Berliner Ballade
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Ernstfall Demokratie - 1. Teil

Oktober 2005

Ernstfall Demokratie:
Fundstücke für eine politische Kultur in Deutschland


Eine Veranstaltungsreihe des Filmmuseums Potsdam in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg und dem Bundesarchiv-Filmarchiv, unterstützt durch die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, das Ministerium für Wirtschaft und die DEFA-Stiftung

Soviel Anfang war nie: Trotz Kriegsschuld und Niederlage beflügelte nach Kriegsende viele Deutsche ein zukunftsorientiertes, positives Gefühl. Staat war in Deutschland nicht zu machen. Wenn etwas werden sollte, musste man sich selber kümmern.

Soviel Staat war nie: Heute glauben selbst gut ausgebildete junge Deutsche häufig, Gesellschaft und Staat seien dasselbe und die politisch Verantwortlichen sollten ihrer Verantwortung besser nachkommen.

Die (west-)deutsche Demokratie hat ihren Weg gemacht, weil sie vernünftig und funktionsfähig war, unterfüttert durch Wirtschaftswunder und Sozialstaat. Nun hat die Politik nicht länger Überschüsse zu verteilen. Fällt die Demokratie vom Gaben- auf den Opfertisch? Der Vertrauensverlust in Politik, Politiker, Parteien und Institutionen ist unübersehbar. Gefragt wird, ob der Staat mit seinen demokratischen Institutionen und Strukturen den Herausforderungen der heutigen Welt gewachsen ist. Ist die Frage nicht aber falsch gestellt? Woher rührt die Staatsgläubigkeit in Deutschland, ein Phänomen in West und Ost? Was heißt Bürgergesellschaft, und wie kommt sie zustande? Muss Demokratie nicht ständig neu gelernt und gelebt werden, und braucht sie nicht eine Demokratisierung der Demokratie?

Woher kommen wir, wohin gehen wir?
Das amerikanische Modell der Zivilgesellschaft, dessen Erfolg bis heute herbeigeredet wird, hat sich gerade nicht durchsetzen können in Deutschland. Was aber lief hier anders, im Westen und im Osten? Was von der amerikanischen Auffassung steht unabgegolten auf der Tagesordnung, was von der deutschen Erfahrung hält kritischer Befragung stand?
Film hat einiges davon aufbewahrt, nicht zuletzt deshalb, weil er beteiligt war bei den Auseinandersetzungen um die Selbstbestimmung der Menschen nach dem Ende der Nazi-Diktatur.

Nicht um Neuschreibung von Geschichte geht es, sondern um Beobachtung, woraus sich die Grundlegung von Demokratie in Deutschland speiste, was sie gefährdete und woran sie gegebenenfalls scheiterte, als Probat auf die Zeugniskraft von Film, Experiment auf die Tauglichkeit von Begriffen, Anlass für eine Debatte, die auf den Kern der Dinge zu kommen sucht.
"Die Demokratie muß für ihre Stimulantien selber aufkommen." (Christoph Dieckmann, 2004)

FILME: Vergeßt es nie - schuld sind sie! / Todeslager Sachsenhausen / Es liegt an Dir / Lesung: Volker Braun: Das unbesetzte Gebiet / Freies Land / Und wenn’s nur einer wär’ / Berliner Ballade / DEFA-Aufklärungsfilme: Die Stimme der Welt / Ein richtiger Entschluß / Eine Stadt hilft sich selbst / Aus eigener Kraft / So darf es nicht mehr weitergehen / Es liegt in Eurer Hand / ... mit uns zieht die Neue Zeit / Der Augenzeuge/ Re-education I: Selbstbild USA: Ein Kind zog aus / The Town / Das Tennessee-Tal / The Cummington / Re-education II: Zeitfilme: Diskussion überflüssig / Frischer Wind in alten Gassen / Ein Vorschlag zur Güte / Eine Kleinstadt hilft sich selbst / Frauen stehen ihren Mann / Offene Türen / Podium:
Soviel Anfang war nie: Lernziel Demokratie

