Entwurf von Alfred Hirschmeier zu "Orpheus in der Unterwelt" (R: Horst Bonnet, 1974)
Entwurf von Alfred Hirschmeier zu "Orpheus in der Unterwelt" (R: Horst Bonnet, 1974)

»

Film(t)räume - Der Szenograph Alfred Hirschmeier

17. September 1999 - 21. November 1999

Hunderte Collagen, Skizzen, Aquarelle, optische Drehbücher, Arrangementskizzen, Bau- und Detailzeichnungen gehören zur Sammlung Alfred Hirschmeier (1931-1996). Der Filmszenograph war einer der produktivsten Künstler der DEFA und zuletzt Chefarchitekt im Studio Babelsberg. Er begriff sich als Mittler zwischen Regisseur, Kameramann und den Fachabteilungen seines Babelsberger Filmbetriebes. In mehr als vierzig Berufsjahren stattete er bei der DEFA ca. 70 Filme aus und verlieh u.a. Streifen von Kurt Maetzig, Frank Beyer, Konrad Wolf, Lothar Warneke, Roland Gräf durch seine Handschrift besonderes künstlerisches Gewicht. In zwölf Kabinetten wurden Etappen der Entstehungsgeschichte je eines wichtigen Films aus Hirschmeiers Oeuvre gezeigt und dabei Werkstätten oder wichtige Fachabteilungen wie Kostüm- und Requisitenfundus vorgestellt und gewürdigt.

Kuratorin: Ingrid Poss, Renate Schmal
Mehr zur Ausstellung / Presse


Mehr zur Ausstellung
Im Zentrum des wie ein Zeichensaal angelegten Raumes waren Blätter zu Originalschauplätzen (Brücken, Wälder, Landschaften, Treppen, Küchen, Gebäude) zu sehen, die Hirschmeier durch Veränderungen "passend" gemacht hatte. Im Zentrum der Ausstellung stand der Nachbau des legendären Hirschmeierschen Arbeitsdomizils im Babelsberger Spielfilmstudio, das sogenannte "Schwalbennest". In dieser "magischen Küche" wurden die Ideen zu zahlreichen DEFA-Filmen geboren, stritten Regisseure, Kameraleute, Mitarbeiter der verschiedensten Gewerke um das künstlerische Optimum für den jeweiligen Film. Gezeigt wurden auch zeichnerische Arbeiten aus Hirschmeiers Anfangsjahren.
Als Alfred Hirschmeier 1948 bei der DEFA als Malervolontär begann, begegnete er den Meistern deutscher Film-Architektur: Otto Hunte, Hermann Warm, Otto Erdmann, Emil Hasler, Erich Zander, Willy Schiller. Der Volontär tauchte in die Welt der Imagination ein. Sein Vorbild und Filmvater Willy Schiller, der für Richard Oswald, Werner Hochbaum, Reinhold Schünzel und andere namhafte Regisseure ca. 60 Filme ausgestattet hatte, begleitete und prägte ihn und bestimmte später sein gutes Verhältnis zum Nachwuchs, u.a. zu Andreas Dresens Szenenbildnerin Susanne Hopf.
Film war für Hirschmeier immer Bild-Kunst. Adäquate Spielräume für die unterschiedlichsten Filmfiguren zu suchen, zu planen und zu bauen sah er als seine Aufgabe an. Der DEFA-Mitbegründer und Regisseur Kurt Maetzig, für den der damals gerade 25-jährige 1956 die Bauten zu "Schlösser und Katen" entworfen hatte, beschrieb dessen gestalterische Fähigkeiten so: "Man sieht sofort die eigene Handschrift, das, was ich mit Worten schwer beschreiben kann - das Hirschmeiersche, das Durchsichtige, das Klare, gedanklich Feine und Delikate."
Ein Komplex der Ausstellung beschäftigte sich mit einem Film, der niemals gedreht wurde: dem Antikriegsepos "Simplicius Simplicissimus". Schon in den 1960er Jahren hatten der Autor Franz Fühmann und der Regisseur Heiner Carow an einem Szenarium gearbeitet, doch das Projekt wurde gestoppt. In den 1980er Jahren begann Carow erneut und gewann Hirschmeier für die szenographische Ausstattung. Doch wieder kam das Aus. Geblieben sind wunderbare Skizzen, Aquarelle und Collagen, in denen sich der ganze Reichtum seiner künstlerischen Ausdrucksmittel spiegelt.


