Frank Beyer - Foto: Günter Linke
Frank Beyer - Foto: Günter Linke

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Trauerrede Wolfgang Thierse

Wolfgang Thierse auf der Trauerfeier für Frank Beyer



"Möglicherweise bin ich in meiner Generation in der DDR der Filmregisseur mit den größten Erfolgen und den schlimmsten Niederlagen gewesen. Das klingt anmaßend. Aber ich will mir das eine nicht als Verdienst und das andere nicht als Schuld anrechnen."

Das schreibt Frank Beyer im Vorwort zu seinen Erinnerungen "Wenn der Wind sich dreht." Es ist selbstbewusst und bescheiden zugleich, eben so wie es der Mensch und Künstler Beyer wohl auch war.

Von keinem anderen Regisseur habe ich so viele Filme gesehen - von den Königskindern (1962 gedreht) bis zu Abgehauen (1998); nimmt man die Filme hinzu, in denen er mitgewirkt, assistiert hat, sind es über zwanzig! So entsteht eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame DDR-Biographie, so wenig wir uns zu DDR-Zeiten persönlich gekannt haben.

Kein anderer Filmregisseur ist, so glaube ich, einen - in seinen Erfolgen wie Misserfolgen - für die DDR so typischen Weg gegangen, hat eine für sie geradezu exemplarische Entwicklung genommen - von seinen Anfängen bis zu seinen Filmen in den 90er Jahren.

Seine Berufswahl war zufällig, er hat sie auf heiterste Weise beschrieben, aber sie passte genau in die Atmosphäre kulturellen Aufbruches, wie sie den Beginn der DDR auch charakterisierte. Seine ersten Filme - die "nicht geplante Trilogie": Fünf Patronenhülsen, Königskinder und Nackt unter Wölfen - sind filmisch eindrucksvolle Belege für einen durchaus authentischen Antifaschismus in der DDR.

Dass das Apitz-Buch und der Beyer-Film dann verordnet wurden, zur Pflicht gemacht wurden, darf und kann die künstlerische Leistung nicht schmälern.

Dann Karbid und Sauerampfer aus dem Jahr 1963, eine der wenigen überzeugenden DEFA-Komödien. Ich habe, wie alle anderen auch, im Kino viel gelacht, ohne zu wissen, dass es sich um ein "Roadmovie" handelte, wie die wohl korrekte filmgeschichtliche Genrebezeichnung heißt. Es war jedenfalls ein besonderer Publikumserfolg. Und Frank Beyer Mitte der 60er Jahre einer der erfolgreichsten, bekanntesten Filmregisseure der DDR.

Dann aber folgte der tiefe Einschnitt:

Spur der Steine, die Verfilmung eines Romans, den ich als Pflichtlektüre während des Germanistikstudiums nur mit äußerster Mühe und nicht zu Ende gelesen hatte. Der Film wurde unter bösartigsten Umständen verboten, eine von vielen kulturpolitischen Schandtaten der SED-Herrschaften. Der Film wurde eine Art negativer Mythos. Ich habe ihn, wie die meisten, erst zum Ende der DDR gesehen und empfinden, nachempfinden können, was für ein Ereignis dieser Film war, welch ein Ereignis er für die Film- und Kulturgeschichte der DDR hätte sein können!

Das Verbot war ein tiefer Einschnitt für den SED-Genossen Frank Beyer, der er - nach seiner Herkunft und in seinem künstlerischen Weg - wie selbstverständlich war. Bis dahin. Danach war nichts mehr selbstverständlich.

Schon gar nicht - nach Jahren der verordneten Theaterarbeit - der Erfolg des wunderbaren Films Jakob der Lügner. Die Nominierung für den "Oscar" mochte Frank Beyer und die SED-Oberen noch einmal im Stolz vereinen, westliche Anerkennung winkte.

Es half nichts. "Mit der DDR-Kulturpolitik hatte ich nach 1976 nichts mehr am Hut," schreibt Beyer. Das war nach seiner Unterschrift unter den Protest gegen die Ausweisung Wolf Biermanns, nach einer strengen Parteirüge.

