WORK IN PROGRESS Erfinde dich selbst und neu!

April - Juni 2007

Film- und Veranstaltungsreihe zum Wandel der Arbeit
Veranstalter: Filmmuseum Potsdam, Fachhochschule Potsdam und Verein der Freunde und Förderer des Filmmuseums Potsdam e.V.
Orte: Filmmuseum Potsdam und FH Potsdam
Idee und Projektleitung: Dorett Molitor (Kino/Programm/ÖA Filmmuseum Potsdam) (0049/331) 27181-13 cinema@filmmuseum-potsdam.de
Das Programm war Teil der bundesweiten Film- und Veranstaltungsreihe "Work in Progress" ein Projekt der Freunde der Deutschen Kinemathek e.V., gefördert im Programm "Arbeit in Zukunft" der Kulturstiftung des Bundes.
Gefördert von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung.

Die alte Arbeitsgesellschaft ist in Auflösung. Wer keine Arbeit hat oder findet, muss sich selber kümmern. (Manuelle) Arbeit schwindet in gigantischen Ausmaßen, Bildung wird immer teurer und zunehmend eine elitäre Angelegenheit. Das Land zerfällt nicht in Ost und West sondern in Arm und Reich. Hier ein Heer von Abhängigen, dort gigantische Gewinne, der Einzelne als Reibungsfläche dazwischen. Sich selber kümmern heißt die Devise: Permanent leistungsbereite Selbstvermarkter (Ich-AG, Dauerpraktikant oder Projektjongleur) entwickeln meist bindungslos und ortsungebunden Projekte und/oder absolvieren Vermittlungsmaßnahmen, d.h. sie erfinden sich immer wieder neu.
Die Film- und Veranstaltungsprogrammen dokumentierte diese rasante individuelle und gesellschaftliche Erschütterung.

Schon während des Studiums soll wissenschaftliches Know-how von Studenten in die Wirtschaft fließen, engste Kontakte sind erwünscht, gesteuert durch die Politik. Gemeinsam mit Studenten der Potsdamer Fachhochschule sollte die Adrienne Goehler-These von der "Kultur als Leitidee der Gesellschaft" und den Künstlern und Wissenschaftlern als Kern der neuen kreativen Klasse hinterfragt werden.

Wie machen es die Absolventen? Bleiben sie ewig Praktikanten? Verlassen sie sich auf die Angebote der Absolventenvermittlung? Schöpfen sie aus den Erfahrungen der älteren Generation? Gehen sie in die Forschung und/oder Wirtschaft oder gründen sie eigene Firmen, weil der Arbeitsmarkt sie nicht braucht oder will?

I. Zerfall der alten Arbeitsgesellschaft

Deutschland 2004: 4,3 Millionen Arbeitssuchenden stehen 94.511 Unternehmensberater gegenüber. Ein lukratives Geschäft. Firmen, große wie kleine Unternehmen, werden auf Herz und Nieren - sprich Effizienz hin - durchleuchtet.
Der Mensch? Ist Teil der Verwertungskette, wird zunehmend nur noch als deren verwertbarer oder eben nicht verwertbarer Teil wahrgenommen.

Die Arbeitsgläubigkeit folgt zunächst aus dem existenziellen Überlebenskampf (der sich z.B. in der protestantischer Ethik (Max Weber) manifestiert: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." Apostel Paulus). Aus Lebensverrichtungen wurde Fron- und dann Lohnarbeit, gesellschaftliche Anerkennung und soziale Einbindung inklusive.

Antworten auf den Zerfall der alten Arbeitsgesellschaft
Eröffnungsvortrag:
Prof. Dr. Wolfgang Engler (Prof. für Kultursoziologie und Rektor der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch"; Autor des Buches "Bürger, ohne Arbeit". Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft)
Einführung und Gesprächsleitung:
Frau Prof. Dr. Helene Kleine (Professorin für Kulturellen und Sozialen Wandel, Studiengang Kulturarbeit, FH Potsdam)

Lohnarbeit gegen eigenes Leben - so lautete der Grundsatz, auf dem Gesellschaften wie die unsere bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beruhten. Die alte, bürgerliche Form der Lohnarbeit verhalf Menschen darüber hinaus zu einem geachteten Platz in der Gesellschaft. Sie band das Leben innerlich zusammen, orientierte es in seinem Ablauf. Wird Lohnarbeit prekär oder ganz hinfällig, steht das Leben in all diesen Hinsichten, materiell, sozial und kulturell, in Frage. Die Antwort auf diese dreifache Not erteilt ein gesichertes Grundeinkommen im Verein mit einer gesellschaftlichen Bildungsoffensive. Nur Menschen, die ihres Lebens sicher und zugleich imstande sind, sich selbst zu leiten, zu regieren, auch ohne (regelmäßige) Arbeit, kommen als vollwertige Bürger in Betracht. Nur Gesellschaften, die all ihre Mitglieder, die arbeitenden wie die nicht arbeitenden, fraglos als Bürger anerkennen, sind human organisiert. (Prof. Dr. Wolfgang Engler)

Filme:
Das Alte und das Neue Staroe i novoe (alternativ: Die Generallinie)
R: Sergej M. Eisenstein, Grigori Alexandrow (Rekonstruktion 1997 durch Naum Kleinman), D: Marfa Lapkina, Wasja Busenkow, UdSSR 1926-29, 131’
Moderne Zeiten Modern Times
R: Charles Chaplin, D: Charles Chaplin, Paulette Goddard, Henry Bergman, Allan Garcia, USA 1936, OmU, 89’
Fahrraddiebe Ladri di Biciclette
R: Vittorio de Sica, D: Lamberto Maggiorani, Enzo Staiola, I 1948, 88’
Losers and Winners
R: Ulrike Franke und Michael Loeken, Dok., D 2006, 96’

II. Arbeiten in der BRD und der DDR in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts jobbte in der alten Bundesrepublik der alleinverdienende Familienvater sein ganzes Arbeitsleben lang krisensicher am selben Standort. Neben Unbeweglichkeit schuf dies stabile Gemeinschaften und ein gesundes Gefühl der Sicherheit. In der DDR galt sogar eine Arbeitspflicht - das Arbeitsleben vom Schulabschluss bis zur Rente war staatlich geplant und durchorganisiert.

