Film still from "Sennen-Ballade"
Film still from "Sennen-Ballade"

» Digital writings

Fokus Schweizer Dokumentarfilm - Erich Langjahr

März 2006

"Film beginnt dort, wo die Bilder zusammenstoßen, wo die Dialektik sichtbar wird." (E.L.)
Priorität in Erich Langjahrs Filmen haben die Bilder, deshalb gehören Langjahr-Filme auf die große Leinwand. Seine behutsamen, fast zärtlichen Annäherungen an eine ihm vertraute Wirklichkeit (Orte, wo Heutiges und Tradition aufeinanderprallen) verführen den Zuschauer zum genauen Hinsehen und Nachspüren. Im Vertrauen auf das Bild, ohne suggestiven Kommentar, fordert er dazu auf, sich auf die Realität des Augenblicks mitfühlend einzulassen und gleichzeitig kritisch mitzudenken, denn aus der genauen Beobachtung gegenwärtigen Lebens heraus wird allmählich Verschwundenes bewusst. Heutzutage eine Rarität im Kino und ein Fest für diejenigen, die sich die Lust am Zuschauen und Zuhören bewahrt haben. Erich Langjahr selbst drängt sich nicht vor, sondern steht immer hinter dem Dargestellten. Unprätentiös und konsequent - dafür zu Recht hochdekoriert - beschäftigt sich der Chronist Erich Langjahr (Jg. 1944) in all seinen Filmen mit seiner Heimat und der Beziehung zu ihr, auf der Suche nach dem Elementaren des Lebens und des Überlebens.
Wir danken Swiss-Films, Erich Langjahr und seiner Frau und Filmpartnerin Silvia Haselbeck für das Zustandekommen der Filmreihe und freuen uns, sie am 16.3. im Filmmuseum begrüßen zu können.

FILME: Ex Voto / Männer im Ring / Sennen-Ballade / Bauernkrieg / Do It Yourself

Ex Voto
R: Erich Langjahr, CH 1986
"Mit diesem Film löse ich mein Versprechen ein, die Landschaft meiner Jugend zu filmen. Dieses Versprechen ist ein Gelübde." (E.L.) Persönlicher und nachdenklicher Filmessay über die weiche, hügelige Innerschweizer Zuger-Landschaft mit dem Frauenkloster, den Bauern und der Kiesausbeutung. Sieben Jahre begleitete Erich Langjahr die Veränderungen seiner Heimat in ihren Alltäglichkeiten und Besonderheiten und setzt sich assoziativ damit auseinander, was Heimat für ihn bedeutet.

Männer im Ring
R: Erich Langjahr, CH 1991
"Männer im Ring ist mein persönliches Geschenk zum 700. Geburtstag der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Hundwil: Ein Schweizer Dorf. Die Menschen, die in diesen Häusern wohnen. In der Mitte die Männer-Landsgemeinde. Die ‚Direkte Demokratie’. Das Frauenstimmrecht, ein Jahrhundertereignis. Eine traditionelle Welt mit ihren Werten und Formen. Diese hergebrachte Ordnung ist mit der neuen Zeit konfrontiert. Die alten geschlechtsspezifischen Zuordnungen sind nicht mehr absolut. Gleichzeitig die Welt einer verunsicherten, neuen Generation auf der Suche nach Identität, Glaube und Zukunft." (E.L.)

Sennen-Ballade
R: Erich Langjahr, CH 1996
Dem Wechsel der Jahreszeiten folgend, beobachtet Erich Langjahr ein Jahr lang eine Schweizer Bergbauernfamilie, die eine Sennerei betreibt. Poetische und präzise Bilder dokumentieren ohne zu verklären die über Jahrhunderte ritualisierte Arbeit: der Viehauftrieb, das Schnitzen von Holzfiguren, das Käsen und traditionelle Feste. Ein vom Verschwinden bedrohtes bäuerliches Biotop, das sich durch einen würdevollen Umgang zwischen Mensch, Arbeit und Tier auszeichnet. Ein Film wie eine Meditation.

Bauernkrieg
R: Erich Langjahr, CH 1998
Im zweiten Teil seiner ‚Bauern-Trilogie’ schildert Langjahr komplex die Auswirkungen, die mit dem Beitritt zum GATT-Abkommen auch über die Schweizer Bauernschaft - die erfolglos dagegen protestiert - hereinbrechen: Ertragsorientierte Landwirtschaft und effiziente Tierhaltung sind nun die Zauberworte. Ohne Kommentar ist es die wütende und schonungslose Kamera des Regisseurs, die beredt genug auf mitleidlose Fließbandarbeiter beim Zersägen und Zerstäuben von Tierkadavern oder auf zu Leistungsmaschinen trainierte, leidende Milchkühe verweist. Der Preis ist hoch: Bauern müssen aufgeben, ehemals fruchtbarer Boden wird Spekulationsobjekt für Bauland. Die traditionelle bäuerliche Arbeit und die Würde der Tiere auf dem Opfertisch des globalen Wettbewerbs.

Do It Yourself
R: Erich Langjahr, CH 1982
Ein Film über die Zerstörung von Gebrauchsgütern, Fernseher zum Beispiel. Mit der witzigen Botschaft, dass alles, was letztlich das Fernsehen anpreist, auf dem Müll landet.

Hirtenreise ins dritte Jahrtausend
R: Erich Langjahr, CH 2002
Fünf Monate, von November bis März, zieht Thomas Landis - einer von 30 Schweizer Wanderhirten - mit drei Hunden, zwei Eseln und Hunderten von Schafen durch die Landen, immer auf der Suche nach Weideflächen. Die Überwinterung im Stall wäre zu teuer, so teilt er mit den Tieren ein entbehrungsreiches Leben. Wieder ist es die beharrliche Kamera, die mit ihrem präzisen Blick den Zuschauer sogartig in die Geschichte hineinzieht. Der visuell außergewöhnliche und mehrfach preisgekrönte Film ist Abschluss der Bauern-Trilogie, die mit Trauer aber ohne Larmoyanz die Zerrissenheit des Autors über den Umbruch und Wertewandel zwischen Tradition und Zukunft zum Ausdruck bringt.