Jean-Claude Carrière und Volker Schlöndorff

November und Dezember 2006

2005 startete das Filmmuseum eine Reihe, in der ein deutscher Künstler einen ausländischen Gast einlädt, dem er sich besonders verbunden fühlt. Im letzten Jahr lud der Potsdamer Regisseur Andreas Dresen den Briten Ken Loach ein. Das Gespräch zwischen den beiden Filmemachern fand beim Publikum großes Interesse. 2006 machten wir Volker Schlöndorff die Offerte: Er schlug den bedeutenden (Drehbuch-)Autor Jean-Claude Carrière vor.
Carrières Vielseitigkeit und Schaffenskraft sind legendär: Seit Anfang der 60er Jahre hat der Drehbuchautor mit unterschiedlichsten Regietemperamenten auf (fast) allen Kontinenten gearbeitet und Fabeln aus (beinahe) sämtlichen Epochen der Menschheitsgeschichte erzählt. Er ist ein Mann für alle Genres - unter seinen rund 130 Drehbüchern finden sich hintergründige Charakterstudien, beißende Gesellschaftsporträts und historische Epen ebenso wie Actionfilme oder burleske Komödien. Diese Vielseitigkeit verdankt sich nicht allein seiner Meisterschaft der szenischen Verdichtung, sondern auch einer tiefen Vertrautheit mit orientalischen wie okzidentalen Erzähltraditionen. Neben der langjährigen Zusammenarbeit mit Peter Brook, Luis Bunuel und Louis Malle nimmt die Begegnung mit Volker Schlöndorff eine zentrale Rolle in seinem Schaffen ein. Der Regisseur verpflichtete ihn vorzugsweise für die Adaption literarischer Vorlagen, die bis dahin als unverfilmbar galten: Grass' "Die Blechtrommel" und Prousts "Eine Liebe von Swann". Auch für "Die Fälschung" schrieb Carrière am Drehbuch mit.
Die Doppelretrospektive lud ein zu überprüfen, wie sehr sich diese beiden eigenwilligen Handschriften ergänzen. Gleichzeitig wurden auch andere wichtige Filme aus dem Werk der beiden Künstler präsentiert.

Filme
Der junge Törless
BRD/F 1965, R: Volker Schlöndorff, D: Mathieu Carrière, Bernd Tischer, 87’
Schlöndorff arbeitete noch als Regieassistent bei Louis Malle, als er das Drehbuch zu "Der junge Törless" schrieb. Die kongeniale Verfilmung des Romans von Robert Musil ist einer der wichtigsten deutschen Filme der 1960er Jahre: Der junge Törless schaut tatenlos zu, wie seine Kameraden im Internat einen jüdischen Mitschüler ausgrenzen und misshandeln.

Tagebuch einer Kammerzofe Le journal d’une femme de chambre
F/I 1963/64, R: Luis Buñuel, D: Jeanne Moreau, Georges Géret, Michel Piccoli, 97’
Célestine tritt als Hausangestellte eine neue Stelle in der französischen Provinz an. Der moralische und sittliche Verfall ist augenfällig: Der Hausherr entpuppt sich als sexueller Lüstling, die Hausdame ist ständig frustriert, der Diener Joseph ein fanatischer Faschist. Aus Célestines Perspektive erzählt der Film auch ihren Verrat an Joseph. Sie heiratet den verkalkten aber reichen Nachbarn der Familie und integriert sich in die Gesellschaftsschicht, der sie vordem diente.

Die Fälschung Le faussaire
BRD/F 1981, R: Volker Schlöndorff, D: Bruno Ganz, Hanna Schygulla, 110’
Abermals verfilmt Schlöndorff einen Roman ("Die Fälschung" von Nicolas Born): Bruno Ganz spielt den Journalist Laschen, der Frau und Familie verlassen hat und im kriegszerrütteten Beirut an seinem Beruf zu zweifeln beginnt.

Danton L'affaire Danton
F/PL 1982, R: Andrzej Wajda, D: Gérard Depardieu, Wojciech Pszoniak, Patrice Chéreau, Angela Winkler, 136’
1794: Wajdas Revolutionsdrama inszeniert den Machtkampf der beiden Gegenspieler Danton und Robespierre. Zum Ende der Schreckensherrschaft kommt es zur erbitterten Auseinandersetzung zwischen den Vertretern gegensätzlicher Ideologien, Strategien und Lebensauffassungen. Danton tendiert zum Kompromiss, will die Guillotine anhalten. Er liebt das Leben, ist ausschweifend, spontan, widersprüchlich. In der hochdramatischen Konfrontation prallen der Genussmensch und Volkstribun Danton und der asketische Tugendwächter und prinzipientreue Ideologe Robespierre aufeinander.