Filme:
Mein Mann, das Wirtschaftswunder
R: Ulrich Erfurth, D: Marika Rökk, Fritz Tillmann, Conny Froboess, Heinz Erhardt, BRD 1964, 94’
Liebe Mutter, mir geht es gut
R: Christian Ziewer, D: Claus Eberth (Alfred Schefczyk), Nikolaus Dutsch, BRD 1971, 87’ (Freunde der Deutschen Kinemathek)

Neben der Sicherheit des (weniger effizienten und schlechter bezahlten) Arbeitsplatzes trug in der DDR auch die Emanzipation der Frauen und Mütter einiges zur "höheren Erwerbsneigung Ostdeutscher" bei. Aus der Not geboren, wurde die "Mitarbeit" der Frauen in vier Jahrzehnten zur vertrauten Normalität.

Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts: Arbeitswelt DDR - Poesie statt Analyse?
Dr. Günter Jordan (Filmhistoriker) Vortrag als PDF-Datei:

DEFA-Dokumentarfilme aus der Welt der Arbeit. Als Arbeit noch Ehre, Pflicht und Lebenserfüllung zugleich sein sollte, gab es im Arbeiter- und Bauernstaat, die DDR, auch eine Planerfüllung für Filme aus dem Arbeitsleben. Sie bringen ihren Gegenstand nicht auf den Begriff, sondern setzen ihn ins Bild, nach den Maßgaben der Kunst. Die ideologische Pflichtübung wandelt sich in den Händen der Besten ihres Fachs zur künstlerischen Kür und wird Zeugnis der "arbeiterlichen Gesellschaft" (Engler). Die Filme sind nicht fürs soziologische Seminar geschaffen, sondern für den Einsatz im Kino. Was als Verlust erscheint, ist Gewinn: Poesie nicht statt, sondern als Analyse.
mehr im Buch: Schwarzweiß und Farbe DEFA-Dokumentarfilme 1946 - 92

Stahl und Menschen R: Hugo Herrmann, DDR 1956
Ofenbauer R: Jürgen Böttcher, DDR 1962
Stars R: Jürgen Böttcher, DDR 1963
Nachtarbeiter R: Richard Cohn-Vossen, DDR 1973
Mädchen in Wittstock R: Volker Koepp, DDR 1975
Arbeiterfamilie in Ilmenau R: Cohn-Vossen, DDR 1977
Reparaturbrigade Zementwerk R: Werner Kohlert und Rolf Richter, DDR 1979
116'

III. Von der Industriegesellschaft zur Wissens(Medien)gesellschaft

"Die Maschinen arbeiten, und manche von ihnen, in der Kunst wie im Leben, produzieren nur sich selbst, und die Menschen bleiben allein zurück, entweder als nutzlose Wesen ohne Arbeit und Ziel oder eingesperrt in endlose Arbeitswaben, die keine Kommunikation mehr erlauben. Nicht der Mensch hat Arbeit. Die Arbeit hat den Menschen." (Georg Seeßlen, Freitag 25.8.06)

Automation, Rationalisierung und Computisierung, Produkte geistiger Arbeit, erlösen Menschen in Industriegesellschaften zunehmend von (manueller) Arbeit. Vollerwerbstätigkeit wird abgelöst durch eine Dienstleistungs- und Wissens(Medien)gesellschaft mit prekären Erwerbsbiographien. Andererseits boomt das Geschäft mit Aktien, Firmen schreiben Rekordgewinne, gerade auch durch die effiziente Arbeit von Unternehmensberatern.

Filme:
Workingman's Death
R: Michael Glawogger, Ö/D 2005, Dok., 122’
Leben nach Microsoft
R: Corina Belz, Regina Schilling, D 2002, Dok., 72’
Be to Be
R: Daniel D. Sponsel, Jan Sebening, D 2003, Dok., 67’
Des Wahnsinns letzter Schrei
R: Bärbel Schönafinger, Tanja von Dahlern, D 2005, Dok., 55’

IV. Generation Praktikum

Heutige Erwerbsbiografien verlaufen schlingernd. Ohne ausreichende Bildung bleibt der Einzelne beinahe chancenlos. Dauerhaftigkeit und Sicherheit gehören der Vergangenheit an. Besonders verheerende Auswirkungen hat dies auf die Geburtenrate. Damit schwinden die Zukunftschancen der Europäer.
Die Auflösung ritualisierter und bewährter Lebensverhältnisse verlangt heute nach dem flexiblen, permanent leistungsbereiten Selbstvermarkter (Ich-AG, Dauerpraktikant oder Projektjongleur). Motiviert und angetrieben durch den Konkurrenzdruck und seine geistigen Potentiale (das Kapital ist jetzt das individuell verfügbare Wissen) entwickeln er und sie, ortsungebundene Projekte und/oder absolvieren Vermittlungsmaßnahmen. Bindungen aller Art sind "lästige" Bürden.

Filme:
Wir leben im 21. Jahrhundert
R: Claudia Indenhock, D 2005, Dok., 60’
Vorfilm: FiveFortyFive
R: Christoph Röhl, D 1998, Dok., 10’

Veranstaltung zum Thema "Ewig Praktikant"
Ewig Praktikant. Eine Generation in der Warteschleife R: Sigrun Matthiesen, D 2006, 45’ (arte / ZDF)

Diskussionsrunde zum Thema:
Mercedes Bunz (Chefred. Onlinered. Tagesspiegel)
im Gespräch mit GründerInn *(ehem. AbsolventInn der FH Potsdam) von hellograph Ateliergemeinschaft freier Grafiker, Beate Ecke von eckedesign potsdam und Prof. Carsten Becker (Direktor des BIEM; Brandenburgisches Institut für Existenzgründung und Mittelstandsförderung und Inhaber der Klaus-Krone-Stiftungsprofessur)

John Jane
R: Ashim Ahluwalia, Indien 2005, Dok., 83’

