Karl Gass - Foto: Heide Gauert
Karl Gass - Foto: Heide Gauert

» Bestände / Bereiche

Gedenkveranstaltung für Karl Gass am 21. Februar 2009

Am 21. Februar fand im Filmmuseum Potsdam eine Gedenkveranstaltung für den Dokumentaristen Karl Gass statt, der am 29. Januar 2009 unmittelbar vor seinem 92. Geburtstag verstorben war. Nachfolgend veröffentlichen wir einige der Reden von Freunden und Kollegen, die auf dieser Veranstaltung das Wort ergriffen.

Bärbel Dalichow
Liebe Christel Gass,
liebe Angehörige, Freunde und Sympathisanten von Karl Gass
Drei Wochen und zwei Tage. Am 29. Januar, ist Karl Gass gestorben, vier Tage vor seinem 92. Geburtstag.
Er gehörte zu den Menschen, die die Natur mit einer besonderen, scheinbar unerschöpflichen Energie ausgestattet hatte. Mehr als 100 Dokumentarfilme konnte er machen und arbeitete an seinen Themen wirklich bis zum letzten Atemzug.
Er - das haben wir eben eindrucksvoll gehört - war überzeugt davon, dass die Welt eine menschengemachte, veränderbare ist. In diesem Sinne hat er Filme gemacht.
Das Filmmuseum wird sein Werk behüten und für spätere Generationen nutzbar machen - das war Karl Gass wichtig und so soll es geschehen.
Auch jemand, der in gesegnetem Alter stirbt, hinterlässt Trauernde, Karl vor allem seine Christel, die sich nie vorstellen mochte, dass er einmal nicht mehr da ist.
Heute ist die Stunde des Gedenkens an einen Menschen. Das tun Christel Gass, das Filmmuseum, der Filmverband Brandenburg und die Rosa Luxemburg-Stiftung und alle Anwesenden gemeinsam.

Freunde sprechen Worte des Abschieds
Winfried Junge
, Schüler und Freund von Karl Gass, der auf dessen Anregung hin mit dem Golzow-Film begann, der ihn und die Golzower weltberühmt machte
Irmgard von zur Mühlen, Freundin, Dokumentaristin,
Arnd Jebbink, Freund und Rechtsanwalt
Walter Momper, Präsident des Abgeordnetenhauses zu Berlin
Konstantin von zur Mühlen, Freund, Geschäftsführer und Gründer der Chronos-Media-GmbH
Grischa Schaufuß, Freund und Kameramann, der mit Karl das Interesse an deutscher Geschichte teilte
Horst Pehnert, Freund und 13 Jahre lang bis 1990 Filmminister im Kulturministerium der DDR

