sie spielt Poppy, eine Lehrerin, die alle Alltagsprobleme mit unerschütterlichem Optimismus meister. Für Leighs Verhältnisse ein geradezu verblüffend heiterer Film. Humor spielte zwar immer eine Rolle in seinen Filmen, aber die Konflikte, in die Leigh seine Figuren stürzte, waren meist weniger leicht zu lösen als die von Poppy. In „Vera Drake“ (2004) porträtierte er eine „Engelmacherin“, die im London der 50er Jahre wegen illegaler Abtreibungen in die Mühlen der Justiz gerät, in „Naked“ (1993) ließ er den arbeitslosen Johnny im London der Nach-Thatcher-Ära durch ein Labyrinth der Einsamkeit irren. In ihrem genauen Blick auf die Lebensumstände einfacher Menschen sind Leighs Filme durchaus politisch. Aber einfache politische Botschaften, die der Zuschauer dann besseren Gewissens nach Hause mitnehmen kann, haben ihn nie interessiert. „Ich entdecke die Themen meiner Filme erst, während ich sie drehe“, erklärt Leigh.
Als ein Zuschauer darum bittet, den Inhalt von „Happy-Go-Lucky“ auf einen Satz zu bringen, erwidert Leigh, dass er hart daran arbeite, die Zuschauer mit seinen Filmen zu erstaunen, sie zu eigenen Fragen über das Leben anzuregen. Und jetzt soll er ein zweistündiges Werk in einem Satz zusammen fassen? „Ich weigere mich, darauf zu antworten.“ Tatsächlich entwickeln sich seine Filme so organisch und beiläufig, dass sie nur schwer nachzuerzählen ist. Der Kinogenuss ist dafür um so größer.
Über die Freundlichkeit
Regisseur Mike Leigh im Filmmuseum
Potsdamer Neueste Nachrichten, Lore Bardens, 22.11.2008
Er wirkte zunächst ganz anders als seine Protagonistin Poppy in „Happy-go-lucky”: Regisseur Mike Leigh lächelte nicht in den voll besetzten Zuschauerraum des Kinos im Filmmuseum, in dem zur Eröffnung seiner Werkschau „Happy-go-lucky” gezeigt worden war. Die Zuschauer waren noch im Bann der Szenen mit der fröhlichen Poppy (Sally Hawkins), die ihre Offenheit selbst dann verteidigt, wenn es für sie gefährlich wird. Wenn sie z.B. zu dem sie begehrenden, aber missmutigen, rassistischen, engstirnigen Fahrlehrer Scott mit den schlechten Zähnen ins Auto steigt, der sie beschimpft und bedroht. In der folgenden Szene empfiehlt die wohlmeinende Freundin, Poppy solle ihre Freundlichkeit aufgeben. Doch Poppy lehnt ab, sie besteht auf ihrer fast provozierenden positiven Art.
Mit seinen kurzen grauen Haaren, den genau beobachtenden Augen und den sehr bestimmten Antworten wirkte Mike Leigh ihr gegenüber ein wenig streng. Und doch hat er mit Poppy eine Figur geschaffen, deren Lebenssinn im Optimismus, Humor und einer stets positiven Einstellung besteht. Leigh beantwortete die erste Frage Knut Elstermanns präzise, und das war auch schon eine Auskunft darüber, wie er arbeitet. Denn die Vorgehensweise des 1943 in der Nähe von Manchester geborenen Vertreters des „New British Cinema” ist anders als die der meisten Kollegen: Sechs Monate vor Drehbeginn entwickelt er gemeinsam mit seinen Darstellern, ohne eine Idee der Geschichte im Kopf zu haben, die Figuren. „Wir arbeiten so lange an den Charakteren, bis sie wirklich leben”, sagte er. „Ich frage mich auch manchmal, wie es den Charakteren meiner Filme jetzt geht, was sie fühlen und denken.” Erst wenn eine Person mit eigener Biografie, Hobbys, Vorlieben und Abneigungen entstanden ist, entwirft das Team die Geschichte.
Allerdings habe Leigh, so sagte er im lebhaften Publikumsgespräch, eine genaue Vorstellung der Stimmung, die es im jeweiligen Film geben solle, im Kopf. „Eitle und dumme Schauspieler engagiere ich nicht”, antwortete er auf die Feststellung, dass die Charaktere nicht immer vorteilhaft in die Kamera schauen. Es gehe schließlich nicht um die Selbstdarstellung der hervorragenden Schauspieler, sondern um die realistische Inszenierung eines lebendigen Charakters. Er wolle aber lieber über den Film als über die Produktionsweise reden, wiederholte der Cannes-, Berlinale- und Venedig-Preisträger mehrmals. Dass es sich um ein Kunstwerk handele, das eben ohne zuvor vorhandenes Drehbuch zustande käme, sei offensichtlich, und dass seine Intuition eine große Rolle spielt, war deutlich zu spüren.
