Filmmuseum Potsdam; F: J. Leopold (FMP)
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Heiner Carow - zu früher Tod nach einem langen Atem

Heiner Carow - zu früher Tod nach einem langen Atem
Günter Reisch

Mit leiser Beredsamkeit, in seinem ruhigen mecklenburgischen Tonfall, verstand er es, den Gesprächspartner wie auch seine Zuschauer mit durchdachten Argumenten, aber auch mit spontanen Emotionsangeboten zu fesseln. Präzise seinen Ärger formulierend, nie zerstörerisch, auch in der wütenden Trauer über fehlentwickelte Lebenszustände noch Hilfsangebote für Leidende anbietend, - gab er mitunter auch bessernde Vorschläge für Leitende.

Er verstand es mit Widersprüchen zu leben - wie alle um ihn - diese zu ertragen, und sie zum produktiven Motor seines künstlerischen Schaffens zu machen. Vor aller Öffentlichkeit bewertete er kritisch missgebildete gesellschaftliche Verhältnisse und suchte nach menschlichen Lösungen. Wo die direkte Auseinandersetzung nicht half, machte er mit gleich denkenden Autoren in seinen Filmen sensibel, oft poetisch umschrieben, aufmerksam. Das brachte ihm oft Ärger - aber auch den Stolz erkämpfter Erfolge. So wurde Heiner Carow einer der wichtigsten Filmemacher der DDR, sein Wort gewann an Gewicht. Man wählte ihn ins Präsidium des Film - und Fernsehverbandes, als Vizepräsident der Akademie der Künste der DDR. Er förderte seine Meisterschüler Maxim Dessau, Helke Misselwitz, Peter Welz, Herwig Kipping und Thomas Heise mit ihren Projekten und wurde Professor.
Die Vision der möglichen Freiheit des Filmschaffens verblasste bald. Den bisherigen Widerspruch von Macht und Geist in der Kunst übernahm der neue Widerspruch von Geist und Macht/‚Kapital’. Dem kritischen Geist im deutschen Film wurde das ‚Marktinteresse’ abgesprochen. So blieben Carow nach der Wende nur wenige Versuche, die seine Haltung der Jahre davor reflektierten. Der erfolgreiche Regisseur von "Paul und Paula", von "Amigo", "Die Russen kommen", von "Coming out" und anderen blieb unter den neuen Bedingungen als Letztes nur die Regie bissloser Fernseh-Serien-Angebote. Er ging darauf ein, fehlte ihm doch die so lebenswichtige Atelierluft, die gewohnte Arbeit im Kollegenkreis - und natürlich ein unabhängig machendes Bankkonto.
Aber genau die Darstellung tiefer gehender Konflikte war das Feld Heiner Carows. Und so litt er unter der Ignoranz heutiger Geschäftsführender, darunter der eines ihm einst freundschaftlich verbundenen "Neubabelsbergers". Viele DEFA-Filme, ihren historischen und geistigen Bezug, kannten sie gar nicht, noch waren sie ihn zu akzeptieren bereit.
Was für große Filme, welche künstlerische Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit, aber auch welche Ermutigung für Millionen in schwerster Lebenslage, produzierte die DEFA in dem Babelsberg der ersten fünf Jahre nach der vorletzten Wende 1945! In den Filmstudios stellte man sich damals unter schwierigsten materiellen Bedingungen der Verantwortung für eine neue Zeit. Heiner Carow fragte uns, welche Filme, welche Filme von gleicher Weltgeltung, von solcher Repräsentation eines neuen in Europa zu gestaltenden Deutschlands entstanden denn im g l e i c h e n Filmstudio nach der letzten Wende von 1989!?
Eine große kulturelle Chance der deutschen Einheit wurde hier wie anderswo verspielt. Als neuer Traditionsbezug für die Babelsberger Filmstudios wurde zur Rückbesinnung auf die (deutsch-nationale) UFA vor 1933 aufgerufen! Die romantisch verkitschte ‚Einheit’ von Arbeitern und Fabrikherren im Finale "Metropolis" als neues Markenzeichen? Dieser geistige Rückwärtssalto sollte mit einer Geste ‚zwei Diktaturen überspringen’. Abgesehen von dem Niveau der hiermit ausgedrückten Gleichsetzung übersprang der Autor dieser These auch alle Filme Heiner Carows und Gleichdenkender. Die geistige Auseinandersetzung mit einem neuen Weg Deutschlands wurde aus den Filmstudios in Babelsberg fortdelegiert … Peter Lilienthal drehte einen wichtigen letzten Film in Israel, Wim Wenders in Portugal und Italien, Margarethe von Trotta zog nach Frankreich, andere nach Kalifornien.
Heiner Carow, - jüngst von den Mitgliedern der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste gewählt als Direktor der Medienabteilung, dankte für das Vertrauen, das ihm ein Teil der bekanntesten deutschen Filmemacher entgegenbrachte. Es wäre jedoch seiner würdig, wenn die Fernsehanstalten Deutschlands nicht nur achtungsvolle Statements ausstrahlten, sondern sich auch um den lebendigen Erhalt seines Werks verdient machten. Wir sind sicher, dass seine Filme und die Nachwirkung seiner Persönlichkeit als lebendige ‚letzte Ehre’ in der künftigen deutschen und europäischen Filmgeschichte erhalten bleiben.