Überlegungen eines Programmmachers

Prolog: Schuld und Sühne

Vergeßt es nie - schuld sind sie!
PL: Richard Brandt, Prod.: DEFA 1946, 6’
Die Filmreihe entstand im Auftrag der Abteilung Bildaufklärung der Zentralverwaltung für Volksbildung und wurde den Augenzeugen Nr. 7 - 11 / 1946 (Mai - Juli 1946) vorgespannt. Die Titelformel wird gern als Aufforderung und Zeugnis der Verdrängung missverstanden. Tatsächlich war sie ein Plädoyer für den Nürnberger Prozess der Alliierten gegen die Hauptkriegsverbrecher, der seit November 1945 lief und Ende September 1946 seinen Abschluss erfahren sollte, und für einen Schuldspruch über die Führungselite des Dritten Reichs, der sich für die Deutschen nicht von selbst verstand.
Auf Bitten der Behörden der Nord-Rheinprovinz wurde der erste Film im Sommer 1946 mit der Post (!) von Berlin nach Düsseldorf geschickt, da die dortigen "Maßnahmen zur Bekämpfung der Nazi-Propaganda" nicht griffen und die DEFA-Kurzfilme für "sehr wirkungsvoll" gehalten wurden; nach der Vorführung vor Fachleuten orderten die Düsseldorfer das gesamte Paket. Die Verwaltungsbelastung bei der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen und die Verweigerung der Vorführgenehmigung durch die britische Militärzensur ließen das erste deutsch-deutsche Austauschprojekt, einzigartig und unbekannt bis heute, scheitern.

Todeslager Sachsenhausen
RE und PL: Richard Brandt, TE: Karl Schnog, KA: Otto Baecker, MU: Boris Blacher, Prod.: DEFA 1946, 40’
Der Film ist die erste deutsche Produktion zum Thema Konzentrationslager und Vernichtung. Er entstand im Auftrag der Sowjetischen Militärkommandantur Berlin im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Sachsenhausen-Prozesses.
Das Filmteam selbst ist ein Beispiel für die Bedingungen, Voraussetzungen und Möglichkeiten einer Aufarbeitung der Vergangenheit. Schnog, Dichter und Kabarettist, kam aus dem Kreis um Ossietzkys "Weltbühne", war in Dachau und Buchenwald inhaftiert gewesen und hatte 1945 einen Erlebnisbericht darüber herausgebracht. Baecker war ein bürgerlicher Kameramann mit Meriten bei Spiel- und Kulturfilm. Brandt kam von der Ufa und hatte im Auslandseinsatz Kontakt mit jugoslawischen Partisanen. Blacher war der Musik der Moderne treu geblieben, unbeeindruckt von der Ablehnung durch die herrschende Ästhetik, und war mit seiner jüdischen Frau durch die Nazizeit gekommen.

Es liegt an Dir (It’s Up to You)
RE: Wolfgang Kiepenheuer, KA: Wilfried Basse, August Lux, BU / TE: Friedrich Luft, MU: Wolfgang Zeller, PR: Stuart Schulberg, Prod.: D.F.U. / Ikaros-Film Wolfgang Kiepenheuer 1948, 15’
Erste amerikanisch-deutsche Produktion mit demokratisch-erzieherischem Anspruch. Kompilation von altem Filmmaterial (Basses Deutschland zwischen gestern und heute, 1933; Nürnberg und seine Lehre, 1947; Welt im Film) und Neuaufnahmen. Mit Rücksicht auf die Erwartung, dass die moralisch-erzieherische Botschaft dieses Films vom deutschen Zuschauer besser akzeptiert werden würde, wenn sie "aus den eigenen Reihen" stammt, wird im Untertitel deutlich Wolfgang Kiepenheuer als Macher des Films genannt.
Der Film will anhand einer politisch-philosophischen Betrachtung von Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Lanze für die Demokratie als Staatsform und als Richtschnur für individuelles Verhalten brechen. Er entlässt das Publikum nicht mit einem Schuldspruch, sondern schlägt ein neues Kapitel im historischen Buch auf: Seine Seiten sind noch leer, und es liegt am deutschen Volk, seine Vision für die Zukunft hier aufzuschreiben.