Mit dieser nämlich nahm er manche Fragen gnädig und freundlich auf, andere wiederum bügelte er unwirsch ab. Gerne zog er Vergleiche zwischen Figuren seiner Filme, so zwischen Poppy und Jonny aus „Naked”, die beide Idealisten seien – Jonny allerdings in der frustrierten, verbitterten Version. Vehement wehrte er sich gegen den in Paris oft gezogenen Vergleich der Poppy mit „Amélie”. Und es stimmt: Die harmlos-verträumte Amélie hat mit der trotz allen Optimismus′ realistischen Poppy wenig gemein. Begeistert sprach er über seine Schauspieler, vor allem über Sally Hawkins, mit der man eben gerne zusammen sei. Mürrisch wischte er mögliche Kritik an der Figur der Poppy vom Tisch: nein, naiv sei sie gar nicht, sondern ein besonders erwachsener Mensch. Wer ihren Humor und ihre Offenheit nicht akzeptieren könne, habe vielleicht selbst ein Problem.
Doch seine Strenge wurde durch die liebreizende Dolmetscherin Anja Rüger gemildert. Und das Publikum hatte den Regisseur erlebt, wie er wohl auch mit seinen Darstellern arbeitet: sehr präzise, auf ein klares Ergebnis zielend, hart, aber am Ende dann plötzlich lächelnd und zugewandt, offen. Fast wie Poppy.
Geburtstagsgäste für Dean Reed
POTSDAM EXKLUSIV, Von Jana Haase, 23. September 2008
Er hat Dean Reed das Fotografieren beigebracht: Der Potsdamer Fotograf Michael Utech gab dem US-amerikanischen Schauspieler und Musiker Nachhilfe im Umgang mit professionellen Kameras. Denn im nie realisierten Projekt „Bloody Heart“ über die Indianer-Proteste im US-amerikanischen Wounded Knee wollte Reed einen Fotografen spielen – und das möglichst realistisch. „Er kam zu mir nach Hause und wir machten einen Vertrag“, erinnert sich Utech, der Reed Ende 1985 kennenlernte. Viermal sei er zum Unterricht gekommen. Das Filmprojekt scheiterte jedoch – wegen dem Tschernobyl-GAU im April 1986, wie Utech vermutet. Denn gedreht werden sollte in der Ukraine und im Kaukasus: „Aber nachdem die Ausmaße des Atomunglückes bekannt wurden, haben die Amis abgesagt.“ Wenige Wochen später, im Juni 1986, ertrank Reed im Zeuthener See. Das Schicksal des „Roten Elvis“, der 1973 in die DDR übersiedelte und am Montag 70 Jahre alt geworden wäre, bewegt bis heute: Jedenfalls war das Filmmuseum zur Gedenkveranstaltung am Montag ausverkauft. Gezeigt wurde Reeds erster Defa-Film „Aus dem Leben eines Taugenichts“ aus dem Jahr 1973. Unter den Gästen waren die Drehbuchschreiber Claus und Wera Küchenmeister, Blutsbrüder-Regisseur Werner W. Wallroth, Kameramann Günter Jaeuthe, Geräuschemacher Hugo Gries und die Schauspielerin Christel Bodenstein, die Reed vom „Taugenichts“-Dreh kannte: Das Filmteam logierte damals in einem Dorfgasthotel in Rumänien, erinnert sie sich: „Abends bügelten die Wirtsleute Geldscheine.“ Bis in die Nacht habe man zusammen gesessen – oft habe Reed zur Gitarre gegriffen und Lieder gesungen: „Er hatte diese wahnsinnige Naivität, die ihn nie verlassen hat“, sagt Bodenstein. Die Leipziger Journalistin Ingeborg Stiehler vermachte dem Filmmuseum am Montag ihr „Dean-Reed-Archiv“: Einen Karton mit Filmfotos und Zeitungsausschnitten, den die 92-Jährige, die Reed beim Leipziger Dokfilmfestival 1971 kennenlernte, gesammelt hat. Auch Renate Blume, die letzte Ehefrau von Dean Reed kam am Montag nach Potsdam. Über die Pläne von Hollywood-Star Tom Hanks, das Leben Reeds zu verfilmen, wollte sie sich jedoch nicht äußern: „Wir wollen heute Abend nur an Dean denken, in Trauer und in Liebe.“
Fantasiebeschwörer
„Potsdam wiederentdeckt”: Historische Filmschätze von 1910 bis 1959 jetzt auf DVD
Potsdamer Neueste Nachrichten, Heidi Jäger, 28. August 2008