Winfried Junge
Liebe Christel,
die Stunde, die irgendwann kommen musste, ist für Dich, ist für uns alle da.
Lieber Karl ...
Es ist ziemlich genau 50 Jahre her, dass sich unsere Wege kreuzten und fortan parallel liefen. Die ersten acht in konkreter, enger Zusammenarbeit. Damals, im Februar 1959, warst Du gerade 42 geworden, ich war 23. Der gestandene Filmemacher, Meister - und der Debütant. Aus wechselseitigem Respekt wurde Freundschaft.
Du wolltest damals nicht länger der Künstlerische Direktor des DEFA-Studios für populärwissenschaftliche Filme sein, sondern vor allem selbst wieder schöpferisch arbeiten, vor allem: Dokumentarfilme machen. Dafür suchtest Du einen Assistenten. Nicht nur für den nächsten Film, sondern für mindestens drei Jahre.
Der sollte ich sein, einer von denen, die neuerdings von der Filmhochschule kamen, der "auf Dramaturgie" studiert hatte, aber bereit war, noch einmal von der Pike auf anzufangen, sozusagen ein "Junge für alles" - i. A. und i. V. seines Chefs.
Wir machten immer zwei bis drei nächste Filme gleichzeitig: Kosmos - Erinnerungen an Alexander von Humboldt, Freiheit, Freiheit über alles und Fünf Jahreszeiten, Allons enfants pour... l’Algerie und schließlich Schaut auf diese Stadt. Nicht gerechnet die Filme, die dann doch nicht zustande kamen - wie Brot für alle hat die Welt oder Wilhelm Pieck.
Ich war schon nach kurzem kurreif und wurde vom Betriebsarzt auf Zeit aus dem Rennen genommen. Aber ich wollte Dir, Karl, diese drei Jahre lang standgehalten haben, um 1961 meinen ersten eigenen Film zu bekommen. Einer der ersten auch von Dir, Christel, als Schnittmeisterin. Noch mit einem Bein für Schaut auf diese Stadt in den Wirren der Wochen um den 13. August, war ich mit dem anderen schon für die Kinder von Golzow im Oderbruch.
Das Weitere ist bekannt.
Und in jedem der neunzehn Filme heißt es: "Nach einer Idee von Karl Gass".
Ich rede Dich hier an, Karl, als säßest Du noch unter uns, da in der ersten Reihe. Wie ich Dich anredete, als Du 85 wurdest, 90 dann, und wie ich Dich angeredet hätte, wenn Du 100 geworden wärest. Weil Du doch Deine Christel nicht allein in dieser Welt zurücklassen wolltest. Also: Vergesst mir meine Christel nicht! - Vergesst mir meine Traudel nicht, hieß mal ein früher DEFA-Film...
Ja, Karl, ebenso wie Christel dachten nicht nur Barbara und ich mit den Jahren, dass Du immer da sein würdest - als Partner, Ratgeber, Weggefährte und Wegebahner, als Zeitzeuge, Jahrhundertbeobachter - Du, einer der letzten der großen Ersten in der noch jungen Geschichte des dokumentaren Films.
Durch welche Zeiten bist Du gegangen und welche Hoffnungen und Enttäuschungen waren mit ihnen verbunden.
Du trugst die Vision einer gerechten Welt für alle Menschen und Völker in Deinem Herzen. Und Du wolltest nicht anerkennen, dass die Welt, aus der Du fort gegangen warst und der Du ausgangs Deines Lebens erneut "beigetreten" wurdest, die "beste aller möglichen" sein sollte.
Du sahest kommen, was der von Dir so geschätzte DEFA-Autor Wolfgang Kohlhaase bereits Anfang der 90er in die Worte fasste - ich zitiere sinngemäß: "Die ehemaligen Bürger der DDR haben denen in den alten Bundesländern zumindest eine Erfahrung voraus. Es ist die einer Katastrophe."
Du hast das Deine getan, um endlich Wirklichkeit werden zu lassen, was Sehnsucht der Menschen war und ist und wofür der Weg vorgezeichnet schien: die Idee einer sozialen, menschenwürdigen Gesellschaft in einer Welt ohne Krieg - Sozialismus zu nennen.
Du glaubtest, dafür nicht zu viel getan zu haben, wie denen wie Dir heute vorgeworfen wird, sondern im Gegenteil: zu wenig.
Ein Dichterwort, eines aus Lettland, kommt mir in den Sinn: "In Erinnerung bleiben nicht die Zeiten, sondern der einzelne Mensch, der die Zeiten auf seinen sterblichen Schultern trug".
Du fehlst mir, Karl, aber Du bleibst mit uns:
Hab Dank!