Lesung:
Volker Braun: Das unbesetzte Gebiet
(Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004)

Volker Braun, geboren 1939 in Dresden, Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, Büchner-Preisträger 2000, lebt in Berlin.

Programm I: Freies Land

Freies Land
RE: Milo Harbich, DB: Milo Harbich, Kurt Hahne, KA: Otto Baecker, MU: Werner Eisbrenner, PL: Kurt Hahne, Prod.: DEFA 1946, 75’
DA: Ursula Voß, Fritz Wagner, Herbert Wilk, Hans Sternberg, Aribert Grimmer, Peter Marx
Ein Film über die Bodenreform und die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, oder, wie es im Titel-Vorspann heißt: "Dieser Tatsachenbericht schildert die wahren Erlebnisse deutscher Flüchtlinge, Bauern und Siedler nach dem Zusammenbruch im Mai 1945. Sie selbst haben in diesem Film mitgewirkt und waren die Darsteller ihres eigenen Schicksals. Die Westpriegnitz und das Notstandsgebiet Lebus sind die Schauplätze der Handlung."
Noch ist keine Minute vergangen, da gibt die Exposition die eigentliche Fragestellung vor: die nach Selbst- oder Fremdbestimmung. "Einer muss doch sein, nach dem wir uns richten. Einer muss bestimmen. Das ist immer so gewesen. ... Mich lasst aus dem Spiel, das Kommandieren liegt mir nicht. ... Hier soll überhaupt keiner mehr kommandieren!"
Wie das anzustellen ist, weiß von den Beteiligten keiner. Sie versuchen es. Hinter dem Mühen um die gegenseitige Bauernhilfe steht das Abwägen der Chancen und Risiken von Engagement, Entscheidung, Verantwortung, die nicht an Ämter zu delegieren sind. Die Dinge selbst in die Hand nehmen, einander beistehen, ohne Interessenunterschiede zu verwischen: Fängt nicht da an, was wir Demokratie nennen?
Seine Herkunft aus einem wissensvermittelnden Kulturfilm kann und will der Film nicht verleugnen; Rudimente davon sind im Film belassen. Die ideelle und dramaturgische Klammer bildet der Rechenschaftsbericht des Bürgermeisters über das erste Jahr des Neuanfangs. Statuarisch angelegt, ist sie weniger rhetorisches Skelett als vielmehr Ausweis für die Sprödigkeit der Zeit. Aus der Synthese von Dokumentarfilm und Spielfilm folgte ein Mischstil, der das Ufa-verwöhnte Publikum und die Kritiker verstörte. Dass ein solcher Versuch mit dem zweiten Film der DEFA und einem der frühesten deutschen Filme überhaupt gemacht wurde, spricht für ihn. Seine Schönheit resultiert aus der Entwicklung der Handlung aus dem Material des Wirklichen, der Verhaltenheit vieler Szenen, dem Zusammenwirken von Schauspielern und Bauern.
Harbich, der aus der Neuen Sachlichkeit kam, schwebte ein semidokumentarischer Filmstil vor, wie er etwa in "Hunger in Waldenburg" oder in "Menschen am Sonntag" seinen Niederschlag gefunden hatte. Nicht auszudenken, wenn der Film die Härte der Widersprüche in der Realität tatsächlich hätte auffangen können. Aber auch so gibt der Film eine Ahnung davon, was das hätte werden können: die Geburt des deutschen Neorealismus aus dem Geist demokratischer Selbstfindung in der Bewältigung der Gegenwart. "Rom, offene Stadt", "Paisa" und "Schuhputzer" hatten gerade erst Premiere gehabt, Neorealismus war noch nicht Thema. So wurde dieser Weg als Weg nicht beachtet, nicht verfolgt, nicht verbreitert, sondern verlassen und vergessen.
Der Film ist ob seines Plädoyers für die Bodenreform als Propagandafilm für den Sozialismus diffamiert worden, und es fällt leicht, jede Szene für eine solche Prämisse auszuschlachten (vgl. Peter Pleyer, 1965). Ganz abgesehen von der historischen Bewertung, gar Berechtigung der Bodenreform und dem Votum für Sozialismus (das es im Film gar nicht gibt): Bei den Autoren handelte es sich um bürgerliche Filmleute, die aus freien Stücken, eigenen Erlebnissen und vor Ort diesen Film entwickelt haben. Dazu brauchten sie keine Anweisung von "oben", zumal es das 1946 noch gar nicht gab. Umso mehr ist der Film Dokument einer Anstrengung von Geschichte und von Kunst.

