Film still from "Bit by Bit" (2002)
Film still from "Bit by Bit" (2002)

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Wahlverwandtschaften - Qualverwandtschaften

Juni 2004
Das 10. Jewish Film Festival zu Gast im Filmmuseum Potsdam

Vom 6. - 17.6.2004 fand das Jewish Film Festival Berlin zum 10. Mal im Kino Arsenal am Potsdamer Platz statt. Es stand unter dem Thema "Wahlverwandtschaften - Qualverwandtschaften" und widmete sich einem Lieblingsthema des jüdischen Films: Dem Leben in der Familie.
Zum 10-jährigen Jubiläum hatte das Festival Nachwuchs bekommen. Am 17., 21. und 22.6.2004 wurden im Filmmuseum Potsdam sechs der besten Filme des diesjährigen Festivals wiederholt. Seit seiner Gründung 1995 versteht sich das Jewish Film Festival Berlin als Forum für den jüdischen Film weltweit. Es hat sich zur Aufgabe gesetzt, die neuesten und interessantesten Beiträge jüdischer internationaler Filmemacher nach Berlin zu holen. Es will das heutige Judentum aus aller Wert als etwas Spannendes und Anregendes nach Berlin bringen, es will erfahren, wie Juden in anderen Ländern leben, von Argentinien bis Tunesien. Was verbindet uns, was trennt uns? Wie entwickelt sich das Judentum mit seinen Traditionen und Riten außerhalb Deutschlands? Wegen des besonderen Anlasses präsentierte das 10. Jewish Film Festival Berlin neben neuen Filmen erstmals auch Rückblicke auf besonders erfolgreiche Filme der vergangenen zehn Jahre. Mit besonderen Gästen - Regisseuren, Schauspielern, Produzenten usw. - sollte der Anlass gewürdigt werden.

FILME: Daniel / Strange Fruit / The House I Live In / Moments / I Have a Dream / Bit by Bit / El Abrazo Partido / Under Strange Skies

Daniel
RE: Sidney Lumet, DA: Timothy Hutton, Mandy Patinkin, Amanda Plumer, USA/GB 1983, OmU, 130'
Der Film, der auf dem Roman "The Book of Daniel" von E. L. Doctorow basiert, der auch das Drehbuch schrieb, lehnt sich an die Geschichte der Kinder von Ethel und Julius Rosenberg an. Daniel ist der Sohn von Paul und Rochelle Isaacson, die 1953 wegen angeblichen Verrats von Atomgeheimnissen an die Sowjetunion hingerichtet wurden. Als er in den späten 60er Jahren als Doktorand in New York studiert, wird er durch den Selbstmordversuch seiner Schwester Susan aus seiner bisherigen unpolitischen Haltung herausgerissen. Er beteiligt sich an der Antikriegsbewegung und beginnt, seine Kindheit zu erforschen und seine Erfahrungen mit denen seiner Eltern zu vergleichen. Sidney Lumet bezeichnete den Film als einen der besten, den er je machte.

Strange Fruit
RE: Joel Katz, USA 2002, OmÜb, 57'
In Anwesenheit des Regisseurs Joel Katz.
Viele glauben, dass die Sängerin Billy Holiday das Lied "Strange Fruit", das sie berühmt machte, selber schrieb. Doch es stammt aus der Feder von Abel Meeropol, eines jüdischen Oberschullehrers und aktiven Gewerkschafters aus der Bronx. Ganz unter dem schockierenden Eindruck des Fotos einer Lynchszene und unter dem Pseudonym Lewis Allan schrieb Meeropol dieses schlichte Gedicht und die düstere Melodie Ende der 30er Jahre. Meeropol und seine Frau Anne sind aus einem weiteren Grund bemerkenswert: Sie adoptierten Robert und Michael Rosenberg, die Kinder der 1953 hingerichteten Julius und Ethel Rosenberg.
Vorfilm: The House I Live In
RE: Mervyn LeRoy, USA 1945, OmÜb, 10'
Ein weiteres Lied von Abel Meeropol mit dem Titel "The House I Live In" war ein Aufruf zur Toleranz in religiösen und Rassenfragen. Der 1942 geschriebene Song wurde von Frank Sinatra aufgenommen, und drei Jahre später entstand dieser Kurzfilm, der mit einem Oskar ausgezeichnet wurde.

Moments / I Have a Dream
IL 2002/03, OmÜb, 120'
Diese Kurzfilmreihe entstand auf Initiative des Jerusalemer Film Festivals. In jeweils 3 bis 4 Minuten sollten junge israelische Filmemacher, aber auch renommierte Größen des israelischen Films über die augenblickliche Situation in Israel reflektieren. So entstanden Dokumentationen, Satiren, persönliche Bekenntnisse und vieles andere mehr - eine Vielfalt der Genres, Stile und Haltungen. Der ersten Serie, 2002 produziert, folgte ein Jahr darauf eine weitere unter dem Titel "I Have a Dream". Beide Jahrgänge umfassen insgesamt 31 Kurzfilme.

Bit by Bit
RE: Jonathan Metzger, S 2002, OmÜb, 85'
Der 25-jährige verträumte und liebenswerte J. ist ein hoffnungsloser Video-Game-Junkie und weiß kaum etwas von der wirklichen Welt. Eines Tages wird ein Traum seines Lebens wahr: Unter Tausenden von Mitbewerbern hat er sich für die Nintendo World Cup Games in Los Angeles qualifiziert. Nur ein Problem gibt es: Die Games finden am gleichen Tag wie Seder statt, dem Tag, der der Höhepunkt im Leben jeder jüdischen Familie ist. "Bit by Bit" ist das schräge und drastische Erstlingswerk des schwedischen Regisseurs Jonathan Metzger.

El Abrazo Partido
R: Daniel Burman, RA 2004, OmU, 99'
Ariels Welt ist ein kleines Einkaufszentrum mitten in Buenos Aires, wo seine Mutter einen Damenunterwäscheladen betreibt und sein Bruder in Import und Export macht. Viele seiner Altersgenossen, die auf der Suche nach ihren Immigrantenwurzeln sind, warten nur auf den Ausreisepass, den Schlüssel für eine große Welt voller Versprechungen. Ariel dagegen beschäftigt etwas anderes: Warum verließ sein Vater die Familie kurz nach seiner Geburt, um in Israel zu kämpfen? Warum kehrte er nie zurück? Und warum scheint dies weder die Mutter, noch den Bruder zu bekümmern? Eines Tages steht der Vater vor ihm.

Under Strange Skies
RE: Daniel Blaufuks, P 2002, OmÜb, 57'
In Anwesenheit des Regisseurs Daniel Blaufuks.
Lissabon im Zweiten Weltkrieg galt als der "Wartesaal Europas". Wie in Casablanca, so warteten auch hier die Flüchtlinge auf die Möglichkeit einer Einschiffung nach Amerika, um Hitler zu entkommen. In elegischen Bildern erzählt der Dokumentarfilm die Geschichte einer jüdischen Familie aus Deutschland, die zu den wenigen Flüchtlingen zählt, die sich in Portugal niederlassen konnten. Auch Künstler und Geistesgrößen jener Zeit wie Heinrich Mann und Alfred Döblin werden zitiert, die in Lissabon saßen und auf die Weiterfahrt warteten.

Alle Veranstaltungen fanden in Anwesenheit der Leiterin des Jewish Film Festivals Berlin, Frau Nicola Galliner, statt.