Irmgard von zur Mühlen
Anfang der 80er Jahre begegnete ich Karl Gass zum ersten Mal. Mein Mann und ich waren Gäste der Leipziger Dokumentarfilmspiele. Jeder sprach voller Hochachtung von Karl Gass, sein Name war in aller Munde. Ich war neugierig und wollte ihn kennen lernen. Damals kam es zu einem ersten kurzen Zusammentreffen. Ich ahnte nicht, wie eng in den kommenden Jahren die Beziehung zu Karl und Christel werden sollte.
Lange vor der Wende konnten wir persönlich in gewisser Hinsicht die Teilung überwinden. Wenn wir einreisten und unser Ziel Karl Gass hieß, wurden wir besser behandelt. Das Ansehen von Karl hatte auch hier, bei den Grenzkontrollen in Dreilinden Gewicht, Entscheidend war aber das berufliche Interesse, das uns verband. Wir verbrachten viele anregende Stunden in seinem Haus in Kleinmachnow. Auch wenn wir Themen von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachteten, so verfolgten wir gemeinsam ein Ziel in der Aufarbeitung der Geschichte. Karl respektierte andere Meinungen, war offen im Gespräch. Er blieb seinen Auffassungen immer treu, doch war er tolerant auch anderen gegenüber. Es waren anregende und harmonische Stunden. Wir besuchten die Premieren und Aufführungen des anderen. Ich war sehr glücklich und stolz, wenn er meine Arbeit gut fand.
Immer herzlicher wurde der Kontakt, besonders nach den Festspielen in Leipzig 1988. Jeden Abend verbrachten Karl, Christel, mein Mann und ich in fröhlicher Runde zusammen. Aus Bekannten wurden Freunde.
1989 gelang es meinem Mann, dass zum ersten Mal eine Delegation der DDR zu den Filmfestspielen in Jerusalem eingeladen wurde. Wir waren jedes Jahr Gäste des Festivals, hatten viele Filme dort vorgeführt und einen so guten Kontakt zu der Leiterin Lea van Leer, dass sie unserem Vorschlag zustimmte. Karl Gass und Gerhard Scheumann zeigten Filme, Karl Jeder konnte es sehen. Abgesehen von beruflichen Verpflichtungen hatten wir herrliche Ferientage. Meine Kinder waren wie immer dabei und schon sehr schnell erstreckte sich die Freundschaft auf die ganze Familie Mühlen und ich möchte sagen, seither gehörten Karl und Christel zu unserem engen Kreis und waren bei Familienfeiern dabei. Die Tage in Israel in dieser herrlichen Umgebung, die noch nicht von einer Mauer zerstört war, zusammen mit den gastfreundlichen Israelis, die ganze entspannte Atmosphäre, haben wir alle sehr genossen. Mit der Realität wurden wir damals konfrontiert, als wir nach einem Ausflug nach Akko und Cäsarea nicht mehr auf der direkten Autoverbindung von Tel Aviv nach Jerusalem zurückfahren konnten, da ein Selbstmordattentäter einen Bus in eine Schlucht gelenkt hatte. Und wir über einen Umweg durch die Westbank und Ramallah nach Jerusalem zurückkehren mussten.
Auch beruflich arbeiteten wir seit 1988 zusammen, allerdings nicht mit Karl. sondern mit Christel großzügig lieh uns Karl seine Cutterin, um bei uns zu schneiden, zuerst für meinen Mann Man nannte sie Verräter - das Nationalkomitee Freies Deutschland. dann für mich Berlin unter den Alliierten. Großzügig verzichtete Karl auf die Anwesenheit von Christel, wenn sie auch - bis heute - den ganzen Tag bei uns tätig war.
(Indirekt verdanken wir es Karl, dass wir um 9. November 1989 unsere, eigentlich für Karl mit vollen Batterien versehene Kamera zur Verfügung hatten, da er am nächsten Tag einen Film über Hans Modrow drehen wallte. Und sie dazu brauchte. So konnten wir die historischen Stunden jener Nacht drehen.)
Nach der Wende wurden die Besuche leichter. So konnten Karl und Christel an unser= Familienfesten teilnehmen und wir saßen wie immer bei ihm in kleiner oder größerer Runde in seinem Haus in Kleinmachnow. Und so sehe ich ihn vor mir und werde ihn in Erinnerung behalten: in seinem Lehnstuhl, charmant, angeregt unterhaltend und aufmerksam zuhörend, umgeben von einer Schar von Freunden, Weggefährten, die ihn schätzten und verehrten. Und ich bin dankbar und froh, dass ich dazugehören durfte. Danke Karl!