Eine Liebe von Swann Un Amour de Swann
BRD/F 1983, R: Volker Schlöndorff, D: Jeremy Irons, Ornella Muti, Alain Delon, 110’
Frei nach Marcel Proust: Die Liebesgeschichte eines Pariser Lebemannes und einer Kokotte scheitert an der Eifersucht, dem Besitzanspruch und der Exaltiertheit des Mannes. Der detailsicher inszenierte Film fängt die Atmosphäre der Romanvorlage ein und beeindruckt durch die Ausstattung, die Kamera und den Einsatz der Musik.

Tod eines Handlungsreisenden Death of a Salesman
USA/BRD 1985, R: Volker Schlöndorff, D: Dustin Hoffman, Kate Reid, John Malkovich, 136’
Preisgekrönte Verfilmung des Bühnenstücks von Arthur Miller: Die tragische Selbsttäuschung eines beruflich und familiär gestrandeten amerikanischen Kleinbürgers. Seine Erfolglosigkeit verschleiert er durch armselige Aufschneiderei. Sich selbst verstellt er den Zugang zur rauen Wirklichkeit und hinterlässt den Angehörigen zum Schluss nur die Lebensversicherungsprämie. (Lex. d. int. Films)

Eine Komödie im Mai
F/I 1989, R: Louis Malle, D: Michel Piccoli, Miou-Miou, Michel Duchaussoy, deutsch synchronisiert, 107’
Während sich ein Clan ländlicher Bourgeois zur Beerdigung der Großmutter und Auflösung ihres Landgutes in der Provinz trifft, werden in Paris Barrikaden gebaut und die bürgerliche Ordnung in Frage gestellt. "Zwischen leiser Wehmut und subtiler Heiterkeit trauert Louis Malle sowohl um den Untergang einer großbürgerlichen Lebensart als auch um das vorprogrammierte Scheitern der Utopie der rebellierenden Jugend." (Lex. d. int. Films)

Strajk - Die Heldin von Danzig
D/PL 2006, R: Volker Schlöndorff, D: Katharina Thalbach, Andrzej Chyra, Dominique Horwitz, 104’
Inspiriert von Sylke Rene Meyers Dokumentarfilm "Wer ist Anna Walentynowicz?" (2002) verfilmte Schlöndorff, wie die Entlassung der Kranführerin Anna 1980 zunächst den Streik auf der Danziger Werft, dann eine Protestbewegung in ganz Polen und schließlich die Gründung der ersten freien Gewerkschaft im Ostblock auslöste. Der mit namhaften Schauspielern gedrehte Film erzählt vom Mut des Einzelnen, von der Kraft des Glaubens und von einer Mauern sprengenden Solidarität.

Der neunte Tag
D 2004, R: Volker Schlöndorff, D: Ulrich Matthes, August Diehl, 97’
Der luxemburgische Abbé Henri Kremer gehört zu 3000 Häftlingen aus West- und Osteuropa aus dem "Pfarrerblock" in Dachau, wo die Gefangenen gedemütigt und gefoltert werden. Ende Januar 1942 bekommt er "Urlaub auf Ehrenwort", um seinen Bischof zu überzeugen, der Kirchenpolitik des Dritten Reiches zuzustimmen. Die anderen Häftlinge bleiben als Geisel zurück. Der gebildete und karrieresüchtige Gestapo-Offizier Gebhardt versucht, Kremer zum Komplizen zu gewinnen: Er offenbart ihm, dass er, bevor er zur SS wechselte, vor der Priesterweihe stand und ihm somit geistig verwandt sei, beide seien doch ‚Menschenfänger? und ohne Judas gäbe es auch das Christentum nicht. Doch Kremer ist kein Judas, am neunten Tag kehrt er nach Dachau zurück. Sein Brief auf Gebhardts Frage nach seiner Kooperation enthält ein leeres Blatt. Ein virtuoses Drehbuch, großartige Darsteller und die unaufdringliche Kamera machen diesen Film zu einem Ausnahmefall. Schlöndorff gelang ein ebenso bildmächtiges wie spannendes Gewissensdrama über die Versuchungen des Bösen, die zeitlos sind.

Die Blechtrommel
BRD/F 1978, R: Volker Schlöndorff, D: David Bennent, Angela Winkler, Mario Adorf, 145’
Oskar Matzerath, 1924 in der Freien Stadt Danzig geboren, beschließt an seinem dritten Geburtstag, nicht mehr zu wachsen. Mit Hilfe seiner neuen Blechtrommel artikuliert Oskar, das ewige Kind, seinen Protest gegen Nazis und Mitläufer: Trommelnd und schreiend - er kann Glas ‚zersingen’ - betätigt er sich als Störenfried der ungeliebten Erwachsenenwelt, bringt Nazi-Aufmärsche durcheinander und seine beiden mutmaßlichen Väter ins Grab. Schlöndorffs opulenter, brillant inszenierter Film nach dem Roman von Günter Grass zeichnet ein Panorama deutscher Vorkriegsgeschichte und der Kriegszeit. Er wurde mit dem Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film ausgezeichnet, der zum ersten Mal nach Deutschland ging.