Und wenn’s nur einer wär’
RE: Wolfgang Schleif, DB: Wolfgang Weyrauch und Wolfgang Schleif, frei nach dem Tatsachenroman "Verwahrlost" von Sia di Scazziga, KA: E. W. Fiedler, MU: Wolfgang Zeller, PL: Robert Leistenschneider, Prod.: DEFA 1949, 83’
DA: Edelweiß Malchin, Siegfried Dornbusch, Axel Monjé, Lutz Moik, Uwe Jens Pape, Ralph Siewert
Verwahrloste Jungen in einem Erziehungsheim in Berlin. Der junge Lagerleiter, der die Selbstverwaltung der Kinder organisiert, hat kein Diplom als Erzieher. Ihm wird darum die Lagerleitung entzogen und an einen gelernten Erzieher übertragen, er selbst in ein anderes Heim versetzt. Der Neue führt rigide Maßnahmen zur Durchsetzung seiner Prinzipien ein, mit denen er auf Ablehnung bei einem Teil der Jungen trifft. Sie bereiten die Flucht aus dem Lager vor, brechen aus, überwinden die Sektorengrenze und begeben sich zu ihrem alten Lagerleiter im Nordosten der Stadt. Der Neue wird als ehemaliger SS-Offizier entlarvt.
Der Chefdramaturg der DEFA, Wolf von Gordon, definierte das Anliegen des Films als den "Kampf der Vertreter der Zwangserziehung gegen die demokratische Selbsterziehung - also den alten Kampf zwischen Lakedämon und Athen". Es ging, nach den Worten von Scazziga, um "das Kernproblem unserer Zeit: Kampf um die Verwirklichung der zeitlos immer wieder gefährdeten Demokratie". Über die Brisanz des Films machte sich die DEFA keine Illusionen. Es galt nicht als ausgemacht, so von Gordon, "ob das, was wir von der Selbstverwaltung zeigen, das Publikum genügend für diese demokratische Denk- und Gefühlsweise einnimmt. Wir dürfen nicht vergessen, daß ein großer Teil unseres Publikums selbst mit Zwang und Strenge erzogen wurde und einwenden wird, daß es ohne Autorität und Strenge bei der Kindererziehung nun einmal nicht ginge. Auch wird man in Deutschland nicht auf sehr viel Verständnis rechnen können, wenn Lehrer durch die Kinder plötzlich abgesetzt werden."
Der dokumentarische Duktus des Films verliert sich durch eine konstruierte Liebesgeschichte und den Nazi-Bezug, der Spannungsbogen des Wandlungsprozesses junger Menschen kann nicht durchgehalten werden, die Rechnung geht zu glatt auf. Alle diese Mängel bemerkten Publikum wie Kritik und gingen dennoch zur Tagesordnung über: ein großes Thema, ein frisches Spiel, ein Film der Spitzenklasse, der auf Tuchfühlung mit dem französischen und russischen Film ging.
"Das hätte leicht wieder einer jener "Aufklärungsfilme" werden können, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen. Es gibt da zwanzig, dreißig sozusagen offizielle Einblendungen, die man wiederzufinden fürchtete nebst der salbungsvollen, mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragenen Schlussmoral. Und entstanden ist einer der besten deutschen Zeitfilme. Entstanden ist beinahe so etwas wie ein neues Filmgenre. (...) Dieser Film zeigt einen Weg, und er proklamiert eine Hoffnung." (Walter Lennig, Berliner Zeitung, 20.3.1949)
"Es gibt keinen Gegenwartsfilm der DEFA in jener Zeit, der so hitzige Debatten ausgelöst und der eine so direkte Einwirkung auf die Realität hatte (...) Der Film wurde fast ausnahmslos zustimmend bis enthusiastisch aufgenommen, nicht nur was das Thema, sondern auch was die Lebensnähe und das Bemühen um authentische Gestaltung betraf." (Christiane Mückenberger, 1994)