Was vermag der schönste Reiseführer gegenüber laufenden Bildern? Ratlosigkeit steht den Leuten ins Gesicht geschrieben, wenn sie derzeit auf dem riesigen Buddelplatz am Alten Markt mit den Augen umher irren, um sich das einstige Schloss oder den Palast Barbarini räumlich vorzustellen. Auch das einsam am Baugrubenrand auf Zuwachs wartende Fortunaportal schürt – sekundiert von der verhüllten Nikolaikirche und dem eingerüsteten Rathaus – nur wenig die Fantasie. Potsdams Mitte bietet derzeit einen eher gespenstischen Anblick. Um so höher ist die gestern veröffentlichte DVD „Potsdam wiederentdeckt“ mit historischen Filmschätzen von 1910 bis 1959 wertzuschätzen. Sie bringt Licht ins Dickicht nebulöser Vorstellungen und schürt die Vorfreude auf das Wiedererwachen des zerstörten Zentrums. Die dafür ausgewählten acht Filme bieten eine spannende Reise durch Architektur- und Zeitgeschichte. Da wird beim ältesten überlieferten Film, die „Frühjahrs-Parade in Potsdam” von 1910, der Lustgarten im Stechschritt durchmessen. Der als Reisefilm in Berlin produzierte „Tag in Potsdam” ist eine „Schnellbesohlung” in Sachen Stadterkundung. Fast videoclipartig geht es vom Bahnhof, übers Stadtschloss, der Garnisonkirche zum Schauspielhaus und schließlich zum Sitz vom Alten Fritz. Die dazu 1993 von dem inzwischen verstorbenen Potsdamer Komponisten Karl-Ernst Sasse geschaffene Musik untermalt mit Trompeten und Geigen diesen Streifzug der Nostalgie. Auch der erste Farbfilm mit Bildern von 1933/34 zeigt den noch unzerstörten Zauber der Stadt.
Wie Filmmuseums-Mitarbeiterin Dorett Molitor bei der gestrigen Vorstellung der DVD sagte, sei es bei der Auswahl der Filme darum gegangen, neben dem unzerstörten Potsdam mit den zu Stein gewordenen Königsträumen auch das Aufbauwerk der Bewohner nach der Bombennacht zu zeigen. Dafür steht der DEFA-Dokfilm „Potsdam baut auf“ von 1946, den DVD-Schirmherr Günther Jauch besonders amüsant fand. Er zeigt u.a. eine Aufbausitzung „mit stramm stehenden ,Beigeordneten’, die ihrem Vorgesetzten berichten, wie sie – zack, zack – alle Pläne vorfristig erfüllen.” Man bekomme durch die DVD eine Ahnung, wie viel schöner Potsdam war: „Noch stimmiger und schlüssiger im Ensemble als heute.” Der bekennende Potsdam-Liebhaber wusste um das Interesse vieler Leute, die historischen Filme selbst zu besitzen und kam gern der Bitte des Historikers Hartmut Knitter nach, den „Schirm“ über das Projekt zu halten. Das wird wohl allein durch Mundpropaganda seinen Weg gehen. „Wir wurden im Herbst 2006 regelrecht überrannt, als wir in einer Matinee die alten Filme zeigten”, so Molitor. Schon 1993 brachte das Filmmuseum gemeinsam mit dem Bundesarchiv Filmraritäten aus dessen Bestand auf die Leinwand. Doch bis sich die Idee einer DVD durchsetzen ließ, mussten noch viele Partner ins Boot. Die Medien Bildungsgesellschaft Babelsberg druckte nun, finanziell unterstützt durch die Stadt, 2000 Stück, von denen schon über 100 per Internet vorbestellt sind. Er sei sicher, dass die DVD bald zu jedem Haushalt gehören werde, zumal sie nicht mal so viel koste wie vier Schachteln Zigaretten, so der bekennende Raucher und Oberbürgermeister Jann Jakobs. Auch einer zweiten Auflage werde nichts im Wege stehen. Das verletzliche Filmmaterial, das zum nationalen Kulturgut gehört, muss nun nicht mehr „strapaziert” werden. Es ist abgetastet und gepresst und für jedermann erhältlich. Zudem ist es angereichert mit Bonusmaterial, das u.a. ein Interview mit Hartmut Knitter sowie eine Gegenüberstellung von Architekturaufnahmen von 1910 sowie aus dem Jahr 2000 des Fotografen Mathias Marx aufweist. So gehen die bewegten Bilder mit den Standfotos eine „griffige“ Allianz ein und schüren die Vision, wie Potsdam einmal war und wieder aussehen könnte.