Arnd Jebbink
Karl Gass zum Andenken

Nachruf für einen Unerschrockenen
Was soll man einem Dokumentaristen nachrufen, das man ihm zu Lebzeiten nicht zugerufen hat?
Jetzt, da er dahingegangen ist, bevölkern Leistungsträger die Bühne, die dem TV-sedierten Volk handgreiflich die Wahrheit des Robespierreschen Verdikts klarmachen, dass die zweite Auflage des Contrat Socal Rousseaus aus der Haut derjenigen gebunden wird, die die erste nicht gelesen haben.
Wir denken an Dich, lieber Karl, und Dein Handwerk, das jetzt mehr denn je vonnöten wäre, um zu dokumentieren, wer das alles, angerichtet hat und wer das auslöffeln muss. Na, und da ist da noch die Trauer, das sei einem Vertreter der Bourgeoisie zu bemerken gestattet, einen Gesprächspartner verloren zu haben, der so manches Authentische aus dem kulturellen Leben eines alternativen Systems beigetragen hat, so dass ich nicht auf Birthler und Nooke angewiesen war, um. mir ein Urteil zu bilden.
Zurück sind wir geblieben, vor allem Christel, der das Verdienst zukommt, Deiner Dominanz Zügel angelegt zu haben und die dafür gesorgt hat, dass Du immer ein so gemütliches Refugium hattest.
Ich lasse Dich nun im Reich der Toten in Ruhe, zwar um einen Freund ärmer, Du aber um das Vorrecht reicher, dort ohne jede Einschränkung Deine Meinung sagen zu können, wie Mark Twain es in seinem Essay "Das Privileg der Toten" dargelegt hat.


Walter Momper
Wir nehmen heute Abschied von Karl Gass, einem aufrechten Antifaschisten und bedeutenden Dokumentarfilmer.
Ich habe Karl Gass in den achtziger Jahren kennen gelernt, noch in der alten Zeit, der Zeit der Teilung.
Er und Christel Gass luden meine Frau und mich nach Kleinmachnow ein. Getroffen haben wir uns öfter, zum Besuch in Kleinmachnow ist es allerdings erst nach dem Ende der Teilung gekommen.
Karl Gass war mir schon aus den 60er und 70er Jahren ein Begriff, Ich habe nicht viele seiner Dokumentarfilme gesehen. Beeindruckt hat mich in jenen Jahren der Film über West-Berlin: Schaut auf diese Stadt. Ich weiß nicht mehr, wo ich den Film gesehen habe, wahrscheinlich im Publizistik-Seminar der Freien Universität.
Der Film war reine Agitation im Kalten Krieg, eine Rechtfertigung des Mauerbaus, Propaganda eben. Die Morbidität West-Berlins - die es durchaus gab - und die Aggressivität West-Berlins - die real viel harmloser war - waren eindrucksvoll in Bildern montiert. Das war ersichtlich hochprofessionell gemacht. Den Namen Karl Gass merkte ich mir. Wir West-Berliner Studenten empfanden den Film als bizarre Schilderung der Situation in unserer geteilten und eingemauerten Halbstadt.
Später als ich Karl Gass in den 80er Jahren persönlich kennen lernte, habe ich mich natürlich dafür interessiert, wie er zum Antifaschisten und zum Kommunisten wurde. Karl Gass war Jahrgang 1917, Soldat im Zweiten Weltkrieg, Angehöriger eines Jahrgangs, der Wehrdienst und den mörderischen Krieg von Anfang an bis zum bitteren Ende miterlebt hat, einer der Jahrgänge, die den höchsten Blutzoll im Krieg haben zahlen müssen. In der Kriegsgefangenschaft in Norddeutschland 1945, so hat er mir erzählt, liefen die absurden Parolen um, nun ginge es mit den Westmächten gegen die Sowjetunion. Das waren die Vorboten des Kalten Krieges. Das wollte Karl Gass auf keinen Fall.
Das Erlebnis dieses furchtbaren Krieges und die Nachkriegszeit haben ihn zum Antifaschisten gemacht. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft ging er nach Köln zum NWDR. Nun muss man sich Karl Gass in der Ära der Gründung der Bundesrepublik im Rheinland vorstellen, in der Ära der Restauration der alten gesellschaftlichen Verhältnisse. Der 8. Mai 1945 war ja eben nicht die gesellschaftliche Stunde Null gewesen. Die Kontinuität war im Westen viel größer. Zwar war das Land vom Hitlerfaschismus befreit worden, aber sonst arbeiteten die Bürgerlichen mit Macht daran, die alten gesellschaftlichen Verhältnisse zu restaurieren. Das wollte Karl Gass nicht.
Konsequenterweise gingen Karl Gass und die anderen nach Ost-Berlin, um dort beim Berliner Rundfunk an einem neuen Deutschland mitzuarbeiten. Er hat sich so entschieden, wie übrigens viele kritische Künstler, vor allem die, die aus der Emigration wiederkamen.
Der eindrucksvollste Film, den ich von Karl Gass später kennen gelernt habe, ist Nationalität: Deutsch. Mit ganz großem Einfühlungsvermögen hat er den deutschen Kleinbürger dargestellt. Nicht bösartig, eben einfühlend, sogar mitfühlend: den typischen deutschen Mitläufer, Das Porträt des Durchschnittsdeutschen in der Geschichte. Ich bin allerdings überzeugt, dass Deutschland und die Deutschen heute über das von Karl Gass in dem Film gezeigten Stadium hinaus sind. Die 68er Bewegung im Westen und die friedliche Wende in der DDR haben das Land und seine Gesellschaft doch stark verändert, das waren Modernisierungsschübe.
Mehr Deutsche haben den aufrechten Gang gelernt und Zivilcourage ist kein Fremdwort mehr in Deutschland.
Im Übrigen: Der Sozialismus, von dem Karl Gass geträumt haben mag, ist nicht realisiert worden. Aber die tiefen Risse im Gebälk des Kapitalismus zeigen eben doch: Nichts ist für die Ewigkeit. Karl Gass hätte wunderbare Dokumentarfilme darüber drehen können. Es bleibt dabei: Der Kampf für eine gerechtere Gesellschaft geht weiter. Danke Karl Gass.

