Jahrgang 45
Jahrgang 45

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ZEITSCHNITT - Ostdeutsche Filmgeschichte(n) aus vier Jahrzehnten

Filmreihe 2012
In Zusammenarbeit mit der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Die Veranstaltungsreihe ist Teil des Projekts des Bundesverbands kommunale Filmarbeit e.V. "Rekonstruktion eines Bauwerks". Es wird gefördert durch die DEFA-Stiftung.

Wie keine andere Kunstform vermag Film, die Komplexität von Geschichte sinnlich nachvollziehbar zu machen. Durch dokumentierte oder erdachte Geschichten vermittelt sich auch noch lange Zeit später ein plastischer Eindruck davon, was Menschen einst gedacht und gefühlt haben. Dass es sich dabei nicht um objektive Bilder handelt, lehren individuelle und gesellschaftliche Erfahrungen.

Mit der "Zeitschnitt"-Filmreihe wird der Versuch unternommen, die widersprüchliche DDR-Filmgeschichte kompakt als Reflex auf innen- wie außenpolitische Verwerfungen zu werten und die ausgewählten Filme in einen entsprechenden Kontext zu stellen.

Bei näherer Betrachtung erweisen sich DEFA- wie DDR-Geschichte als überaus widersprüchlich, dabei wechselnd intensiv von repressiveren oder toleranteren Phasen der Innenpolitik geprägt. Meist vollzogen sich diese Kursänderungen in unmittelbarer Abhängigkeit von der sowjetischen KPdSU.

Die "Zeitschnitt"-Filmreihe stellt mehrere abendfüllende Programme zusammen. Vier davon repräsentieren jeweils eine Dekade und ihre Umbrüche in der DDR-(Kultur-)Politik. Ein fünfter Block beschreibt diese Umbrüche noch einmal anhand von Kurzfilmen, die zwischen den 1950er und 1980er Jahren an der Babelsberger Filmhochschule entstanden sind.

Alle Veranstaltungen werden von einem Kurzvortrag eingeführt und bieten anschließend die Möglichkeit zur Diskussion.


Flyer zur Filmreihe

Rückschau


Das Beil von Wandsbek
R: Falk Harnack, D: Erwin Geschonneck, Käthe Braun, Gefion Helmke, DDR 1951/1981, 111’
Vorfilm:
Augenzeuge 19/1951, 10’
"Das Beil von Wandsbek", unter der Regie des künstlerischen Direktors der DEFA, Falk Harnack, entstanden, wurde zum ersten DEFA-Verbotsfall: Ein Metzger springt als Scharfrichter ein und exekutiert vier zum Tode verurteilte Kommunisten. In Wandsbek werden seine Frau und er für die Tat geächtet. Sie begehen Selbstmord. Der Film zeige Mitleid mit einem Nazi - so der Vorwurf. Die Parteiführung machte mit dem Verbot deutlich, dass nun keine Rücksichten mehr genommen werden.

Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse
R: Kurt Maetzig, DDR 1955
Vorfilm:
Augenzeuge 41/1955, 12’
Manifestierung der Parteilinie (1953 bis 1960): Nach der 2. SED-Kulturkonferenz 1952 war es schwierig geworden, künstlerisch anspruchsvolle oder inhaltlich brisante Stoffe zu verfilmen. Im zweiten Teil der Thälmann-Heldenbiografie werden die 1930er und 1940er Jahre bis zu seiner Ermordung nachgezeichnet. Holzschnittartige Geschichtsschreibung und unverblümtes Pathos verbinden sich zu einem hochstalinistischen Gesamtkunstwerk in permanenter Hybris.

Jahrgang 45
R: Jürgen Böttcher, DDR 1965/1990
Vorfilm:
Augenzeuge 52/1965, 11’
Einführung: Dr. Claus Löser, Filmhistoriker
Neue Hoffnungen und alte Enttäuschungen (1961 bis 1975): Nachdem der Bau der Mauer im August 1961 bei vielen Künstlern und Intellektuellen für Optimismus gesorgt hatte, bedeutete das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 das abrupte Ende aller Hoffnungen auf eine kulturpolitische Öffnung des Landes. - Nach dem Verbot von "Jahrgang 45" durfte der erfolgreiche Dokumentarist Jürgen Böttcher nie wieder einen Spielfilm inszenieren: Al, der jugendliche Anti-Held des Films, der sich eine Auszeit nimmt, um sich über seine Zukunft klar zu werden, wurde als "untypisch" eingestuft, sein Lebensstil als "Außenseitertum" denunziert.

Jadup und Boel
R: Rainer Simon, D: Kurt Böwe, Christian Böwe, Katrin Knappe, DDR 1981, 103’
Vorfilm:
Aktfotografie - z.B. Gundula Schulze R: Helke Misselwitz, DDR 1983, Dok., 12’
Einführung: Dr. Claus Löser, Filmhistoriker
Von der Biermann-Affäre zur Wiedervereinigung (1976 bis 1990): Im November 1976 wurde Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert. In der Folge verließen viele Künstler die DDR. Andere zogen sich in die "Innere Emigration" zurück. "Jadup und Boel" war der letzte Spielfilm der DEFA-Geschichte, der nach seiner Endfertigung verboten wurde. Für Regisseur Rainer Simon bedeutete dieser Zensureingriff die endgültige Abkehr von brisanten Gegenwartsstoffen. - Genosse Jadup, respektabler Bürgermeister in einem altmärkischen Städtchen, wird durch den Fund eines Notizbuches mit seinen jugendlichen Sehnsüchten konfrontiert.

Kurzfilme der Hochschule für Film und Fernsehen 1955 bis 1980, 88’
Mit freundlicher Unterstützung der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg.
Einführung: Dr. Claus Löser, Filmhistoriker
"Gewehre in Arbeiterhand" R: Werner W. Wallroth, Dok., 1955, 7’
"Auf einem Bahnsteig" R: Kurt Tetzlaff, Dok., 1957, 5’
"Dialog" R: Alfredo Lugo, 1967, 13’
"Zöglinge" R: Peter Heinrich, Dok. 1974, 37’
"Was anderen bleibt" R: Hans-Ulrich Michel, Dok. 1980, 26’