70. Jahrestag der DEFA-Gründung - Günter Reisch

1947. Günter Reisch ist 21 Jahre alt. Im Juli hat er sein Reifezeugnis mit dem Vermerk bekommen: "Günter R. will Regisseur werden". Er schreibt sich in Berlin in der privaten Schauspielschule von Werner Keppich ein, ohne Schauspieler werden zu wollen. Er möchte mit Darstellern arbeiten. Keppich wird im selben Jahr von der Filmproduktionsfirma DEFA beauftragt, ein Nachwuchsstudio für Schauspieler zu gründen. Reisch ist bei der ersten Aufnahmeprüfung als Souffleur einer Freundin dabei, weckt das Interesse der Prüfungskommission und verlässt den Saal mit der Zusage, Regiehilfe im DEFA-Studio werden zu dürfen.

Er sammelt erste Erfahrungen bei den Regisseuren Gerhard Lamprecht und Kurt Maetzig. Die 2teilige Thälmann-Biografie (1954/55) von Maetzig entspricht Reischs Bedürfnis nach einem neuen, einem veränderten Geschichtsbild. Die Suche nach dem anderen Blick auf Historie und Gegenwart bleibt wichtige Konstante in Reischs Oeuvre und ist ebenso in seinen historischen Filmen wie in den DDR-Komödien zu finden.

Die Hinterfragung von Konsumabhängigkeit, die Revolte gegen die "Väter", die Sehnsucht nach Ausgleich in einer sozial ungerechten Gesellschaft in den westlichen Ländern, schwappte in den 1960ern auch in die DDR. Dort hießen die Pop-Ikonen des Alltags nicht Marylin Monroe oder Elisabeth Taylor, auch nicht mehr Mao Tse-tung, sondern beständig Thälmann, Liebknecht-Luxemburg, Marx-Engels-Lenin. Reisch nahm sich in seinen Filmen einiger dieser Ikonen an. Der optischen Überschwemmung der auf Fahnen, Transparenten, Emblemen schwebenden körperlosen Köpfe der Führer der Arbeiterklasse gab er eine Persönlichkeit zurück, versuchte sich in verschiedenen Nuancen bei der Darstellung dieser DDR-Heiligen. In seinen Gegenwartskomödien erfreute Reisch die Zuschauer an Zwischentönen, weil er mit Farce oder Komödie die Probleme des DDR-Alltags bunt, oft auch überzogen heiter, anzusprechen vermochte.

Gleich in welchen Genre sich Reisch bewegte, immer gestattete er seinen Protagonisten eine Entwicklung aus ihrem Inneren heraus, nicht nur bedingt durch die Umstände, und begegnete damit der Gefahr, dem Publikum den erlebbaren Alltag oder den sattsam bekannten Gang der Arbeiterklasse zu illustrieren, lies vielmehr die dramatischen Konflikte seiner Helden erkennbar werden. Auf beeindruckende Weise gelöst sind diese inneren Entwicklungen in "Die Verlobte" (1980) oder "Wolz - Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten" (1974). Bei "Wolz", angelehnt an den freidenkenden radikalen Kommunisten Max Hoelz, gelang Reisch die Durchsetzung des Filmstoffes jedoch nur mit Einführung der Figur eines, in seinem Glauben unbeirrbaren, auf Wolz achtgebenden, disziplinierten kommunistischen Parteikaders. Ein Anarchist ohne regulierende Instanz wäre in der DDR zu anarchistisch gewesen. Vielleicht hätten sonst der Anarchist Max Hoelz, alias Wolz, als DDR-Pop-Ikone Zimmerwände schmücken können.

Reisch gab gern sein Wissen an Jüngere weiter. Warmherzig teilte er seine Erfahrungen mit, sein Können, so wie seine Lehrmeister mit ihm geteilt hatten. Nichts war zu profan, um nicht notiert zu werden, nichts zu uninteressant, um nicht mit seiner Schmalfilmtechnik gefilmt zu werden. Ein Chronist. Ein Beobachter. Ein wacher Experimentierer, der in mitunter schrägen Film-Erfindungen DDR-Geschichte und DDR-Alltag - den echten wie von ihm erhofften - auch in den DEFA-Film zu bringen suchte.
Das besondere Objekt: Nachweiszettel für Reisch als Mitglied seines DEFA-Nachwuchsstudios 1947, Sammlungen des Filmmuseum Potsdam, Sammlung Günter Reisch