Zum DVD-Start zeigte am Sonntag, 31. August, 11 Uhr, das Filmmuseum letztmals die Filme des historischen Potsdams auf großer Leinwand. Die DVD ist für 17,90 € im Filmmuseum, Potsdam-Museum und im PNN-Shop Karstadt erhältlich.
Sprachgewirr
Die Jüdischen Filmtage im Filmmuseum klangen aus
Potsdamer Neueste Nachrichten, Astrid Priebs-Tröger, 10. Juni 2008
Nicola Galliner, die Leiterin des Jewish Film Festival, war sichtlich glücklich. Waren doch trotz brütender Sommerhitze und Fußball-EM-Auftakt eine ganze Menge Leute ins Kino gekommen. Denn am letzten Tag des diesjährigen Jüdischen Filmfestivals waren in Potsdam zwei wirklich bemerkenswerte und dabei ganz unterschiedliche israelische Produktionen der vergangenen Jahre zu sehen. Den Dokumentarfilm „A Hebrew Lesson” aus dem Jahre 2006 kündigte Galliner gleich als Publikumsliebling des Festivals an.
Regisseur David Ofek begleitet darin eine Handvoll Menschen aus aller Herren Länder, die in Israel einen Hebräisch-Intensivkurs ein halbes Jahr lang besuchen, um sich mit dessen Hilfe besser in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Diese Kurse gibt es seit der Staatsgründung 1948 und sie sind für jüdische Einwanderer kostenlos. Im Mittelpunkt des Filmes stehen der Russe Sascha, die Deutsche Annabel, die Chinesin Dong und die Peruanerin Marisol. Und natürlich die wunderbar lebenstüchtige Sprachlehrerin Yoela. „Man möchte sich gleich anmelden und mitmachen“, sagten Kinobesucher direkt nach der Vorführung. Denn obwohl die Protagonisten viele Schwierigkeiten haben, in der neuen Heimat Fuß zu fassen und ein Teil von ihnen wieder nach Hause zurückkehrt , war doch der Sprachunterricht mehr als vorbildhaft. Und wie sich die Kursleiterin in dem babylonischen Sprachgewirr zurecht finden, verständigen und immer wieder Brücken schlagen konnte, nötigte einem die allergrößte Hochachtung ab.
Darüber hinaus spiegelte die mehrfach preisgekrönte Dokumentation auch einige weniger bekannte Facetten des modernen Israel, wie zum Beispiel den Umgang mit illegalen chinesischen Gastarbeitern, deren tragische Schicksale ihre Landsmännin Dong filmisch zu dokumentieren versucht.
Anschließend war der Spielfilm „Made in Israel” (2001) vom auch hierzulande bekannten Regisseur Ari Folman zu sehen. Erzählt wird eine ziemlich skurrile Geschichte „aus der nahen Zukunft”. Israel und Syrien haben ein Friedensabkommen geschlossen und im Zuge dessen wird der letzte deutsche Nazikriegsverbrecher Egon Schultz an Israel ausgeliefert. Das ruft sofort den israelischen Millionär Hoffman auf den Plan, der kein Vertrauen mehr in die eigene staatliche Justiz hat und stattdessen rivalisierende russische Kopfgeldjäger damit beauftragt, ihm den Nazi zur Selbstjustiz zuzuführen.
Mit bitterschwarzem Humor spiegelt Ari Folman die Geschichte und die Gegenwart seines Landes und seiner sehr komplexen Realität. Und legt dabei den Finger in einige offene Wunden. „Die Wahrheiten sind nicht so einfach”, musste auch der bekannte deutsche Schauspieler Jürgen Holtz erfahren, der sofort nach der Lektüre des Drehbuchs von Ari Folman zusagte, den Nazi Egon Schultz zu verkörpern. Jürgen Holtz war am Sonntagabend im Filmmuseum zu Gast und erzählte mit lockerem Tiefsinn von seinen Israelerfahrungen und vor allem von den Begegnungen mit wunderbaren Schauspielerkollegen und einem großartigen Regisseur.
Er bedauerte zutiefst, dass der eigenwillige und widerständige Film von Folman in Deutschland bisher nur wenig Resonanz gefunden hat.
Lebensprall
Maria Schrader eröffnete das Jüdische Filmfestival
Potsdamer Neueste Nachrichten, Heidi Jäger, 9. Juni 2008
Immer wieder spielte sie in Filmen mit, die sich der deutsch-jüdischen Vergangenheit stellten: In Aimee und Jaguar, Rosenstraße, Meschugge. In ihrem Regiedebüt Liebesleben blickte Maria Schrader nicht mehr zurück, sondern in das jetzige pralle Leben Israels. „Obwohl es eine so private Geschichte ist, hat sie für mein eigenes Leben eine befreiende politische Dimension“, sagte die Schauspielerin am Freitag zur Eröffnung des dreitägigen Jewish Film Festivals im Filmmuseum Potsdam.
