Filmmuseum Potsdam; F: J. Leopold (FMP)
Filmmuseum Potsdam; F: J. Leopold (FMP)

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Michael Winterbotton

Februar 2004

Gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Brandenburg u. dem British Council Berlin
Präsentiert von: Filmverband Brandenburg e.V. in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam

Michael Winterbottom gehört zu den interessantesten Filmemachern des zeitgenössischen britischen Kinos. In seinen Filmen packt er offensiv und engagiert Themen an, die auch in der politischen Diskussion präsent sind. Nach "Welcome to Sarajevo" (1997) ist "In this World" sein zweiter Film über ein internationales Krisengebiet und das Leid der von Krieg und Vertreibung betroffener Menschen. Der 1961 in Blackburn / Lancashire geborene Winterbottom studierte Englisch in Oxford und absolvierte danach eine Film- und Fernsehausbildung an der Universität Bristol und am Polytechnic of Central London. Anschließend war er in der Schnittabteilung von Thames Television tätig. 1988 debütierte er mit zwei TV-Dokumentarfilmen über Ingmar Bergman. Mehrere Regiearbeiten für das Fernsehen folgten. 1994 entstand mit "Butterfly Kiss" der erste Kinofilm. Inzwischen führte er bei ca. 20 Filmen Regie. Zur Werkschau war im Foyer der Fachhochschule Potsdam eine Ausstellung von Kinderzeichnungen mit dem Titel "Ich hab' den Krieg gezeichnet" zu sehen, die bereits weltweit zu sehen war, u.a. am Goethe Institut Johannesburg.
Michael Winterbottom war am 4.2.2004 zu Gast in Potsdam.

FILME: Butterfly Kiss / Herzen in Aufruhr / Welcome to Sarajevo / I Want You / Wonderland / Das Reich und die Herrlichkeit / With or Without You / 24 Hour Party People / In this World

Butterfly Kiss
RE: Michael Winterbottom, GB 1994
Eine britische Hardcore-Version von Ridley Scotts "Thelma Louise" (1991). Ein Road Movie mit Armanda Plummer als Eunice, bestens bekannt aus "Pulp Fiction", und Saskia Reeves als Miriam. Sie wird zur devoten Gehilfin der Gräueltaten von Eunice. Miriam erlebt zum ersten Mal so etwas wie Leidenschaft, Geborgenheit und Lust. Eine bizarre Freundschaft, die ein besonderes Ende haben wird ...

Herzen in Aufruhr Jude
RE: Michael Winterbottom, GB 1996
Der Steinmetz Jude Fawley ist sehr lernbegierig. Inspiriert von seinem Lehrer träumt er davon, auf die Universität zu gehen. Er begegnet seiner Cousine und verliebt sich in sie. Das Liebespaar verstößt gegen alle gesellschaftlichen Regeln, denn es lebt unverheiratet zusammen. Ein Film nach dem Roman "Jude the Obscure" von Thomas Hardy.

Welcome to Sarajevo
RE: Michael Winterbottom, GB 1997
Kann man aus Krisengebieten objektiv berichten? Darf oder muss man in das Geschehen eingreifen? Der Journalist Henderson, Berichterstatter im Balkankrieg, beginnt, seine journalistische Objektivität zu vernachlässigen und sich auch emotional einzulassen. Der Film strahlt so eine Improvisation des Kriegsalltages aus, die Hilflosigkeit, Anspannung und Empörung werden für den Zuschauer körperlich spürbar.

I Want You
RE: Michael Winterbottom, GB 1997
Das gleichnamige Liebeslied von Elvis Costello erzählt von leidenschaftlicher Sehnsucht. So leben die Figuren vom Eintauchen in eine farbenprächtige Welt. Das Hobby von Honda ist es, alles um sich herum, Geräusche, Gespräche und das Liebesstöhnen seiner Schwester aufzunehmen. Ein Film über die Tötung des Verlangens und über die Liebe.

Wonderland
RE: Michael Winterbottom, GB 1999
Drei Schwestern und ihr deprimierender Alltag in London. "Ein Großstadtporträt, das mit lakonischem Humor und beschwingten Rhythmus ein pulsierendes Zeitbild entwirft, dabei aber auch existenzielle Untertöne der Figuren zum Klingen bringt und unterhaltsam den Zustand urbaner Familienverhältnisse beschreibt." (fd)

Das Reich und die Herrlichkeit The Claim
RE: Michael Winterbottom, GB 2000
Eine Hommage an die Schnee- und Spätwestern der 70er Jahre, nach einer Novelle von Thomas Hardy. Zur Musik von Michael Nyman sieht man elegische, sorgfältig und klug ausgesuchte Bilder. Zugleich könnte "The Claim" fast ein Schwarzweißfilm sein, in seinem ständigen Kontrast aus in Dunkel gehüllten Menschen und der Winterlandschaft.