Den hier gekürzt widergebebenen Text schrieb DEFA-Regisseur Günther Reisch (bis heute Mentor von Andreas Dresen) kurz nach dem Tod von Heiner Carow im Januar 1997

Filmreihe

September bis November 2009
Das Leben beginnt
R: Heiner Carow
D: Doris Abeßer, Erik Veldre, Wilhelm Koch-Hooge
DDR 1959, 119’
In Heiner Carows Liebesgeschichte steckt ein lebensnaher Konflikt, wenn auch dessen Auflösung eher pädagogischen denn dramaturgischen Gesetzen folgt: Im geteilten Deutschland mit seinen noch offenen Grenzen ist die Liebe der Oberschüler Rolf und Erika zum Scheitern verurteilt, als sich Erikas Vater, ein Oberarzt, entschließt, in den Westen zu gehen. Da Erika ihn liebt, geht sie mit ihm, doch muss ihr Umzug in aller Heimlichkeit geschehen. Von Rolf darf sie nicht Abschied nehmen. Der ist zutiefst verstört, als er von der Flucht erfährt und macht sich auf den Weg nach Westberlin, um Erika zu treffen und Antwort auf seine quälenden Fragen zu bekommen. Nach seiner Rückkehr bleibt nichts, wie es war, denn Rolfs Liebe ist zu einer politischen Angelegenheit geworden. Das Schicksal, das ihn nun ereilt, teilt er mit vielen, die in der DDR-Wirklichkeit in vergleichbare persönliche Situationen geraten waren.

Ikarus
R: Heiner Carow
D: Peter Welz, Karin Gregorek, Peter Aust
DDR 1975, 91’
In Ikarus wartet Mathias an seinem neunten Geburtstag vergeblich auf den getrennt von ihm lebenden Vater, der ihm einst die Sage von Ikarus erzählt und ihm als Geschenk einen Rundflug über Berlin versprochen hatte.
Der Traum vom Fliegen "Carows Ikarus" von Erika Richter

Lesung aus dem Szenarium "Paule Panke" von Rolf Richter und Heiner Carow
Heiner Carow schrieb, angeregt durch das gleichnamige Rockspektakel der Gruppe Pankow, gemeinsam mit Rolf Richter als Vorlage für eine filmische Rockoper. Er konnte sie aus politischen Gründen aber nicht realisieren.
Moderation: Erika Richter

Jeder hat seine Geschichte
R: Heiner Carow
D: Angelica Domröse, Siegfried Höchst
Fernsehen der DDR 1965, 48’
Carows einzige Arbeit für das DDR-Fernsehen, in der über das Glück reflektiert wird und Angelica Domröse und Siegfried Höchst höchst vergnüglich jeweils Doppelrollen spielen.