Berliner Ballade
RE und DB: Robert A. Stemmle, nach der Revue "Schwarzer Jahrmarkt" von Günter Neumann, KA: Georg Krause, MU: Werner Eisbrenner und Günter Neumann, PL: Werner Drake, Prod.: Comedia München / Wiesbaden / Berlin 1948, 84’
DA: Gert Fröbe, Tatjana Sais, Ute Sielisch, Aribert Wäscher, O.E. Hasse, Hans Deppe, Werner Oehlschläger, Eric Ode, Karl Schönbock
Otto Normalverbraucher verschlägt es aus der Kriegsgefangenschaft nach Berlin in eine Küche, von der nur noch drei Wände stehen. Da hält er Winterschlaf und träumt von einer Konditorei. Wieder erwacht, spricht die Wirklichkeit dem Traum Hohn. Der Hunger zieht Vergesslichkeit nach sich. Alle Arbeit, die er annimmt, beendet er stellungslos. In den politischen Versammlungen im Osten wie im Westen hört er nur Vorwürfe gegen die politisch Andersdenkenden. Da lernt er Eva kennen, die der Verkäuferin aus seinen Träumen gleicht. Mit seinem Mitbewohner, einem Schieber, begießt er das Wiedersehen nach dessen Knast-Aufenthalt in einer Kneipe, mischt sich dort in einen politischen Streit ein, ohne Partei für eine Seite zu nehmen, und wird von beiden Kontrahenten niedergeschlagen. Als er unter die Erde gebracht werden soll, wird er wieder lebendig und macht sich mit seiner Frau auf und davon.
Ein satirischer Film, denkt man, hat es leicht, Zeitbezug herzustellen. Wie schwer sich der deutsche Nachkriegsfilm dabei tat, führt "Berliner Ballade" vor. Dennoch ist er von allen Filmen, die in der Nachkriegszeit angesiedelt sind, derjenige, der wenigstens noch mit einer Nabelschnur mit der wirklichen Welt verbunden ist. Als Satire hat er eine Ahnung von seinem Geschäft, sich kritisch zu den Gegebenheiten dieser Welt zu verhalten. Dabei zieht er jene Probleme nicht ins Lächerliche, die für Otto Normalverbraucher ernsthafte und existentielle Probleme darstellen. Jene dagegen, in denen sich militanter Geist oder phrasenhafte Politik mitteilen, werden mitleidlos karikiert. In diese Szenen ist Otto Normalverbraucher aber auch nicht wirklich verstrickt, er begegnet ihnen nur zufällig und betrachtet sie von außen. Damit wird die Demokratie-Frage, auf die der Film zusteuert, gar nicht erst gestellt. Statt die Passivität des Einzelmenschen angesichts der Zeitverhältnisse zu glossieren, goutiert er sie.
"Das kleinbürgerliche Familienglück wird (...) als einzig sinnvoller Lebensinhalt empfohlen; jedwede Aktivität, etwa in Form eines politischen Engagements, die darauf abzielen könnte, die Zeitverhältnisse in irgendeiner Form mitzugestalten, ist als aussichtsloses Unterfangen ausgewiesen. In diesem Weltbild spiegelt sich eine in Deutschland nach 1945 weitverbreitete Mentalität wider." (Peter Pleyer, 1965)
Dass Filmleute durchaus imstande waren, der Gesellschaft auf den Zahn zu fühlen, ohne von fesselnden Geschichten und filmischen Lösungen abzusehen, machte der Regisseur der "Berliner Ballade", Robert A. Stemmle, als Drehbuchautor eines der künstlerisch bedeutendsten deutschen Filme der Nachkriegszeit, "Affaire Blum" (RE: Erich Engel, DEFA 1948), selber vor.