Konstantin von zur Mühlen
Liebe Gäste, liebe Familie, liebe Christel,
… wir lernten uns Ende der 80er Jahre kennen.
Seitdem sind wir uns von Jahr zu Jahr näher gekommen, zuletzt waren wir wie eine Familie. Jeder nahm am Leben des Anderen teil.

Es gäbe unendlich viel über Karl - über sein Leben und seine Arbeit - zu sagen.
Zwei Dinge, die mir besonders wichtig sind, möchte ich heute ansprechen:
Zum einem …
Zum Zeitpunkt als wir uns kennen lernten war ich geprägt vom Leben in West Berlin und westlichen Werten. Als ich Karl traf, wusste ich genau wer mir gegenübersteht: ein Sozialist wie aus dem Bilderbuch. Dachte ich!
Dann merkte ich schnell: Da war wieder einer aus der DDR der nicht meinen Klischees entsprach. Dieser Karl war Sozialist, aber so anders als ich das gelernt und erwartet hatte. Karl interessierte sich für mein Weltbild und er reflektierte offen über seins und man konnte mit ihm ergebnisoffen diskutieren.
Er war weltoffen und hatte ein großes Herz.

Es waren bewegte Zeiten und unsere Gespräche über Deutschland und den Fall der Mauer, haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Die Zeit mit Karl hat mein Bild von der Welt mit geprägt.
Ich bin heute kein Sozialist, aber mein Denken hat sich Dank Karl verändert. Das war (für mich) eine wichtige Seite von Karl.

Zum anderem …
Auch über die besondere Verbindung zwischen Christel und Karl könnte man vieles Gutes sagen. Eine Sache möchte ich herausheben! Seit Anfang der neunziger Jahre arbeite ich schon mit Christel zusammen; seit sieben Jahren jeden Tag.
Viele hätten Christel gerne mehr zu Hause bei Karl gesehen, aber Karl wollte das so, er unterstütze Christels Arbeit uneingeschränkt. Die Zukunft und das Glück von Christel standen an oberster Stelle. Das kann man nicht hoch genug einschätzen.
Und ich kann Karl für die produktive, vertrauensvolle und schöne Zeit mit Christel nicht genug danken.

Ich verneige mich in Ehrfurcht vor dem Menschen Karl Gass, es gibt viel zu wenige seiner Art. Und es ist kein Zufall, dass diese beiden Menschen eine solche Einheit gebildet haben.