PRESSE
Residenz Schwalbennest
Das Lebenswerk des Szenographen Alfred Hirschmeier in einer Ausstellung des Filmmuseums Potsdam
Neues Deutschland, 30.09.1999, Hans Freckel

Alfred Hirschmeier war ein barocker Mann: groß, breitschultrig, dem Leben und seinen Genüssen durchaus zugeneigt. Sein Arbeitsplatz entsprach dem nur bedingt: »Freddy«, wie ihn seine Freunde nannten, residierte in einem kleinen, engen Haus im DEFA-Spielfilmstudio, dem Schwalbennest. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass geistige Kreativität nicht von der Größe des Büros abhängig ist - Hirschmeier lieferte ihn. Als einer der bekanntesten Szenografen der Babelsberger Filmfabrik schuf' er seine Welten zunächst im Kopf, dann auf dein Papier, dann in den Ateliers: das Universum eines Meisters.
Ein wichtiger Teil seiner Entwürfe und Modelle ist jetzt im Potsdamer Filmmuseum ausgestellt - nicht nur eine Reminiszenz an die DEFA-Geschichte, sondern auch eine generelle Verbeugung vor dem Handwerk des Szenenbildners, wie überhaupt vor den Leistungen ,jener Gewerke, ohne die ein Film nicht entstehen könnte. Die Ausstellung, die heute ihren 100. Besucher erwartet, bietet, in einzelnen Kabinetten, einen Einblick in Werkstätten, deutet ebenso die Arbeit von Kunstmalern wie von Stuckateuren an, weist darauf hin, dass zu Filmszenen neben den paar großen immer auch Hunderte Kleinrequisiten benötigt werden.
Parallel zu dieser Hommage an die Handwerker, die im Hintergrund wirken, ermöglicht die Schau natürlich Sichten aufs konkrete Oeuvre. Alfred Hirschmeier (1931-1996) hat für Kurt Maetzig, Konrad Wolf, Frank Beyer und viele andere Regisseure gearbeitet und zu ihrem Ruhm beigetragen. So sieht man Blätter, die Höhepunkte der deutschen Filmhistorie markieren: das optische Drehbuch zu Königskinder (1962), die Skizzen zum Kleinen Prinzen (1966), die Entwürfe zum ersten ostdeutschen Science-Fiction-Opus Der schweigende Stern (1959) oder zur Künstlerbiografie Goya (1970). An Modellen sind unter anderem das fliegende Fahrrad aus dem Märchen Gritta von Rattenzuhausbeiuns (1985) und der Olymp aus Orpheus in der Unterwelt (1974) zu sehen, wobei viele Modelle leider in einer engen Kabine zusammengepfercht wurden, so dass sie für die Besucher sinnlich kaum erfahrbar werden. Faszinierend schließlich der Raum mit Erinnerungen an ein Filmprojekt, das leider nie zu Ende kam: Heiner Carows Simplicius Simplicissimus. Der erste Drehtag, der 1. Dezember 1982, stand schon fest; insgesamt sollten sich die Arbeiten bis Juni 1984 erstrecken; Hirschmeier hatte ein Großteil der Entwürfe für diese Ballade aus dem Dreißigjährigen Krieg längst abgeliefert. Das Aus kam wegen Geldmangels; so wurde es zumindest begründet. Überliefert blieben zahlreiche Zeichnungen und Collagen, unter anderem vom Heerlager und vom Sturm auf die Stadt: ein Kleinod für jedes Museum.
»Das geht nicht!« lautete jener Satz, den Alfred Hirschmeier aus seinem Sprachschatz gestrichen hatte. Was anderen auf den ersten Blick unmöglich schien, geriet dem Tüftler, der in seinen Anfangsjahren noch Meisterszenographen des deutschen Stummfilms über die Schultern schauen durfte, erst recht zur Herausforderung. Darin sind sich Hirschmeier und Bärbel Dalichow ähnlich: die Direktorin des Filmmuseums schöpfte nämlich alle Mittel ' und Wege aus, um den bedeutenden Nachlass in ihr Haus zu holen. Das gelang ihr vor allem mit Hilfe der DEFA-Stiftung, die dafür 100.000 Mark zur Verfügung stellte. Sinnvoll ausgegebenes Geld, mit dem handfeste Belege für die großen Zeiten der Potsdamer Filmfabrik bewahrt werden können.