V. Die neue kreative Klasse

Folgen wir Adrienne Goehler in ihrem neuen Buch "Verflüssigungen. Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft", Campus Verlag 2006, so liegt die "Zukunft der Arbeit" im kulturellen Sektor, wo heute schon mehr Menschen arbeiten als in der Autoindustrie. Der Umbau des Sozialstaates zur Kulturgesellschaft ist längst im Gange - als ein "nicht mehr und noch nicht". Wir leben in einer Gesellschaft des Übergangs mit einem riesigen, gesellschaftlich relevanten, kreativen Potential, das von einer Politik, die noch alten Strukturen und überholtem Ressortdenken verhaftet ist, nicht wahrgenommen wird. Die Verhältnisse haben sich längst verflüssigt und differierende Lebens- und kreative Arbeitsmodelle quer durch alle Schichten und Alter hervorgebracht. Künstler werden plötzlich zu einem Rollenmodell für prekäres Leben - mit Sinngebung. Der Vortrag macht anschaulich, warum unsere Gesellschaft Kunst und Wissenschaft dringender denn je braucht - als Erkenntnisinstrument und Movens der Veränderung.

Die neue kreative Klasse
Vortrag:
Adrienne Goehler und anschließendem Gespräch mit Prof. Dr. Hanne Seitz (FH Potsdam, FB Sozialwesen, Lehrgebiet Ästhetische Praxis/Ästhetische Bildung)

Filme:
Kurzfilmprogramm MACHDOCHWASDUWILLST
www.machdochwasduwillst.org
Im Rahmen des Themenschwerpunktes Arbeit in Zukunft hatte die Kulturstiftung des Bundes gemeinsam mit ZDF/ARTE und der KurzFilmAgentur Hamburg e.V. den Kurzfilmwettbewerb "Mach doch, was du willst" ausgeschrieben. Aufgabe war es, Konzepte für Kurzfilme einzureichen, die auf die Frage nach der Zukunft unserer Arbeitswelt mit originellen Ideen und Visionen aufwarten können.
Aus den elf realisierten Kurzfilmen wird eine Kinorolle zusammengestellt, die 2007 bundesweit in die Filmtheater kommt und auf Festivals präsentiert wird. Außerdem ist eine Kooperation mit ZDF/ARTE für die TV-Ausstrahlung eines Filmes jeder Kategorie auf ARTE vereinbart.
Behind the Couch - Casting in Hollywood R: Veit Helmer, D 2005, Dok., 70’

Kunstarbeit statt Sozialarbeit?
Veranstaltung mit Adrienne Goehler im Hörsaal der FH Potsdam

Veranstaltung mit Adrienne Goehler im Hörsaal der FH Potsdam /Eingang Alter Markt)
Moderation: Prof. Dr. Hanne Seitz (FH Potsdam) und Prof. Dr. Hermann Voesgen (FH Potsdam)

Es sieht derzeit ganz danach aus, als ob Kunst auch im Sozialen einiges bewegen könne. Doch die Antwort der Politik auf den Fall "Rütli" ist: "Wiederherstellung der Ordnung durch zwei Sozialarbeiter und Polizisten und drakonische Drohungen", so Goehler, "anstatt Feuerwehr und Vertreter der Exekutive an eine Schule zu schicken, könnte man dieselben Kosten in kreative, sinnvolle Konzepte investieren." Steine behauen anstatt Autos zu demolieren? Theaterspielen anstatt Lehrer zu attackieren? Selbstredend geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-Auch. Doch Sozialarbeiter betrachten die Kunst genauso skeptisch wie die Künstler den Sozialarbeiter. Auch hier sind "Verflüssigungen" vonnöten.
Adrienne Goehler stellt sich mit ihren überaus streitbaren und provokanten Thesen den Fragen von StudentInnen und ProfessorInnen der FH Potsdam und einer interessierten Öffentlichkeit.

Bestandsaufnahme: "Humankapital" oder Selbstverwirklichung?
Studentischer Workshop im Filmmuseum Potsdam
Projekte, Diskussionen, Filme
Wie sah jene Zeit aus, da der Arbeitstag um sechs Uhr früh begann und Männer und Frauen ein Drittel ihres Lebens in Fabrikhallen zubrachten? Der Film hat Bilder davon aufbewahrt, das Kino hat sie abends an die Wand projiziert. Da saßen sie, gekommen wegen einem bisschen Spaß am Leben, und sahen wieder sich selbst und ihresgleichen in Fabrikhallen. Frust statt Lust? Was sich merkwürdig ausnimmt bei allem Reden über DDR-Geschichte: Die Filmemacher haben es freiwillig getan, geleitet vom Interesse an Menschen. So geben diese Filme Zeugnis von durchaus deutscher Art zu leben zwischen Pflichterfüllung und Arbeitslohn und projizieren mit den Fakten und den Wünschen, jenem Zwillingspaar der Traumfabrik, das Selbstbewusstsein arbeitender Menschen: Erbschaft für das Museum einer untergehenden Kultur.