Es folgte der Film Geschlossene Gesellschaft, der an einem späten Novemberabend ohne jede Vorankündigung, also möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit im DDR-Fernsehen gezeigt wurde. Ich habe ihn damals gesehen, denn der Tipp wurde von Mund zu Mund weitergegeben. Ein bewegender, ein bitterer Film, der unserem Eingesperrtsein auf trostlose und zugleich innige Weise Ausdruck verlieh.

Die Folge war der Parteiausschluss. Ich zitiere das Protokoll der SED-Mitgliederversammlung vom April 1980: "Der Genosse Frank Beyer wird als Mitglied der Partei gestrichen. Begründung: Genosse Frank Beyer hat Ende 1976 eine strenge Rüge erhalten. Er hat die Zeit der Bewährung nicht genutzt, um sich in Grundfragen der Politik dem Standpunkt der Partei auch nur zu nähern, obwohl viele Genossen sich in zahllosen Gesprächen mit ihm geduldig und kameradschaftlich bemühten. ... Im persönlichen Gespräch zeigte Frank Beyer keinerlei Bereitschaft zu klärender politischer Aussprache. Aufgrund der unveränderten Haltung Frank Beyers in allen wesentlichen ideologischen Fragen und der Tatsache, dass er keinen Weg gefunden hat, durch seine künstlerische Arbeit einen Nachweis seiner Verbundenheit mit den Beschlüssen unserer Partei zu erbringen, ist zu schlussfolgern, dass er zu keiner Zeit die Absicht hatte, die ihm 1976 gegebene Chance der Bewährung zu nutzen."

Die unerträgliche Sprache des Beschlusses, der übrigens einstimmig gefasst wurde, versteckt und verrät etwas, das es festzuhalten gilt: die Tapferkeit vor dem Feind des störrischen Frank Beyer. Die war nicht gemacht, nicht gesuchtes Heldentum, in die ist er eher hineingeraten, aber dann immer tiefer, immer unbeirrter. Naiv und aufrichtig und zornig und beispielhaft ist er bei seiner Sache geblieben. Die SED-Herrschaften haben mit solcher Tapferkeit nichts anfangen können, sie haben sie vielmehr außer Landes vertrieben. Wie entsetzlich traurig und wie entsetzlich dumm! Dass ihm seine störrische Unbeirrbarkeit auch im gemeinsamen Deutschland, in der Marktwirtschaft in Konflikte führte, zeigt sein Ausstieg, sein Hinauswurf aus der Verfilmung von Uwe Johnsons "Jahrestage". Es war wieder die Alternative, wie er schreibt, "bei mir zu bleiben oder Forderungen nachzugeben, die ich für unvereinbar mit meinen Überzeugungen, ja, wohl auch mit Würde und Anstand hielt." Frank Beyer hat sich entschieden und dann keinen Film mehr machen können. Wie traurig! Aber wie viel Respekt verdient auch diese Entscheidung!

Man kann die Geschichte der DDR, so denke ich, auch als eine Geschichte bitter enttäuschter Hoffnungen lesen. Frank Beyer hat das wohl so empfunden. In einem Brief aus dem Jahr 2000 an einen Freund schreibt er über den Film Jakob der Lügner: "Der Gang des Films ist so: allmählich verwandelt sich die Hoffnung der Ghettobewohner in Illusion und schließlich in Selbstbetrug. Als ich vor einiger Zeit diesen Film wiedersah, dachte ich, mit dieser Geschichte ist irgendwie auch mein Leben in der DDR beschrieben. Nur, wann sich bei mir Hoffnung in Illusion und schließlich in Selbstbetrug verwandelt hat, das weiß ich bis heute nicht genau. Aber ich denke viel darüber nach."

Er ist dageblieben und hat im Westen und im gemeinsamen Deutschland wichtige Filme gemacht. Er ist dageblieben und hat mit Abgehauen seinen letzten Film gedreht!

So viele Filme habe ich von ihm gesehen. Wir haben im Kino und vor dem Fernseher geweint und gelacht, wir waren bitter und böse und heiter und befreit. Was kann man einem Filmemacher Besseres nachrufen!

Danke, Frank Beyer.