Programm II: Spielregeln

DEFA-Aufklärungsfilme
"DEFA-Aufklärungsfilm" nannten sich innerhalb und außerhalb der DEFA jene Filme, die zwischen 1946 und 1950 von Behörden, Gewerkschaften, Einrichtungen in Auftrag gegeben wurden und Themen allgemeinen Interesses ansprachen. Das Spektrum reichte von Heimkehrerfragen bis Geschlechtskrankheiten, von Verbesserungsvorschlägen bis zum Unfall- und Brandschutz, von Energieeinsparung bis zur Verkehrserziehung. In zumeist inszenierter Form stellten sie verschiedene Aspekte einer Sache vor und luden das Publikum ein, sich darüber eine Meinung zu bilden. Übergreifendes Thema war die Hilfe zur Selbsthilfe und die Orientierung auf demokratische Einrichtungen bei der Diskussion und Veränderung gesellschaftlicher Fragen, also die Anerkennung demokratischer Prozeduren.
Die Vorarbeit dazu hat "Der Augenzeuge", die DEFA-Wochenschau, geleistet. Im August 1946 führte er seinen berühmten Slogan ein. "Wir wollen überhaupt nicht mit Patentlösungen für Probleme aufwarten, sondern Fragen anschneiden, Anregungen geben und so auf unsere Weise dazu beitragen, dass sich eine öffentliche Meinung - die Voraussetzung für jede Demokratie - bilde. Sie sehen selbst - Sie hören selbst - urteilen Sie selbst!" (Kurt Maetzig / Marion Keller, 1946) Die hier ausgewählten Sujets toppen die Aufklärungsfilme und belegen eine kurze Zeitspanne demokratischen Selbstversuchs in der sowjetischen Besatzungszone.

Die Stimme der Welt
RE / DB: Viktor Fijalkowski, KA: Erich Schmidken, MU: Richard Ralf, PL: Albert Saalborn, Prod.: DEFA 1947, 16’
Die Rolle der Medien bei der Demokratisierung Deutschlands. Redaktionsalltag, Herstellungsprozess, Stellung der Berliner Zeitung.

Ein richtiger Entschluß
RE: Hans Cürlis, Prod.: DEFA 1947, 12’
Büroangestellte werden in Handwerksberufe umgeschult.

Eine Stadt hilft sich selbst
RE: Willy Zeunert, Prod.: DEFA 1948, 16’
Rückblick auf drei Jahre Wiederaufbau von Chemnitz.

Aus eigener Kraft
RE: Joop Huisken, Prod.: DEFA 1948, 14’
Arbeiter und Ingenieure bauen das Stahlwerk Riesa wieder auf.

So darf es nicht mehr weitergehen
Prod.: DEFA 1947, 5’
Vorspannserie vor der Wochenschau gegen Arbeitsbummelanten und Schwarzmarkt.

Es liegt in Eurer Hand
RE: Erwin Kreker, Prod.: DEFA 1948, 5’
Die Gleichberechtigung der Frau und die Gesetzesfrage.

... mit uns zieht die Neue Zeit
RE: Kurt Krigar, Prod.: DEFA 1947, 10’
Die Anfänge der freien deutschen Jugend.

Der Augenzeuge, Einzelsujets, ca. 12’
Nr. 36 / 1947: Jugendvertreter im RIAS
Nr. 56 / 1947: Jugendparlament Meißen
Nr. 70 / 1947: Jugendlager Prieros
Nr. 45 / 1947: Diskussion im Theater
Nr. 110 / 1948: Diskussion im Äther
Nr. 100 / 1948: Szene aus "Nachtasyl"