Da ist nun diese Leere und die wird bleiben, niemand kann Karl ersetzen. Aber Karl wird von oben immer ein Auge darauf haben, dass es seinen Lieben, insbesondere Dir Christel, gut geht.

Wir werden auch darauf achten.

Danke Karl

Grischa Schaufuß
Karl Gass - der Geradlinige

Vor 16 Jahren, am Beginn meines Filmstudiums, hatte ich das Glück, Karl auf einer Veranstaltung kennenzulernen.
Er zeigte dort seinen Film Nationalität Deutsch. Ich war von dem Film begeistert und wir kamen nach der Vorführung schnell ins Gespräch. Trotz der 50 Jahre Altersunterschied, war auf Anhieb ein tieferes Verständnis zwischen uns vorhanden. Schon bald darauf hatte ich die Ehre nach Kleinmachnow eingeladen zu sein. Karl und Christel sind seitdem Ratgeber und Förderer für mich gewesen. Ich empfinde große Dankbarkeit dafür.
Es war immer ein besonderes Ereignis, Karl zu besuchen und sich mit ihm auszutauschen. Selten habe ich jemanden mit einem so klaren Blick auf die Abläufe in der Welt erlebt. Seine geistige Energie, sein Scharfsinn und seine Geradlinigkeit waren Motivation und Ansporn für alle, die ihn kannten.

Karl ist seiner Linie, die Dinge klar auszusprechen, so wie er sie als Sozialist erkannt hatte, immer treu geblieben.
Er ist in seinen Filmen konsequent für eine andere und menschlichere Welt eingetreten. Kunst war für Karl immer mit einem Ziel verbunden und niemals reiner Selbstzweck oder Formalismus. Er machte einen Film nur, wenn er mit dem Inhalt konform gehen konnte. Ein kämpferischer und fortschrittlicher Ton ist für Karl immer Grundsatz gewesen. Er wollte, dass seine Filme einen Aufruf darstellten und eine Wendung zur Veränderung der Welt enthielten. Karl lebte immer in der festen Überzeugung, dass Menschlichkeit, Vernunft und Wahrheit am Ende triumphieren werden.

Leider leben wir in einer Zeit, in der diese großen, alten Vorbilder immer weniger werden. Karl ist unersetzlich, doch wir sind aufgefordert einen Teil seiner Überzeugung und seiner Energie zu bewahren. Er wird uns fehlen.

Liebe Christel, ich wünsche Dir viel Kraft in dieser so schweren Zeit.

Horst Pehnert
Gedenken an Karl Gass
Ich und meine Frau Ruth, wir haben die Freundschaft mit Karl Gass und seiner Frau Christel immer als ein Geschenk empfunden und gepflegt.
Er hat nicht nur seine Filme hinterlassen, sondern auch sein Vorbild an Charakterstärke, Prinzipientreue und Menschenliebe. Er wollte vieles anders und besser haben und machen, als er es vorgefunden und erlebt hat. Er wollte den Sozialismus anders als den, an dem er in der DDR beteiligt war, einen Sozialismus mit Demokratie. Und er hat daraus kein Geheimnis gemacht. Er verabscheute die Ränkespiele des Kapitals, vor allem die Kriege, die mit Lügen beginnen. Mit seinem Film Zwei Tage im August warnte er vor der wie ein Damoklesschwert über der Menschheit schwebenden atomaren Bedrohung. Er hatte die Vision von einer besseren Welt, einen Lebenstraum, wie es ein Journalist in einem Nachruf nannte. Er hat dafür gekämpft, darauf gehofft und darunter gelitten, weil vieles nur Traum blieb.
Als ihn seine physischen Kräfte nach und nach verließen, wurde er immer leiser. Am Ende hat er sich fast nur noch zuhörend an Unterhaltungen beteiligt. Seine für viele unverwechselbare Stimme in der Färbung seiner rheinischen Herkunft verlor ihre ursprüngliche Kraft. In einigen seiner Filme kann man sie noch hören. Ich, Karl, werde sie, wenn ich an Dich denke, immer hören.