(a)
Recht auf Arbeit - Recht auf Faulheit
Arbeit an sich der Welt - Das Konzept einer neuen Lebenskunst
Referentin: Susanne Fitzeck, Studentin Sozialwesen FH Potsdam
Die meisten glauben, wenn die Erwerbsarbeit ausgeht, sei dies eine Krise oder schlicht eine Katastrophe. Die Arbeit als Modell des gesellschaftlichen Seins hat ausgedient. Das Ende des Sozialstaats ist das Ende der institutionalisierten Arbeitswelt. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion stellen wir uns die Frage nach dem Sinn von Arbeit und dem Sinn des eigenen Lebens.
Gäste:
Herr D. Lingemann, Referent von MDB Christian Ströbele/ Die Grünen; Herr D. Vogt, Doktorand; Vertreter der IHK;
Vertreter von ATTAC, Arbeitsgruppe Agenda 2010
Moderation: Prof. Dr. Buck FHP
(b)
Wir werden Sie aktivieren!
Ausstellungskonzept und Umsetzung: Daniel Fabian, Student FHP FB Sozialwesen
In einer kleinen Ausstellung wird die Entwicklung der sogenannten aktivierenden Arbeitsmarktpolitik bis zu den Hartz-("Fördern und Fordern") dargestellt . Dabei soll der Wandel im politischen Denken überdasThema Arbeitslosigkeit aufgezeigt werden, das zu DEM zentralen Streitpunkt in der heutigen Zeit geworden ist..
(c)
Über-Qualifizierung
Referent: Benjamin Groß, Student Sozialwesen FH Potsdam
Arbeitslosigkeit hat den Mittelstand erreicht - das ist schon seit Jahren keine Neuigkeit mehr. Selbstverständlich gibt es noch bestimmte Personengruppen, deren Risiko geringer ist, vom Arbeitsmarkt und der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Und wenn Unternehmen durch Rationalisierungen Personal abbauen, dann spielen neben der gesetzlich und tariflich "Sozialauswahl" vor allem auch Qualifikationsaspekte eine wichtige Rolle. Aber Fakt ist, dass Niemand mehr sicher sein kann, eine wirklich beständige Anstellung zu erreichen, bzw. zu halten.
Politik und Wirtschaft verlangen von den Menschen, sich ständig weiter zu qualifizieren, um nicht aus dem System zu fallen. Aber ist diese lebenslange berufliche Qualifizierung wirklich eine zuverlässige Lösung oder wird da etwas überbewertet?
Es ist an der Zeit, sich gemeinsam laut Gedanken zu machen, ob es nicht auch Alternativen gibt, um die Lebensqualität sowohl der Arbeitslosen als auch der Beschäftigten zu verbessern.
Dieser Workshop bietet einen Raum dafür, sich durch Kurz-Referate und Filme ein Bild zu machen, um dann in Interaktion zwischen Referent und Publikum Lösungsansätze zu finden.

Entlassungen
Ästhetische Erkundungen zum Ein- und Ausstieg aus der Arbeitswelt mit Studierenden und Rentnern aus Potsdam
Den einen steht die Entlassung aus der Hochschule in die Arbeitswelt bevor,
die anderen wurden bereits in den Ruhestand entlassen. Wie bekomme ich einen Platz im Karussell der Möglichkeiten, wie schaffe ich nach all den Jahren den Absprung? Welche Bedeutung hat die Arbeit für die eigene Existenz?
Zusammen mit Rentnern aus Potsdam und Umgebung werden generationsübergreifende Erkundungen zur Bedeutung der Arbeit unternommen und produktive Strategien zu einer in Auflösung begriffenen Arbeitsgesellschaft getestet.
Auf der Grundlage eigener Erfahrungen, Befragungen und der Spurensuche zwischen den Generationen und Systemen sowie der theaterpraktischen Auslotung soziologischer und dramatischer Texte, werden vergangene, aktuelle und zukünftige Arbeitsbegriffe recherchiert, transformiert und inszeniert.
Leitung: Tine Pfeil (theaterlabor an der FH Potsdam, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Ästhetische Praxis und Bildung am FB Sozialwesen)

VITEN
Wolfgang Engler
Prof. für Kultursoziologie und Rektor der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch"; Autor des Buches "Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft." Er publizierte zahlreiche Studien über Lebensformen in Ost und West und kritische Analysen über die Moderne, die Demokratie sowie den Wandel des Politischen und der Öffentlichkeit in den industriellen Massengesellschaften.

Günter Jordan
Studium der Slawistik, Geschichte und Pädagogik, Arbeit als Lehrer, Regiestudium an der Filmhochschule Babelsberg, seit 1969 im DEFA-Studio für Dokumentarfilme als Assistent, Autor, Regisseur. 1990 Promotion an der Humboldt Universität Berlin mit einer Dissertation über den frühen DEFA-Dokumentarfilm und die Wochenschau "Der Augenzeuge". Nach 1992 Arbeit als freier Filmemacher und Filmwissenschaftler. Herausgeber des Standardwerkes "Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946 - 1992" (zus. mit Ralf Schenk) und Veröffentlichungen in den Jahrbüchern der DEFA-Stiftung.

Adrienne Goehler
GAL-Abgeordnete in der Hamburger Bürgerschaft, zwölf Jahre Präsidentin der Hamburger Hochschule für bildende Künste und von 2001 bis 2002 Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin. Als ehemalige Kuratorin des Hauptstadt-Kulturfonds lebt sie heute als freie Publizistin und Kuratorin in Berlin und Portugal. Ihre These: Deutschland hat ein enormes kreatives und kulturelles Potenzial. Der Skandal ist: Es wird nicht zum Wohle der Gesellschaft genutzt. Wissenschaft und Künste bleiben im Ghetto, die Politik schottet sich ab.

PRESSE

Schöne neue Arbeitswelt
Veranstaltungsreihe zur Arbeit im Filmmuseum Potsdam
Potsdamer Neueste Nachrichten, 18. April 2007, Lore Bardens