Dann las sie mit weicher sinnlicher Stimme aus dem Buch von Zeruya Shalev, und ließ die obzessive erotische Begierde von Jara zu einem viel älteren Freund der Familie spannungsschürend fühlbar werden. Schon oft trug sie diese Geschichte vor, an der Seite der jüdischen Bestseller-Autorin. Während der gemeinsamen Lesereisen entstand eine Freundschaft und schließlich der Wunsch, die angespannte Empfindungswelt der literarischen Figuren in suggestive Kinobilder umzusetzen. In einem Film, der der Autorin schließlich israelischer erschien, als ihr eigenes Buch, sagte Maria Schrader. Denn die Regisseurin konnte im Film auch äußere Impressionen des heutigen Israels sichtbar machen: mit den Straßensperren, der Armee- und Polizeipräsenz oder den Sirenen.
Fast vier Monate arbeitete Maria Schrader in dem Land, lernte in der täglichen Routine und unter dem Stress des Drehens sehr viel über die dortigen Menschen. „Schnell konnte ich meine Ängste ablegen, als Frau und als Deutsche nicht akzeptiert zu werden.” Sie habe unglaublich lebendige Orte mit faszinierenden, lebenshungrigen Menschen erlebt. Und je mehr sie von dem krisengeschüttelten Land kennenlernte, um so komplexer wurde die eigene Haltung. „Es gibt nicht das Schwarz-Weiß-Bild und die einzige, richtige Lösung für die Konflikte. Das macht politisch schon auch pessimistisch.” Ihr begegnete im Lebensgefühl eine gewisse Atemlosigkeit. In Israel gibt es nicht den Luxus, sich darauf verlassen zu können, alle Zeit der Welt zu haben. Den Menschen ist die eigene Endlichkeit bewusster als bei uns in Deutschland.
In zehn Tagen fährt Maria Schrader wieder nach Israel: Zum Kinostart von Liebesleben , der dort auch schon beim ersten deutschen Filmfestival zu Ostern aufgeführt wurde.
Die Israeli sind sehr interessiert an Filmen aus Deutschland , erzählt Nicola Galliner. Gerade seien dort auch DEFA-Filme vor großem Publikum gelaufen. Aber auch ihr Festival in Berlin und seit fünf Jahren in Potsdam werde immer populärer, so die Festival-Chefin. Trotz der Hitze hatten wir in Berlin 2500 Besucher. Das sind zwanzig Prozent mehr als 2007.
Nächstes Jahr will die engagierte Frau in ganz Deutschland das Festival auf Tour schicken. Es ist wie mein zweites Kind, nur dass das richtige viel problemloser ist. Der Kampf um das Geld beginnt jedes Jahr neu. Ihr sei aber wichtig, über Filme ein Blick auf Israel zu zeigen, der anders ist als die Fernsehbilder: statt Bombenangriffe das normale Leben unter normalen Leuten. Der Israeli ist nicht nur der Soldat und der Siedler.
Sondern auch eine junge Frau wie Jara, die nun dank der deutschen Regisseurin Maria Schrader ihr aufwühlendes Liebesleben zwischen hautnaher Intimität und demütigender Distanz vor den Zuschauern im recht gut gefüllten Filmmuseum ausbreiten konnte.
Sie sei gern nach Potsdam gekommen, wenn auch nur auf einen Sprung zur kurzen Lesung, sagt die Künstlerin. Zu Hause warte aber schon die Tochter, für die sie wegen ihrer Proben am Theater im Moment wenig Zeit habe. Dennoch gibt es schnell noch ein paar Autogramme und ein wunderschönes Lächeln von der charmanten und sympathischen Freundin dieses Festivals, das den Kassam-Raketen zum Trotz, die auch in diesen Tagen die Israelis in Angst versetzen, von einem prallen Lebenshunger erzählt.
Gesamtkunstwerk Potsdam
Geschichte Filmsequenzen von 1910 bis 1956
Märkische Allgemeine Zeitung 9.6.2008, L. K.
Alle Jahre wieder, wenn im Filmmuseum bewegte Bilder des alten Potsdam gezeigt werden, drängeln sich Menschen, als hinge von einer Kinokarte ihr Leben ab. Volles Haus auch am Sonntagvormittag für „Eine filmische Zeitreise” mit sechs zwischen 1910 und 1959 entstandenen Streifen über einen sogar noch in Trümmern ästhetische, einzigartige Stadt. Zum Genuss der Bilder agierte für kurze 15 Minuten an der Kinoorgel der selbst zum Potsdamer Urgestein gewordenen Helmut Schulte mit Zitaten aus der Flötenserenade „Friedericus Rex” und dem „Hohenfriedberger Marsch.” (...)