Der Szenograf Alfred Hirschmeier
Film-dienst, 22/1999, Volker Baer

Rund 70 Filme und Fernsehinszenierungen tragen seine Handschrift, die über vier Jahrzehnte hinweg viele DEFA-Filme prägte. Das Potsdamer Filmmuseum widmet Alfred Hirschmeier (1931 -1996) momentan eine ebenso liebenswerte wie informative Ausstellung. Hirschmeier gehörte zu jenen Filmschaffenden, deren Tätigkeit - im Westen Deutschlands stärker noch als im Osten - im Schatten ihrer Kollegen steht. Er war, wie man bei der DEFA sagte, ein Szenograf, ein Mann, der die Filmszenerie, die Filmarchitektur bestimmte. Und Filmarchitekten haben - ähnlich vielleicht den Drehbuchautoren - einen schweren Stand beim Publikum und bedauerlicherweise auch bei der Kritik. Man nimmt ihre Namen zwar zur Kenntnis, beachtet ihre Arbeit jedoch nicht allzu aufmerksam. Dabei bestimmen sie durchaus einen Film, wie das Beispiel von Alfred Hirschmeier dokumentiert. Hirschmeier wollte, wie er es einmal formulierte, mit seinen Möglichkeiten zur Stilbildung eines Films beitragen. Er "suche, plane und baue Spielräume für den Film, nicht einfach naturalistische Spielräume, sondern verdichtete, der literarischen Vorlage dienende", umriss er seine Aufgabe, die er darin sah, "den handelnden Menschen durch seine Umwelt, seine ihn umgebende Atmosphäre zu verdeutlichen".
Um seine Arbeitsweise aufzuzeigen und sein Werk zugänglich zu machen, hat das Filmmuseum den großen, lang gestreckten Raum des Marstalls auf reizvolle Weise eingerichtet. Man wähnt sich in einem großen Zeichensaal, über dessen Arbeitsplatten kleine Leuchten hängen. An der Längsfront reihen sich unter einer nachgebauten Beleuchterbrücke Filmszenarien und die kleinen Werkstätten der Tischler. Stukkateure und Kunstmaler, auch ein Möbelfundus findet sich darunter. Ganz klein wurden Hirschmeiers enge Arbeitsräume aus den Babelsberger Ateliers nachgebaut, wo Ideen, Entwürfe und Skizzen des Szenografen in intensiver Teamarbeit entstanden. Hirschmeiers Arbeit war an einen intakten Atelierbetrieb gebunden, wie es ihn im Westen Deutschlands schon lange nicht mehr gibt. In Hirschmeiers Klause, im DEFA-Jargon "Schwalbennest" genannt, gewannen die szenisch-architektonischen Vorstellungen zunächst am Zeichentisch Gestalt. Im steten Kontakt mit dem Regisseur und dem Kameramann folgten Einstellungsskizzen und
Bildpläne, bevor die Entwürfe an die Werkstätten weitergegeben wurden. Hirschmeier hat, wie die Ausstellung dokumentiert, oftmals "optische" Drehbücher entwickelt und Filmideen Einstellung für Einstellung zeichnerisch festgehalten, lange bevor dies üblich wurde. Die Ausstellung ermöglicht interessante Einblicke in diese optischen Drehbücher, etwa für Frank Beyer oder Konrad Wolf. Unter den nach bestimmten Themen ausgewählten Skizzen, etwa zu Brücken, Wäldern, Landschaften, Gemälden, Fenstern und Sälen, findet man auch viele Entwürfe, in denen sich Raumwirkungen andeuten, das Verhältnis von Mensch und Szene sichtbar wird. Hier zeigt sich die trickreiche künstlerische Arbeit Hirschmeiers, der oftmals Zeichnungen vor Landschaftsaufnahmen legte und mit Hilfe der Glasmalerei Bilder zwischen Drehort und die Kamera postierte, wodurch neue, eigenwillige Motive entstanden. Hirschmeier war, wenn man sein Oeuvre betrachtet, ein Mann der Fantasie wie der Präzision. Seine Szenen entwerfen Traumwelten, die zugleich klare Räume der Wirklichkeit sind.
Er fotografierte die geplanten Drehorte lange vor Drehbeginn und zeichnete in die Fotos Gegenstände und Figuren hinein, um so aus der Realität gleichsam eine neue, seine eigene Wirklichkeit zu entwickeln. Das wird in seinen Vorarbeiten für die - noch vor Drehbeginn verbotene - Verfilmung von Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus am deutlichsten, der man in der Ausstellung zu Recht eine eigene Abteilung widmet. Hier entfaltet sich eine fruchtbare wie erschreckende und in ihrer Surrealität mitunter an Hieronymus Bosch erinnernde Fantasie.
Alfred Hirschmeier, im Osten Deutschlands zumindest den Filminteressierten bekannt, ist im Westen noch zu entdecken. 1931 in Berlin geboren, studierte er, nach einer Malerlehre bei der DEFA, in West-Berlin, kehrte 1953 aber wieder in die Babelsberger Ateliers zurück, wo er bald einer der prägnantesten Szenografen wurde und die Architektur für namhafte Regisseure entwarf, so für Kurt Maetzig, Frank Beyer (von Königskinder bis zu Der Verdacht und Nikolaikirche), vor allem aber für Konrad Wolf (von Der geteilte Himmel bis zu Solo Sunny). Hirschmeier entwickelte aber auch Szenerien für Bernhard Wicki (Die Grünstein-Variante) und Peter Schamoni (Frühlingssinfonie, Caspar David Friedrich) - für westdeutsche Filme also, die in Babelsberg realisiert wurden. Hirschmeiers Nachlass konnte mit Hilfe der DEFA-Stiftung für das Filmmuseum erworben werden. So ergibt sich ein Überblick über das Gesamtwerk Hirschmeiers, der nach dem Ende der DDR auch für die Deutsche Staatsoper Berlin arbeitete und an der Potsdamer Filmhochschule den ersten Lehrstuhl für Szenografie in Deutschland einrichtete. 1996 ist er 64-jährig gestorben, nicht ohne kurz vor seinem Tod noch zu erfahren, dass ihm ein Filmband in Gold für herausragende Verdienste um den deutschen Film zuerkannt wurde. Die Potsdamer Ausstellung, die sein Werk würdigt, ist zum Schauen, nicht zum Lesen konzipiert ist. Die Raffinesse der Technik, die sich nie zum Selbstzweck aufschwingt, der Zauber der Ästhetik, aber auch die Klarheit der Realität in Hirschmeiers Schaffen werden so deutlich.