Die Arbeit geht uns aus, das wissen wir spätestens seit der Wende, als viele ehemalige DDR-Bürger einfach ihre Jobs verloren und vor ihrem "Zimmerspringbrunnen" zuhause verzweifelten. Dass in den neuen Bundesländern die Erosion der Arbeitsgesellschaft mit größeren "Verwerfungen" aufwartete als im Westen, betonte die ehemalige Rektorin der Fachhochschule, Helene Kleine, in ihrer Einführung zu der Themenreihe am Montagabend im Filmmuseum. Es ist ein Verdienst des Filmmuseums, mit der von Dorett Molitor konzipierten Reihe "Work in progress. Erfinde dich selbst und neu!" dieses Thema, das den Zusammenhalt unserer Gesellschaft immer stärker bedroht, in den Fokus des Interesses zu nehmen. Der Streifzug durch die Arbeitswelt wird umrahmt von Filmen wie Charlie Chaplins "Moderne Zeiten" aus dem Jahr 1936 und "Ewig Praktikant - eine Generation in der Warteschleife" von 2006. Wenig anderes definiert uns so stark wie die Arbeit, unser Stand wird durch den Beruf, und seine materielle und soziale Anerkennung bestimmt. Doch immer mehr Menschen kommt dieser zweifelhafte Glücksbringer abhanden, zumal der jungen Generation, die als "Generation Praktikum" lebenslang draußen vor der Tür zu stehen droht. Aber es könnte alles anders werden. Wolfgang Engler, Kultursoziologe und Rektor der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin, referierte über den sich wie die Arbeitslosigkeit breit machenden Gedanken, ein "bedingungsloses Bürgergeld" einzuführen, das jedem Bundesbürger zustehen würde. Es ging ihm dabei nicht um die Finanzierung dieser revolutionären Idee, die hauptsächlich vom Besitzer der DM-Drogeriekette Gört Werner propagiert, aber inzwischen auch in allen politischen Zirkeln diskutiert wird. Engler stellte in das Zentrum seiner Überlegungen die revolutionäre Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse: Wenn es jedem Bürger auch ohne Arbeit gestattet wäre, einigermaßen über die Runden zu kommen, dann würde dies die Unternehmen vor neuartige Fragen stellen: Sie müssten etwas bieten, was attraktiv wäre, sonst könnte sich ja jeder einfach von einem Arbeitsplatz, an dem er gemobbt oder anders unwürdig behandelt würde, verabschieden. Diese Abkoppelung des Einkommens von der Arbeit ist in Englers Augen tatsächlich erstrebenswert, aber nur dann, wenn jeder Mensch durch Bildung auch in die Lage versetzt würde, sein Leben selbst bestimmt zu leben. In diesem Punkt distanzierte sich der Redner von seiner eigenen Publikation "Bürger ohne Arbeit" aus dem Jahr 2005, indem er eine Art Bedingung an die Ausschüttung dieser Grundsicherung knüpfen will, nämlich jene, dass man sich über einen Bildungsabschluss dafür auch qualifiziere. Schwere Sorgen bereiten ihm die bildungsfernen Schichten, in denen Jugendliche in einem Milieu aufwachsen, das Schule ignoriert und wo keine Hoffnung auf ein sinnvolles Leben genährt wird. Darin sieht Engler einen großen und langfristig gefährlichen Missstand in unserer sich auf immer weniger Arbeit spezialisierenden Gesellschaft. Wenn diese Bedingung aber erfüllt würde, so könnte sich Europa auf durchaus utopische Verhältnisse freuen, denn dann würden die Menschen mit weitaus mehr Freiheitspotentialen sinnerfüllt ihr Leben führen können, das nicht mehr nur, aber auch von selbstgewählter Arbeit bestimmt wäre. Zu schön, um wahr zu sein? Die Finanzierung jedenfalls, so wurde jüngst berechnet, wäre möglich und sogar billiger als der aktuelle Sozialstaat. Goldene Zeiten, so scheint es, könnten auf uns alle warten, aber die Stimmung im Saal war dennoch eher verhalten und skeptisch. Vielleicht muss man erst einmal lernen, positive Visionen zu denken. Und sich von der protestantischen Ethik abkoppeln. Dazu braucht es sicher mehr als nur ein Rechenexempel.

Sozialstaat im Wachkoma
Adrienne Goehler zum Wandel der Arbeit
Märkische Allgemeine Zeitung, 21. Juni 2007, Lothar Krone
Es klingt ja so schön. "Die neue kreative Klasse" hieß der Vortrag von Adrienne Goehler am Dienstagabend im Filmmuseum. In der Film- und Veranstaltungsreihe zum Wandel der Arbeit "Erfinde dich selbst und neu!" gab die Autorin des im vergangenen Jahr im Campus Verlag erschienenen Buchs "Verflüssigungen" ihre Vorstellungen zum Umbau des Sozialstaats preis. Schon der Untertitel dieser Publikation beschreibt die wunderbaren Aussichten einer auf dem Boden von Massenarbeitslosigkeit wachsenden neuen, deutschen Gesellschaft. "Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft", ist die Antwort eben dieser neuen kreativen Klasse, auf die von den Volksparteien mit dem Projekt "Hartz IV" eingeleiteten Reformen. Beinahe drei Monate lang hatte das Filmmuseum Propheten und Protagonisten eines radikalen Wandels der Arbeitswelt mit Filmen und Zuschauern konfrontiert, bei denen das Thema Arbeit auf gesteigertes Interesse stößt. Das war mutig bis aberwitzig, aber in der Bilanz der vergangenen Wochen ein kluges und vor allem zeitgemäßes Konzept, auch wenn der Kinosaal nicht immer so gut gefüllt war wie beim Vortrag der ehemaligen Präsidentin der Hamburger Hochschule für bildende Künste und Exsenatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin. Dass Goehler zu fesseln versteht, liegt vor allem an ihrer ausgewogen gemischten, weil intellektuell anspruchsvollen und zugleich auch volkstümelnden Sprache. Mal bediente sie sich der Vokabeln mit ausgewählt akademischen Zuschnitt, dann wieder berlinerte sie munter drauflos oder griff geradezu genüsslich zum Kraftausdruck. Das kam an und unterhielt, auch wenn das Thema vergleichsweise spröde war. Inhaltlich beharrte sie, trotz aller Anzeichen einer Belebung auf dem Arbeitsmarkt, auf der These vom Ende der Vollbeschäftigung. Dann zitierte sie eine Studie, die nur noch 13 Prozent aller in Deutschland Beschäftigten als in Ganztagsjobs arbeitende Vollbeschäftigte zählte. "Die Arbeitsmarktpolitik der Regierung wird für eine radikale Minderheit gemacht", rief Goehler und erntete für ihr Prädikat "Schlafdeutschland" und das Begriffspaar "Sozialstaat im Wachkoma" rundum Zustimmung. Für die von ihr propagierte Kulturgesellschaft sang sie das Hohelied von einer äußerst effizienten Kulturwirtschaft, die inzwischen die Wertschöpfungsrate der Energiewirtschaft erreicht habe und mehr Menschen beschäftige als die Autoindustrie. Um auch die letzten kreativen Potenziale freizusetzen, forderte sie unbeirrt ein "bedingungsloses Grundeinkommen". Der Staat müsse auf unsinnige, aufgezwungene Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Ein-Euro-Jobs verzichten und jedem das Recht einräumen selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten. Berechnungen hätten ergeben, dass vom momentanen Sozialetat jedem Deutschen 600 Euro monatlich ausgezahlt werden könnten. Wichtigster Nebeneffekt einer solchen Regelung wäre die Beseitigung der jede Kreativität lähmenden Angst. Auch die im Anschluss von Hanne Seitz moderierte Fragerunde, streifte dann noch einmal die zuvor aufgestellten Thesen. Sie wurde aber schnell zu einer Variation des Themas unter dem Stichwort "Bildung" und rechnete schonungslos mit dem Schulsystem ab. Auch hier herrschte Einigkeit im Saal und so machte Goehler den begeisterten Zuhörern mit selbst Gereimten Mut: "Kleine Revolutionen sind machbar, Frau Nachbar".