„Ich kann nicht ohne Dich!”
Lola-Preisträgerin Sabine Greunig beim gut besuchten Kino-Open-Air in der Alexandrowka
Potsdamer Neueste Nachrichten, Heidi Jäger, Mai 2008
Die türkisfarbene Strickjacke bietet notfalls auch Wärme für zwei. Wenn man wie Rudi und Trudi zusammengehört und daran gewöhnt ist, alles zu teilen. Aber Trudi trägt nicht nur diese gemütliche Alltagsjacke, sondern auch einen seidenen Kimono. Denn neben ihrem unaufgeregten, vertrauten Leben an der Seite von Rudi, träumt sie sich auch in ein anderes hinein: in das einer Butohtänzerin.
Wäre nicht die „Lola” gewesen und das Gespräch vor der Vorstellung, sicher hätten die Zuschauer Jacke und Kimono eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Doch Wissen schärft das Auge. Und so schaute das Publikum den Doris Dörrie-Film „Kirschblüten – Hanami” auch immer mit dem besonderen Blick auf die Kleidung, für die die Potsdamer Kostümbildnerin Sabine Greunig den diesjährigen Deutschen Filmpreis erhielt.
Bevor sie unter nächtlichem Himmel in der Russischen Kolonie über die Filmarbeiten erzählen konnte, musste sie sich jedoch etwas in Geduld üben. Denn der Ansturm auf das Kino-Open-Air des Filmmuseums war am Samstag riesig: Halb Potsdam schien angeradelt zu sein. Und wer keinen Platz auf einen Stuhl ergattern konnte, machte es sich auf einer Decke im Museumsgarten bequem. Eben, um auch zu sehen, wie durch die Kleidung aus Hannelore Elsner und Elmar Wepper Trudi und Rudi wurden.
Eigentlich hat Sabine Greunig ein festes „Abo” auf die Filme von Andreas Dresen. „Da gehst du einmal fremd, und schon gewinnst du einen Preis”, habe er nach der „Lola”-Verleihung anerkennend gescherzt. Schließlich ging sein eigener, vielfach nominierter Film „Sommer vorm Balkon” ein Jahr zuvor leer aus. „Es gibt sehr viele gute Arbeiten, und Preise sind eher zufällig”, relativierte Sabine Greunig bescheiden ihre „Lola” und ließ keinen Zweifel an der Qualität der Dresen-Filme, an denen sie allesamt mitgewirkt hat.
Aber das Drehbuch zu „Kirschblüten” fand sie auch sehr gut, vor allem die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern. „Was bleibt davon im Alter, wenn die Kinder selbst erwachsen sind?” Zudem sei sie ein großer Japan- und Butoh-Fan, der sie nicht zögern ließ, das Angebot anzunehmen. Die Zusammenarbeit mit Doris Dörrie sei aber schon anders gewesen als mit Andreas Dresen, „auch weil wir räumlich getrennt arbeiteten. Wir sprachen nur die Grundpfeiler ab, und dann habe ich die Figuren entwickelt, teils mit den Schauspielern gemeinsam.” Doch als Andreas Dresen den Notruf sandte: „Ich kann nicht ohne Dich!”, verließ sie Japan prompt zwei Wochen früher. „Es war aber schon alles eingerichtet und die Figuren standen. So ließ mich die Regisseurin ziehen.” Zu Dresens „Wolke 9”. Die türkisfarbene Strickjacke, die Sabine Greunig im Babelsberger Kostümfundus fand, hatte da bereits ihren festen dramaturgischen Platz. Sie umhüllte Rudi auch, als von Trudi nur noch die Seele blieb.
Bollywood-Nacht bietet farbenfrohes Spektakel
Märkische Allgemeine Zeitung, Steffy Pyanoe, 26. Mai 2008
Absolut stilecht kamen zwei Damen aus Kleinmachnow am Freitagabend zur Bollywood-Filmnacht ins Filmmuseum. Gekleidet in weiß-goldene Panjabis – eine weite Hose, kombiniert mit einer langen Bluse – und sogar mit einem farbigen Fleck zwischen den Augen, wollten sie die Bollywood-Produktion „Om Shanti Om” sehen. Dieser Farbtupfer unter den Besuchern war nicht der einzige, im Laufe der Nacht gab es noch weit mehr Gelegenheit, sich von der Kultur des Subkontinents berühren zu lassen. Die indische Tanzgruppe „Kaiyavalya” bot in der Filmpause im Foyer Unterhaltung, das Kashmir Haus sorgte für authentische Verpflegung.