Re-education I: Selbstbild USA
Die Filme des Office of War Information - Overseas Branch (OWI) stellen eine Serie der US-Regierung für Übersee dar, um amerikanische Lebensweise, Demokratie und ihre Werte aufzuzeigen. Die Filme umfassen alle Lebensbereiche: Schule, Landwirtschaft, Ernährung, Verkehr, Alltag. Inszeniert und idealisiert, enthalten sich die Filme weitgehend einer Darstellung von Problemen und Widersprüchen. Das vorausgesetzt, finden sich in ihnen die amerikanische Gesellschaft und amerikanisches Demokratieverständnis modellhaft abgebildet, ohne in Belehrung oder Oktroyierung zu verfallen.
Zur Eröffnung des Kinoprogramms lief die anglo-amerikanische Wochenschau "Welt im Film" in der jeweils zugänglichen Ausgabe, gefolgt von den Filmen des Office of War Information - Overseas Branch oder britischen Produktionen. Im Juni / Juli 1945 veranstalteten die Amerikaner in der Stadt Erlangen ein sechswöchiges Testprogramm mit ausschließlich diesen Filmen sowie einem Zeichentrickfilm.
Zusätzlich ist belegt, dass die Amerikaner bis zum Sommer 1947 für ihre Besatzungszone 1.700 NATCO-16-mm-Tonfilmprojektoren beschafften, um diese Filme auch außerhalb der Kinos zeigen zu können. Zusätzlich gab es bewegliche Vorführ-Units, die Gebiete mit Film versorgten, die keine Kinos hatten. Dies geschah ganz besonders in der Jugend- und Kinderarbeit.

Ein Kind zog aus A Child Went Forth
RE: John Ferno, Joseph Losey, MU: Hanns Eisler, Prod.: USA 1940, 17’
Als Erleichterung für berufstätige Frauen - ihre Männer waren als Soldaten im Einsatz - werden Stadtkinder aufs Land gebracht. Durch Mitarbeit auf den Farmen gewinnen sie ein Gefühl für Verantwortung und Achtung vor den Ansichten anderer. Das Gemeinschaftsgefühl ist auf dem Land stark entwickelt, und die Kinder sind bereit, das anzunehmen.

The Town Die Kleinstadt
RE: Joseph von Sternberg, Prod.: USA / OWI 1944, 12’
Am Beispiel von Madison, Indiana, wird das kulturelle Erbe gezeigt, das europäische Einwanderer mitbrachten, sowie deren Begegnung mit demokratischen Institutionen.

Valley of the Tennessee Das Tennessee-Tal
RE: Alexander Hammid, Prod.: USA / OWI 1944, 29’
Verdeutlicht werden die Veränderungen landwirtschaftlicher Methoden, die der Schutz vor Erosion und der Hochwasserschutz notwendig machten, und was dieser Wandel für die verarmte Bevölkerung des Tennessee-Tals brachte.

The Cummington Story Die Cummington-Story
RE: Helen Grayson, Larry Madison, Prod.: USA / OWI 1945, 22’
Schildert die Erfahrungen einer Flüchtlingsfamilie (aus dem vom Krieg überzogenen Europa) von der mit Skepsis registrierten Ankunft bis zur glücklichen Integration in einer Kleinstadt an der Ostküste.

