Prof. Lord Dahrendorf visits Filmmuseum Potsdam; Photo: J.K. Leopold
Prof. Lord Dahrendorf visits Filmmuseum Potsdam; Photo: J.K. Leopold

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Ernstfall Demokratie. Fundstücke für eine politische Kultur in Deutschland

Mit der Veranstaltungsreihe "Ernstfall Demokratie. Fundstücke für eine politische Kultur in Deutschland" im Oktober und November 2005 im Filmmuseum Potsdam befragten wir Spiel- und Dokumentarfilme aus der Nachkriegszeit und der Anfangszeit der deutschen Staatsgründungen auf ihren Zeugniswert zur Grundlegung der Demokratie in unserem Land.

Eine Dokumentation zu der Veranstaltungsreihe, die durch die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung initiiert und finanziert wurde und von Dr. Günter Jordan erstellt wurde, steht nun online unter www.politische-bildung-brandenburg.de
Wir können also von einem Nachhaltigkeitseffekt ausgehen, denn alle Konzept- und Textmaterialien, die Hauptpassagen der Einführungen und Diskussionsbeiträge sowie der Vortrag von Lord Dahrendorf werden im Internet nachzulesen sein.
Anstiftungen zu Nachfolgeveranstaltungen sind gewollt.

Eröffnet durch eine Volker Braun-Lesung folgten 15 Filmveranstaltungen, in denen 42 Filme (Kurz- und Langmetrage, Dok- und Spielfilme) zum Einsatz kamen, die durch ausgewiesene Fachleute eingeführt wurden.
Zwei hochkarätig besetzte Podiumsdiskussionen vertieften und erweiterten die Frage- und Themenstellungen.

Zum 1. Podium am 27.10.2005 konnten wir Prof. Dr. Christoph Kleßmann (Professor für Neueste Geschichte), Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff (Professor für Politikwissenschaft), Prof. Dr. Dietrich Benner (Professor für Erziehungswissenschaft) und Heiner Roß (Kinemathek Hamburg) begrüßen.
Unter dem Titel "Soviel Anfang war nie: Lernziel Demokratie" (Gesellschaft und Demokratie in Deutschland: Entstehung, Krisen, Zukunft - unter besonderer Würdigung und Problematisierung US-amerikanischer und europäisch-deutscher Leitbilder) diskutierten die Podiumsgäste über
staats- und verfassungsrechtliche Gegebenheiten, Voraussetzungen und Orientierungen in der Nachkriegszeit unter Einbeziehung der undenkbaren Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstorganisation, die sich dem deutschen Vorstellungsvermögen entzogen, aber Hintergrund (west-)alliierter Entscheidungsfindung waren und die Philosophie der Demokratie, wie sie sich in den USA ausgebildet hat (Demokratie als Erfahrung und Erziehung).

Zum 2. Podium am 17.11.2005 konnten wir Prof. Dr. Ulrich K. Preuß (Professor für rechtliche Grundlagen der Politik), Friedrich Schorlemmer (Pfarrer, Publizist, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt) und Edgar Most (Direktor der Deutschen Bank Berlin a.D., Ost-Experte, Publizist) begrüßen.
Unter dem Titel "Soviel Staat war nie: Lernziel Demokratie" diskutierten die Podiumsgäste über Erfahrungen mit dem amerikanischen Demokratieverständnis in der Nachkriegszeit und hinterfragten die Orientierung am USA-Vorbild bis in die Gegenwart. Neben der Verständigung über die Notwendigkeit von Staat wurde über Erneuerungen in Richtung Bürgergesellschaft debattiert.

Höhepunkt für alle Beteiligten war der Vortrag von Lord Ralf Dahrendorf zu 40 Jahre "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland".

Dorett Molitor
Programmgestaltung
Filmmuseum Potsdam

Presse:
Konfliktkulturen
Lord Dahrendorf bei "Ernstfall Demokratie" im Filmmuseum
Märkische Allgemeine Zeitung, Hanne Landbeck, 16.11.2005
Der Andrang war riesig, Interessierte standen neben den Sitzreihen, viele der Einlassbittenden mussten abgewiesen werden. Die Attraktivität des 1929 in Berlin geborenen Soziologen Lord Dahrendorf ist immens, und der Grandseigneur der liberalen politischen Theorie wurde seinem Ruf durch einen souverän vorgetragenen, inhaltsreichen Vortrag gerecht. Doch zuvor gab es, Filmmuseum verpflichtet, eine Augenzeugen-Wochenschau aus dem Frühjahr 1948: Wohnprobleme in der Trümmerstadt, Waisen, die ihre Angehörigen suchen, waren Themen, die das Kino in der Vorfernsehzeit den Informationshungrigen bot. (...)
Wahrscheinlich werden auch im hiesigen Teil Deutschlands die Bürger bald aufhören, ihr wirtschaftliches Wohl von der Demokratie zu erwarten. Diese könne das nämlich nicht garantieren, man müsse durch das "Tal der Tränen", aber eben, ohne die Demokratie in Frage zu stellen. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus. (...)

Utopia, wahrhaft freies Land, Moritz Reininghaus
Volker Braun bei "Ernstfall Demokratie" im Filmmuseum
Potsdamer Neueste Nachrichten, 26.10.2005
Schwarzenberg - weißer Fleck auf der politischen Landkarte Deutschlands in der "Stunde Null". Wir schreiben Mai 1945. Deutschland hat kapituliert, scheint vollständig besetzt - ist es aber nicht. Im Erzgebirge wurde das Gebiet um Schwarzenberg von Amerikanern wie Sowjets gleichermaßen "vergessen". Sei's aus Versehen, sei's um aus dem Osten zurückströmenden deutschen Truppen die Möglichkeit zur Kapitulation bei den westlichen Alliierten zu geben. Tatsache ist: In Schwarzenberg ergab sich für die Bevölkerung die einmalige Chance, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und somit für zweiundvierzig Tage den "Ernstfall Demokratie" zu proben. Volker Braun, nach Stefan Heym bereits der zweite Schriftsteller, der sich den kuriosen Ereignissen nahe der tschechischen Grenze zuwendet, war am Montag zum Auftakt einer opulenten Veranstaltungsreihe zur Demokratie in Deutschland im Filmmuseum, um aus seinem Buch "Das unbesetzte Gebiet" zu lesen. (...)