Die Bollywood-Filmnacht versteht sich indirekt als Auftaktveranstaltung zum „Festival Of India”, das, vom vedischen Kulturverein Potsdam organisiert, vom 30. Mai bis 1. Juni in der Lindenstraße stattfinden wird.
Die Nacht mit Filmen aus Indien begann mit einem Dokumentarfilm: „John und Jane” erzählt aus dem Arbeitsalltag zweier Callcenterangestellter aus Mumbai. Zweiter Film war Farah Khans „Om Shanti Om”, ein indisches Märchen nach echter Bollywood-Manier mit jeder Menge Tanz und Musik, Romantik und Spannung.
Etwa viermal im Jahr bietet das Filmmuseum so eine Themennacht an. „In dieser Regelmäßigkeit und mit einem passenden Rahmenprogramm gibt es in Berlin nichts Vergleichbares”, sagte Sashiko Schmidt vom Filmmuseum. Und so ziehen diese Filme auch einen guten Teil Besucher aus Berlin an. Unter diesen war in der Vergangenheit stets auch der indische Botschaftsrat Rakesh Ranjan gewesen, der sich an diesem Freitagabend leider entschuldigen ließ, aber seine Grüße nach Potsdam schickte. Ohne die finanzielle Unterstützung der Botschaft wäre so ein Unterfangen schwierig, so Schmidt. Erstmals wolle man die exemplarischen Bollywoodfilme „theoretisch unterfüttern”. In Zusammenarbeit mit der Filmhochschule (HFF) und der Universität Potsdam gibt es am 29. Mai mit Alexandra Schneider von der FU Berlin, und am 5. Juni mit Florian Krauß von der HHF die „Vorlesung plus Film”. Thema: „Populäres indisches Kino”.
Schräge Figuren
„Schwarze Katze, weißer Kater” eröffnete Freilichtkino-Saison im Garten der Russischen Kolonie
Potsdamer Neueste Nachrichten, Heidi Jäger, 26. Mai 2008
Wenigstens beim Pokern gegen sich selbst, hat Matko eine Chance zu gewinnen. Ansonsten gehen seine schlitzohrigen Versuche, das große Geld ohne anstrengende Arbeit zu verdienen, meist gründlich schief. Das hindert ihn jedoch nicht daran, unverdrossen weiter das Spielkarussell zu drehen. Selbst um den Einsatz seines Sohnes, den er einer ungeliebten Braut in die Arme treiben will, um sein eigenes Fell zu retten. Die Gaunerkomödie „Schwarze Katze, weißer Kater“ um den tollpatschigen Zigeuner Matko war am Freitagabend ein unterhaltsam-rasanter Auftakt der zweiten Freilichtkino-Saison im Garten der Russischen Kolonie, zu dem das Filmmuseum gemeinsam mit dem Museum Alexandrowka auch an den kommenden Wochenenden einlädt.
Die friedliche Ruhe unter dem ausladenden Nussbaum und zwischen den Johannisbeersträuchern , die die etwa 150 abendlichen Besucher im Duft von frischem Heu umfing, wich schnell den Turbulenzen auf der Leinwand. Dort gab es ein prächtiges Aufgebot schräger, heißblütiger Figuren zu bestaunen, deren Zähne entweder in schwerem Gold oder durch Abwesenheit glänzten. Regisseur Emir Kusturica zog in dieser Groteske alle Register des schwarzen und sonstigen Humors, der schließlich den kühlen Abend durch fröhliches Lachen erwärmte. Offensichtlich hat dieser vor zehn Jahren gedrehte Film eine wahre Fangemeinde, denn viele amüsierten sich schon, bevor die Pointe richtig saß und bekannten sich dazu, nun schon das dritte Mal der Ungeschicklichkeit und absurden Lebensphilosophie der schrillen Leinwandhelden zu folgen. Die in dicken Decken und Schlafsäcken gehüllte Zuschauergemeinde genoß jedenfalls diesen kurzweiligen Abend an einem märchenhaften Ort, der bestens zur Kulisse des Films passte: allein durch die Holzhäuser, die denen in Matkos Dorf durchaus ähnelten . Nur die vorbeifahrenden Schiffe fehlten in Natura. Doch auch ein Blick in die Weite der Gärten ließ die Gedanken reisen.
Die nächsten Vorstellungen 30. Mai: Der Garten, am 31. Mai Kirschblüten - Hanami, 22.15 Uhr. Eintritt 6/erm. 5 . Es gibt Bratwurst und Getränke.