Chinese Box
F/J/USA 1997, R: Wayne Wang, D: Jeromy Irons, Gong Li, Maggie Cheung, 99’
John ist ein sterbenskranker britischer Journalist, der seit 20 Jahren in Hongkong lebt. Er ist verliebt in Vivian, eine ehemalige Hostess, die nun einen Nachtklub leitet. Vivian möchte Chang heiraten, einen erfolgreichen Hongkonger Börsenmakler. Und dann gibt es Jean, ein Straßenmädchen, das Touristen ausnimmt, und John, der bei einer Videodokumentation über Hongkong behilflich ist. In den sechs Monaten vor der Übergabe der britischen Kronkolonie an China kreuzen sich die Lebensläufe dieser vier Menschen in einer leidenschaftlichen Geschichte von Freude, Schmerz und Selbsterkenntnis.

Jean-Claude Carrière
Jean-Claude Carrière

1931 in Colombières in einer Winzerfamilie geboren, ist einer der bedeutendsten französischen Drehbuchautoren und Schriftsteller. Er studierte an der Ècole Normale de Saint-Cloed Literatur und Geschichte. 1957 veröffentlicht er seinen ersten Roman, "Eidechse".
Er hat mehr als 100 Drehbücher verfasst, unter anderem für Jean-Luc Godard ( Rette sich wer kann), Louis Malle ( Viva Maria!, Komödie im Mai), Milos Forman ( Valmont), Andrzej Wajda ( Danton) und Peter Brook ( Mahabharata), Philip Kaufman ( Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins).
Die Zusammenarbeit mit Luis Bunuel ( Tagebuch einer Kammerzofe, Belle de Jour - Schöne des Tages, Der diskrete Charme der Bourgeoisie) dauert neunzehn Jahre bis zum Tod (1983) des großen Regisseurs.
1986 wird er zum Präsidenten der neu eingerichteten FEMIS (Hochschule für Film und Audiovision, Paris) ernannt, an der er Vorträge zur Praxis des Drehbuchschreibens hält. Carrière ist Präsident der Theaterkommission von SACD (Gesellschaft der dramaturgischen Autoren und Komponisten).
Volker Schlöndorff und Jean-Claude Carrière realisieren gemeinsam vier Projekte: Die Blechtrommel, Eine Liebe von Swann, Die Fälschung und Der Unhold.
Kennen gelernt haben sie sich bei der gemeinsamen Arbeit zu Louis Malles Viva Maria! 1965.
Bücher von und über Carrère im Alexander Verlag Berlin.

Volker Schlöndorff
Volker Schlöndorff - Foto: M. Uhlenhut

1939 in Wiesbaden geboren, 1956 geht er im Schüleraustausch nach Frankreich; aus dem ursprünglich für zwei Monate geplanten Aufenthalt werden zehn Jahre. Er studiert politische Wissenschaften bis zum Staatsexamen in Paris und besucht das Institut des Hautes Etudes Cinematographiques (IDHEC). Hier lernt er Louis Malle kennen. Ab 1960 arbeitet Schlöndorff als Volontär an Filmen französischer Regisseure (u.a. Malle, Melville, Resnais) mit. 1965/66 dreht er in Österreich seinen vielbeachteten und mehrfach preisgekrönten Film Der junge Törless. Ende der 60er Jahre gründet er zwei Produktionsfirmen (mit Peter Fleischmann und Reinhard Hauff) und engagiert sich in den 70er Jahren für die Filmförderungsgesetze der BRD.
Nach der Übernahme der DEFA-Studios durch den französischen Mischkonzern Companie General des Eaux im Sommer 1992 übernimmt Schlöndorff mit dem Wirtschaftsfachmann Pierre Couveinhes die Geschäftsführung der Firma. Seine Vision von Babelsberg als Zentrum des europäischen Films geht nicht auf. 1997 scheidet er aus der Geschäftsführung aus und arbeitet seitdem wieder als Regisseur.
Die Stille nach dem Schuss (2000), Der neunte Tag (2004) und Der Streik, der im Herbst 2006 in die Kinos kommt, zeugen von seiner ungebrochenen Kreativität.
Weitere Filme: 1975 Die verlorene Ehre der Katharina Blum, 1977 Deutschland im Herbst, 1990 Homo Faber, 1996 Der Unhold

Mit finanzieller Unterstützung des Wirtschaftsministeriums des Landes Brandenburg.
Die Filmreihe ist ein Beitrag des Filmmuseums Potsdam zum Kulturaustausch im Rahmen des Kooperationsabkommens des Landes Brandenburg mit der Region Ile de France. Im Medienbereich besteht schon eine enge Kooperation mit dieser Wirtschaftsregion um die Hauptstadt Paris. So arbeitet die Medienboard Berlin-Brandenburg eng mit der Commision du Film d`Ile de France u.a. im Rahmen des Netzwerkes Caital Regions for Cinema zusammen.
Präsentiert durch: Potsdamer Neueste Nachrichten
Logo