With or Without You
RE: Michael Winterbottom, GB 1999
In dieser Komödie sind es die Hauptfigur Rosie, das Kaninchen Bono II und ein anonymes Hamsterweibchen, die die Gewinnerrollen unter sich aufteilen: Rosie wird gleich von zwei Männern geliebt. Bono hat freie Wahl, ob er sein Hasengemüt mit Möhren, Cornflakes oder romantischen Liebesbriefen ausgleicht. Und die Hamsterin verfügt über eine ungeheure Begabung in Fortpflanzungsangelegenheiten.

24 Hour Party People
RE: Michael Winterbottom, GB 2002
"Von Joy Division bis Acid House: Mit "24 Hour Party People" drehte Michael Winterbottom eine Hommage an die wilden Jahre von Manchester und die wohl schrägste Epoche der britischen Pop-Geschichte. Die Überlebenden von damals erinnern sich jedoch eher an Pleiten und Chaos als an die glorreichen Raves in der "Hacienda". Der Abgesang auf einen schrägen Mythos." (Spiegel)

In this World
RE: Michael Winterbottom, GB 2002
Die Flucht als Road Movie: Von einem Toyota-Kleinlaster auf den nächsten, von einer Staub- oder Schlammpiste auf die nächste, und manchmal gibt es sogar eine Straße, einen Bus, eine Polizeikontrolle, einen Fußmarsch ... Seltsame Bilder: extrem flüchtig und verwischt, körnige Nachtaufnahmen. Die Verlorenheit wird sichtbar und spürbar, die Beliebigkeit der Schicksale, diese völlig bodenlose Hoffnung ... Die Unsicherheit ist der ganz normale Lebenszustand. Vor ihr schützt, wie man sieht, nur Uniform, Gewehr und Stacheldraht. Und Geld. Manchmal.

Die Welt vor der Kamera
Regisseur Michael Winterbottom eröffnete Retrospektive im Filmmuseum Potsdam
Marion Hartig, PNN, 6.2.2004
(...) Michael Winterbottom, der international bekannte britische Regisseur besuchte am Donnerstagabend Potsdam und eröffnete die ihm gewidmete Film-Retrospektive "Welcome Michael Winterbottom", die vom Filmverband Brandenburg in Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum organisiert wurde.
(...) Man sieht Winterbottom kaum an, dass er der Mittelpunkt dieses Abends ist. Schlichte Hose, graues Sweatshirt, dunkelblaue Strickjacke, kurzes Haar. Auf der Straße würden ihn nur Filmexperten erkennen, und auch die erst seit der Berlinale 2003, als er für seinen Flüchtlingsfilm "In this World" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet und in den Medien rauf und runter gelobt wurde. Im Laufe des vergangenen Jahres hat es bei internationalen Festivals für den Streifen sechs weitere Preise geregnet. Aber er hat noch bessere Filme gemacht, als die Flüchtlingsgeschichte, wird der Regisseur später scherzen. Die Werkschau im Filmmuseum, die anschließend in das Filmkunsthaus Babylon nach Berlin geht, hat fast alle seine Kinostreifen im Programm: Zu sehen ist sein Kinodebüt "Butterfly Kiss"(1994), eine bizarre Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen, die nicht aufgeben, daran zu glauben, dass Liebe alles kann.
(....) Zehn Kinostreifen hat Winterbottom bisher gedreht. Und keiner ist dem anderen gleich. Jede Geschichte ist neu und jedesmal hat der Regisseur sie in eine andere Form gegossen. (....) Er gibt den Darstellern in den meisten Szenen nicht mehr als eine Idee vor, erzählt Winterbottom. Der Regisseur sitzt mit Schinkenbaguette in einem Sessel und hat zehn Minuten Zeit, der Journalistin von sich und seiner Arbeit zu erzählen. Er zeigt in seinen Filmen Lebenssituation, sagt er, in die man sich einfühlen kann, im Sinne von "was wäre wenn". (....) In "In this World" zeigt er Flüchtlinge, die Grausames erlebt haben und sich in einer Welt wiederfinden, die sie nicht haben will. Allein die Themenwahl bezieht Position, seine Filme haben eine ganz klare Richtung. Und das ist gut so und macht einen großen Teil ihrer Wärme aus. (....)
"Ich hab' den Krieg gezeichnet", Ausstellung zur Retrospektive im Foyer der Fachhochschule am Alten Markt.