DAS FLIEGENDE AUGE Auf der Schattenseite
Ralf Schenk über filmische Gesellschaftsbilder zum Thema „Jugend und Knast” im Filmmuseum Potsdam
Berliner Zeitung, Ralf Schenk, 15. Mai 2008
Im März 1972 stehen neun junge Männer vor einem Ost-Berliner Gericht. Die Anklage lautet auf Körperverletzung, Einbruch und Arbeitsbummelei. Auf dem Kollwitzplatz sollen sie Passanten blutig geschlagen und Homosexuelle erpresst haben. In der Gruppe wuchsen Dumpfheit und Gewalt; gemeinsam fühlte man sich stark. Die achttägige öffentliche Verhandlung wurde mit der Kamera begleitet: Richard Cohn-Vossen, Regisseur der Defa, machte daraus seinen Dokumentarfilm „In Sachen H. und acht anderer”. Weil sonst in den DDR-Medien nur wenig über Kriminalität im realen Sozialismus verlautete, bedeutete das eine kleine Sensation.
Dabei hatte sich Cohn-Vossen bemüht, den Film unspektakulär zu gestalten. Die Kamera zeigt die Gesichter der 16-Jährigen: ängstlich, nachdenklich, verschlossen. Kaum einer von ihnen vermag darüber zu reden, was in ihren Köpfen vorging. So muss sich der Regisseur, wie ein Therapeut, selbst auf Spurensuche begeben: Er lässt die Mütter zu Wort kommen, sichtlich überforderte Frauen, die sich für ihre Söhne schämen; Väter haben sich kaum in den Gerichtssaal verirrt. Ein Funktionär berichtet vom Bau eines Jugendclubs; seine Sprache ist glatt und gefällig. Bohrende Fragen bleiben dem Regisseur vorbehalten, der in seinem Kommentar über den konkreten Fall hinausgeht: Hat nicht auch die „Masse makellosester Helden”, mit der die Gesellschaft die jungen Leute zu erziehen versucht, zu deren Aggressionen beigetragen? „Wer beherrscht ihre Köpfe? Die Schule, die Eltern, wessen Massenmedien?” Es habe keinen Sinn, resümiert Cohn-Vossen, „sich überrascht zu zeigen beim Entdecken der Schattenseiten unseres Lebens. Damit ändern wir nichts.”
Neben „In Sachen H. und acht anderer” sind der in der Reihe „Jugend und Knast” im Potsdamer Filmmuseum auch andere jener seltenen Defa-Arbeiten zu sehen, die sich mit Kriminalität und Resozialisierung befassten: Jürgen Böttchers Diplomfilm „Notwendige Lehrjahre” (1960) über einen Werkhof für straffällig gewordene Jugendliche, Heinz Müllers „Z” (1965) über die Wiedereingliederung eines Zuchthäuslers in den Alltag, Roland Steiners „Jugendwerkhof” (1982) über einen jungen Mann, der immer wieder vor den staatlichen Erziehungsmaßnahmen flieht. Mit solchen Beiträgen will das Filmmuseum zur Diskussion über aktuelle Fragen anregen: „Lassen sich soziale Probleme mit dem Strafrecht lösen? Garantieren Abschiebung, Warnschussarrest, Erziehungscamps oder Gefängnis wirklich mehr Sicherheit?”
Zu den schönen Entdeckungen der Reihe, in der auch Chris Kraus′ musikgeschwängertes Gefängnismelodram „Vier Minuten” (2006) und Lars Kraumes „Guten Morgen, Herr Grothe” (2007) zu sehen sind, gehört ein selten gespielter „Trümmerfilm” von 1949: „Und wenn′s nur einer wär′” widmet sich elternlosen Kindern, die nach dem Zweiten Weltkrieg durchs Land streunen. Die minderjährigen Laiendarsteller wurden direkt im Polizeipräsidium rekrutiert; in einem Vertrag, das der Defa-Produktionsleiter mit einem 16-jährigen Bandenführer abschloss, war die Verpflichtung enthalten, im Johannisthaler Atelier nichts zu klauen. Regisseur Wolfgang Schleif und seine Autorin Sia di Scazziga suchten den Diskurs über Diktatur und Demokratie: Aus einem Lager, in dem Misstrauen und Entmündigung herrschen und das mit Stacheldraht umzäunt ist, brechen die Jugendlichen aus und fliehen in eine Gemeinschaft, in der eine demokratische Selbsterziehung praktiziert wird. Die Flucht erfolgte übrigens von West- nach Ost-Berlin. Vier Jahrzehnte später bewies sich die innere Wahrheit des inzwischen längst vergessenen Films durch den Massenexodus in die entgegengesetzte Richtung.

Bildunterschrift: Maria Schrader 2008; F: Mike Minehan
» Pressespiegel
Kino 2008
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