Re-education II: Zeitfilme (USA / BRD)
"Unter dem programmatischen Label "Zeit im Film" warben zwischen 1949 und 1952 kurze Dokumentarfilme und dokumentarisch angelegte Kurzspielfilme für eine demokratische Geisteshaltung in der amerikanischen Zone in der Bundesrepublik. Diese Filme wurden als Teil der Re-education- und Re-orientation-Politik vom Office of the High Commissioner for Germany (HICOG) bzw. in dessen Auftrag von neulizensierten deutschen Firmen produziert. (...) Die Filme der Produktion "Zeit im Film" (Zeitfilme) sind, kurzgefaßt, Werbefilme für die Demokratie. (...) Vorgestellt werden in der Regel Alltagssituationen, in denen Bürger sich zur Wahrung ihrer Interessen in Arbeitsgemeinschaften zusammenschließen und die Lösung ihrer Probleme kooperativ angehen. (...) Eigeninitiative, Diskussionen, Vertrauen und Zuversicht, Weiterbildung, internationale Verständigung, Denken im globalen Maßstab, deutsch-amerikanische Freundschaft sowie Anti-Kommunismus sind einige der zentralen Werte, die in diesen Filmen angesprochen werden. Die Themen umspannen Diskussionstechniken, Volkshochschulen, Freizeitgestaltung, Blutspenden, Verkehrserziehung, Wiederaufbau, Marshall-Plan-Hilfe, Flüchtlings- und Wohnungsproblematik, Polizei, Justiz sowie den Ost-West-Gegensatz.
Ursachenforschung findet in (...) "Zeit im Film" nicht statt - der Blick wird stattdessen konsequent nach vorne gerichtet, auf das Erlernen und Neu-Lernen demokratischer Verhaltensweisen. Die Demokratie wird aber nur selten durch ihre Organisationsprinzipien wie freie Wahlen und Gewaltenteilung vorgestellt; Demokratie beschränkt sich auf die aktive Teilnahme des Bürgers an der Gestaltung seiner unmittelbaren Umgebung und auf eine veränderte Form der Meinungsbildung. Diskutieren wird so als eine neue Geisteshaltung angesprochen, deren Grundregeln, wie z.B. Toleranz, man (...) lernen kann. Es geht darum, jeweils alle Seiten eines Problems zu beleuchten, so daß jeder einzelne sich seine Meinung bilden kann.
Die Jugend (bildete) die Hauptzielgruppe der Re-education und Re-orientation. Viele Zeitfilme machen vor allem den Zuschauern Mut, ihre Lethargie zu überwinden und die Probleme aktiv anzugehen."
(Jeanpaul Goergen, 2000)

Diskussion überflüssig
RE: Eva Kroll, KA: Erich Küchler, BU: Günter Hoffmann, Prod.: Zeit im Film, München, 1950, 19’
Mit diesem Film soll die Diskussion zum allgemeinen Thema in den Schulunterricht getragen werden.

Frischer Wind in alten Gassen
RE / DB: Fritz Peter Buch, KA: Konstantin Tschet, Prod.: Zeit im Film, München, 1951, 17’
In der Stadt Eberbach übernehmen für drei Tage die Jugendlichen die Aufgaben der Stadtverwaltung.

Ein Vorschlag zur Güte
RE: Wolfgang Kiepenheuer, KA: Otto Baecker, DB: Friedrich Luft, Prod.: Ikaros-Film, Wolfgang Kiepenheuer, Berlin, 1950, 13’
Bekannte Schauspieler demonstrieren die Notwendigkeit von den Bürgern zugewandten Behörden und Ämtern.

Eine Kleinstadt hilft sich selbst
RE / DB: Wolfgang Becker, KA: Kurt Hasse, Prod.: Willi Zeyn Film GmbH., München, 1950, 13’
Die Bürger der Kleinstadt nehmen die Probleme der Flüchtlinge und der Nachbarschaften in die eigenen Hände.

Frauen stehen ihren Mann
RE / KA: Walter Brandes, DB: Charlotte Brandes, Prod.: Walter Brandes-Film, Stuttgart, 1951, 13’
Alle Parteien und Organisationen übergreifend, organisieren die Frauen von Leonberg einen Basar, um Geld für ein Kindertagesheim zu sammeln.

Offene Türen
RE / KA: Walter Brandes, DB: Charlotte Brandes, Prod.: Walter Brandes-Film, Stuttgart, 1950, 14’
Bericht über die Lösung der Jugendprobleme in den Städten Pforzheim, Karlsruhe und Esslingen.

Podium 1
Soviel Anfang war nie: Lernziel Demokratie

Gesellschaft und Demokratie in Deutschland: Entstehung, Krisen, Zukunft - unter besonderer Würdigung und Problematisierung US-amerikanischer und europäisch-deutscher Leitbilder
Teilnehmer: Prof. Dr. Christoph Kleßmann, Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff, Prof. Dr. Dieter Benner, Heiner Roß
(Text: siehe pdf)