FILMEINHALTE
Das Alte und das Neue Staroe i novoe
R: Sergej M. Eisenstein, Grigori Alexandrow (Rekonstr. 1997 durch Naum Kleinman), D: Marfa Lapkina, Wasja Busenkow, UdSSR 1926-29, 131’
Die Auftragsarbeit von Josef Stalin sollte die Kollektivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft pathetisch feiern: Eine russische Bauerngemeinde organisiert sich gegen den Widerstand der reaktionären Kulaken zu einer Kolchose. Auf Intervention von Stalin wurde der Film mehrfach umgeschnitten. Tara Bujewski schuf die Musik, die die "propagierte Symbiose von Technik und Mensch, von Individuum und Kollektiv kommentiert." (fd 23/06) Wir zeigen die auf der arte-Erstausstrahlung basierende und von Neue Visionen editierte DVD-Fassung.

Moderne Zeiten Modern Times
R: Charles Chaplin, D: Charles Chaplin, Paulette Goddard, Henry Bergman, USA 1936, 89’
Fließbandarbeiter Charlie läuft wegen der immergleichen Handgriffe bei der Arbeit Amok, gerät zwischen die Zahnräder einer großen Maschine und stellt die Fabrik auf den Kopf. Darauf kommt er in eine Nervenklinik und landet kurz nach der Entlassung als roter Agitator im Gefängnis. Wieder draußen, muss er feststellen, dass das Leben dort weitaus bequemer war als das auf der Straße.

FahrraddiebeLadri di biciclette
R: Vittorio de Sica, D: Lamberto Maggiorani, Enzo Staiola, I 1948, 88’
Einem Arbeitslosen wird das Fahrrad gestohlen, das er dringend für seinen neuen Job als Plakatankleber braucht. Aus Not wird er schließlich selbst zum Fahrraddieb. Der mit "Menschen von der Straße" im Nachkriegs-Rom gedrehte Film gehört zu den Meisterwerken des italienischen Neorealismus.

Losers and Winners
R: Ulrike Franke und Michael Loeken, Dok., D 2006, OmU, 96’
Eineinhalb Jahre lang begleiten die Filmemacher die Demontage einer gigantischen Industrieanlage im Ruhrgebiet und dokumentieren Geschichten entlang des Verschwindens: Wie die Koker Ankunft und Arbeitsweise der Chinesen erleben, die die Anlage in China wieder aufbauen wollen. Was sie fühlen, wenn sie mit der modernsten Kokerei der Welt auch ihren Stolz schwinden sehen. Aber auch die Belastungen und Konflikte der chinesischen Arbeiter werden thematisiert. Zwei Welten treffen aufeinander. Doch wer ist am Ende Gewinner, wer Verlierer?

Mein Mann, das Wirtschaftswunder
R: Ulrich Erfurth, D: Marika Rökk, Fritz Tillmann, Conny Froboess, Heinz Erhardt, BRD 1964, 94’
Von seinem Chauffeur, einem alten Kriegskameraden, erfährt Stahlunternehmer Alexander Engelmann, dass seine Tochter aus der Schule ausreißen wollte. Also muss eine Leihfrau her, die auf Julia aufpassen soll. "Für Geld ist ja alles zu haben." Doch aus der Scheinehe wird bald Liebe. Vorsichtig ironische Unterhaltungskomödie nach einem Buch des Kabarettisten Dieter Hildebrandt.

Liebe Mutter, mir geht es gut
R: Christian Ziewer, D: Claus Eberth, Nikolaus Dutsch, BRD 1971, 87’
Der arbeitslos gewordene Maschinenschlosser Alfred Schefczyk, genannt "Scheff", zieht von Württemberg nach West-Berlin, wo er einen Job als Transporteur findet. Jedoch verzweifelt er an den Abhängigkeitsstrukturen im Betrieb und an der mangelnden Solidarität seiner Kollegen. "Liebe Mutter, mir geht es gut", schreibt er dennoch auf eine Postkarte. Ziewers erster Arbeiterfilm.

Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts: Arbeitswelt DDR - Poesie statt Analyse?
Vortrag: Dr. Günter Jordan (Filmhistoriker)
DEFA-Dokumentarfilme aus der Welt der Arbeit Gesamtlänge. 116'
Stahl und Menschen R: Hugo Herrmann, DDR 1956
Faszinierende Studie über die Arbeitswelt im Stahl- und Walzwerk Brandenburg, fernab jeder propagandistisch gefärbten Sicht. In gleichermaßen prosaischen wie beeindruckenden Bildern wird die fast archaisch anmutende Atmosphäre an den Arbeitsplätzen im Werk eingefangen.
Ofenbauer R: Jürgen Böttcher, DDR 1962
Mit viel Sympathie mit den Arbeitern vor Ort dokumentiert Böttcher die Verschiebung eines 2000-Tonnen-Ofens, die seine Reparatur um die Hälfte der Zeit verkürzt. Den daran teilhabenden Arbeitern erschafft er ein filmisches Denkmal.
Stars R: Jürgen Böttcher, DDR 1963
Mit der ihm eigenen Sympathie und anteilnehmenden Beobachtung porträtiert Böttcher eine Frauenbrigade in der Berliner Glühlampenfabrik und bezeugt die zentrale Stellung der Arbeit in der DDR.
Nachtarbeiter R: Richard Cohn-Vossen, DDR 1973
Entgegen den üblichen pathetischen typisierten Heldenbildern beobachtet Cohn-Vossen mit nüchternen und detailgenauem Blick den nächtlichen Arbeitsablauf verschiedener Arbeiter in Berliner Betrieben. Man spürt seine Liebe zu diesem Milieu und die Hochachtung vor der einfachen und unauffälligen Arbeitswelt.
Mädchen in Wittstock R: Volker Koepp, DDR 1975
Junge Arbeiterinnen aus dem VEB Obertrikotagenwerk in Wittstock erzählen erstmalig vor der Kamera von ihren Hoffnungen und Sorgen, alltäglichen Ängsten und Träumen für die Zukunft. Volker Koepp wird die damals noch jungen Mädchen in den nächsten zwei Jahrzehnten begleiten und damit ein bedeutendes Zeitdokument über die Arbeitswelt schaffen.
Arbeiterfamilie in Ilmenau R: Cohn-Vossen, DDR 1977
Vor dem Hintergrund des Wandels von der Manufaktur zur industriellen Produktion von Haushaltsporzellan kommen Lebensstationen und Lebensansichten eines Arbeiters und seiner Frau zum Tragen.
Reparaturbrigade Zementwerk R: Werner Kohlert und Rolf Richter, DDR 1979
Werner Kohlert beschreibt das Werk als eine Landschaft, als einen gewaltigen Organismus, der groß, fremd und staubig ist. Menschen spielen zunächst keine Rolle. ... Es ist wie eine sachliche Industriefilmfotografie. Diese Verfremdung lässt plötzlich das Verhältnis Mensch und Arbeit in einem anderen Licht erscheinen. (Eduard Schreiber)

Workingman's Death
R: Michael Glawogger, Ö/D 2005, OmU, 122’
Bergarbeiter in der Ukraine, die auf eigene Faust Kohle abbauen, indonesische Kulis, die Zentner schwere Kiepen voller Schwefel ins Tal schleppen, das blutige Treiben auf einem Schlachthof in Nigeria, die lebensgefährliche Verschrottung von Öltankern in Pakistan, Stahlarbeiter in China. "Der Film ist weniger an Ökonomie interessiert als an der Arbeit selbst: am Körperlichen, Konkreten, an den Existenzbedingungen der Arbeiter." (tip 11/06)

Leben nach Microsoft
R: Corina Belz, Regina Schilling, D 2002, Dok., 72’
Bei Microsoft in Seattle schuften 30.000 Angestellte bis zu 80 Stunden in der Woche. Bill Gates war der erste, der junge Leute direkt von der Uni in die Firma holte und frühkapitalistische Prinzipien mit einer neuen Lebensart verband: Arbeiten auf dem Campus mit Sportplätzen, legerer Kleidung, Beschwörung des Teamgeistes. Doch viele sind mittlerweile ausgestiegen. Sieben Programm-Entwickler erzählen von dieser Zeit.

Be to Be
R: Daniel D. Sponsel, Jan Sebening, D 2003, Dok., 67’
Consultants sind moderne Nomaden. Unterwegs sein ist das Credo ihres Lebens, räumlich, aber auch ideell. Dirk Bader (28), Mathias Greger (35) und Stefan Schnaedter (28) nennen Probleme grundsätzlich Herausforderung: "Wirtschaft ist das treibende Rad in Gesellschaften. Und da mitmischen ... ist reizvoll." Dafür sind sie bereit, ihre Fähigkeiten ständig zu trainieren und ihr Privatleben auf eine halbe Stunde an einer Hotelbar zu beschränken. Assoziativ montierter Dokumentarfilm, der die vermeintlichen Ideale unserer Gesellschaft spiegelt: Disziplin, Erfolg und Wachstumsglauben.
Des Wahnsinns letzter Schrei
R: Bärbel Schönafinger, Tanja von Dahlern, D 2005, Dok., 55’
BRD 2005. Deutsche Unternehmen schreiben Rekordgewinne. Es wird so viel Geld verdient wie noch nie. Gleichzeitig gibt es immer mehr Arbeitslose, die immer stärker unter Druck gesetzt und per Gesetz gezwungen werden, unterhalb der Armutsgrenze zu leben. Der Film versucht zu erklären, wie diese Phänomene nebeneinander bestehen können.

Wir leben im 21. Jahrhundert
R: Claudia Indenhock, D 2005, Dok., 60’
Dokumentarfilm über drei Hauptschulabbrecher aus armen Verhältnissen, die in einem Förderprogramm den Abschluss nachholen und ein Praktikum machen. Die Protagonisten wirken zunächst antriebslos, finden aber durch die Arbeit zu Selbstvertrauen. Der behutsame Film zeigt die Verlierer des härter werdenden Kampfs um Arbeit und veranschaulicht, wie sie zu einem würdevollen Leben finden.
Vorfilm: FiveFortyFive
R: Christoph Röhl, D 1998, Dok., OmU, 10’
Napoleon lebt in und um eine Bahnstation in London. Er hat einen streng geregelten Tagesablauf, der in viele einzelne Arbeitsschritte unterteilt ist. Er räumt auf, er hilft Passanten, die ihn nicht einmal bemerken. Eine Erfolgsstory jenseits der Verpflichtung zur Erwerbsarbeit.

Ewig Praktikant. Eine Generation in der Warteschleife
R: Sigrun Matthiesen, D 2006, 45’
Hochschulabsolventen finden in Deutschland nach ihrem Abschluss selten eine Stelle. Nicht nur Werbeagenturen, auch politische Institutionen lassen mittlerweile einen guten Teil ihrer Arbeit von qualifizierten Praktikanten erledigen. So wird eine Generation in der Warteschleife gehalten, unfähig, von ihrer Arbeit zu leben. Das Filmteam begleitet eine Betriebswirtin, eine Kulturwissenschaftlerin und einen Germanisten bei ihrem Kampf um einen Arbeitsplatz, der auch zur Suche nach einem Platz in der Gesellschaft wird.

John Jane
R: Ashim Ahluwalia, Indien 2005, Dok., OmU, 82’
Dokumentarfilm über ein Call-Center in einer Satellitenstadt am Rand von Mumbai, wo junge Inder in Nachtschichten für Anrufer aus den USA arbeiten. Porträtiert werden sechs Call-Agents, deren Einstellung zur Arbeit von strikter Ablehnung bis zur bewundernden Selbstaufgabe geht. Dabei bemüht sich der Film, sich in seine Protagonisten hineinzuversetzen und ihre Entfremdung vom alten Mumbai zu illustrieren, wofür er außergewöhnliche, subjektive Bild- und Tonwelten findet.
Eine Schauspielerin versucht zu weinen R: Arne Bunk
Eine Schauspielerin versucht zu weinen. Sie arbeitet.
Recycelte Planeten R: Mojgan Ghanaatgar/Jeanine Reutemann
Ein Mann geht von Tür zu Tür zwecks Arbeitssuche, wird jedoch überall abgelehnt. Als er am Abend erschöpft auf der Straße sitzt, wird eine Leiter vom Mond heruntergelassen. Er steigt hinauf und gestaltet seine eigene Arbeitswelt aus Weltraummüll.

Kurzfilmprogramm MACHDOCHWASDUWILLST
Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde
R: Jan Peters
Ein Filmtagebuch über den Versuch ein Praktikum bei einem Frührentner zu machen, der sich etwas dazu verdient, indem er sich täglich am Frankfurter Flughafen eine Gruppenkarte für die U-Bahn kauft und dann am Fahrkartenautomaten den Reisenden anbietet, sie zu ihrem jeweiligen Reiseziel zu begleiten - gegen eine kleine Kostenbeteiligung, etwas günstiger als der eigentlich Fahrpreis, versteht sich.
Deutschland - Ein Herbstmärchen
R: Jochen Hick / Karin Wallenczus
Die Zukunft der Arbeit entwickelt sich als Zukunft ohne sie. Sind wir, die immer noch an Lohn für Arbeit glauben, auf ein solches Szenario überhaupt vorbereitet? Geld gegen Arbeit ist tot, es lebe die Arbeit.
Outsourcing
R: Markus Dietrich / Hanna Reifgerst
Das kleinste Unternehmen ist die Familie. Was wäre, wenn man diesen Betrieb nur unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet? Was wäre, wenn die Familie plötzlich ihre Mitglieder entlässt, um effektiver wirtschaften zu können?
Peters Prinzip
R: Jim Lacy / Kathrin Albers:
Du mußt nicht schneller als ein Krokodil schwimmen können, um einen Angriff zu überleben. Du mußt nur schneller schwimmen können als dein Kollege neben dir.
Anna Wahle: Mit Pferden kann man nicht ins Kino gehen
Was bedeutet Arbeit in Zukunft? Ich frage die, die in der Zukunft arbeiten werden.
Haupt-, Gesamt- und Gymnasialschüler zwischen 12 und 20 erzählen uns, welcher Beruf sie glücklich machen würde und warum, ob sie eine Familie gründen wollen und warum, was ihnen Angst macht und was im Leben wichtig ist.
Bus
R: Jens Schillmöller / Lale Nalpantoglu
n einem Bus wohnt und lebt eine Arbeits-Guerilla, die sich Arbeit einfach nimmt und Löhne erzwingt. Eine charmante Anhalterin bringt das System jedoch durcheinander.
Waldmeister
R: Markus Mischkowski / Kai Maria Steinkühler
ine neue Episode aus dem Westend-Zyklus*: Die langzeitarbeitslosen Filmhelden Mike und Alfred sind in eine Maßnahme zur Integration in den Arbeitsmarkt geraten, ... als Waldmeister. Sie sollen die städtischen Grünanlagen von Unrat und Müll befreien. Ein speziell für sie abgestellter Fallmanager sowie eine Fall-Psychologin kümmern sich um sie. Nur wenn Mike und Alfred eine besondere Beziehung zu ihrer Arbeit aufbauen, wenn sie sich mit dem Müll einsammeln identifizieren, können sie ihr Selbst dahingehend optimieren, dass sie eines Tages im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Doch Mike und Alfred sind harte Fälle und nicht die einzigen auf dem neuerdings heißumkämpften Markt des Waldmülls...
Eine liebevolle, bisweilen böse Parodie auf (post-)moderne Arbeitswelten und ihre Diskurse.
Die neue Zeit
R: Karsten Wiesel
Arbeit war das wichtigste Thema von Dokumentar-, Lehr- und Propagandafilmen in der DDR. Ein Blick in die Archive hat gezeigt, dass in den Filmen für den Staatsbürgerkundeunterricht über mehrere Jahrzehnte immer wieder die gleichen Archivbilder montiert wurden. Am Anfang sehr ernst, später etwas lebendiger oder "jugendgerechter".
Die Neue Zeit ist eine kleine Staatsbürgerkunde aus dem Jahr 2006 und beschwört die alten Geister und den Traum, dass die Bemühungen des Menschen ihm selbst in einer paradiesischen Zukunft zugute kommen werden.
Eine Schauspielerin versucht zu weinen
R: Arne Bunk
Eine Schauspielerin versucht zu weinen. Sie arbeitet.
Recycelte Planeten
R: Mojgan Ghanaatgar / Jeanine Reutemann
Ein Mann geht von Tür zu Tür zwecks Arbeitssuche, wird jedoch überall abgelehnt. Als er am Abend erschöpft auf der Straße sitzt, wird eine Leiter vom Mond heruntergelassen. Er steigt hinauf und gestaltet seine eigene Arbeitswelt aus Weltraummüll.

Behind the Couch - Casting in Hollywood
R: Veit Helmer, D 2005, Dok., OmU, 72’
Einblicke in den Kampf mehr oder weniger talentierter Menschen, die in Hollywood Karriere als Schauspieler machen wollen. Ein schonungsloser, zugleich aber stets unterhaltsamer Dokumentarfilm, der einen desillusionierenden Blick hinter die Kulissen des Filmgeschäfts und der Casting-Agenturen gewährt und sich zu einer Beschreibung des Scheiterns verdichtet. (fd 22/06) Preis der Filmkritik 2006 für den besten Dokumentarfilm.