Das Tonarchiv von Andreas Walter

Einen Ort mit den Ohren erfahren - Betreten Tonmeister einen Schauplatz, hören sie den Hall, den Klang der Stille, die Geräusche der Arbeit. Ein fallendes Blatt, Sturm in den Bäumen, das Knarzen einer Zaunlatte, ein schepperndes Gartentor - oder betriebsames Gewusel im Büro, Bergwerk, Hafen mit eigenen Geräuschen. Die meisten Menschen sehen bewusster als sie hören, ein Tonmeister erkundet seine Umgebung hörend.
Jeder Moment hat seinen eigenen Ton, ein Innen, ein Außen; jeder Ort ist besonders. Ein leeres Zimmer, scheinbar ohne hörbares Geräusch, hat seinen Klang. Stille ist erfassbar, kann aufgezeichnet werden. Dann ist da kein Nichts mehr, kann man die Leere hören. Dann ist da Atmosphäre.

Die Verschiedenheit des Klangs der Häfen von Casablanca, Safi in Marokko, Rostock und Hamburg mag irrelevant erscheinen, ist im Detail jedoch hörbar. Authentizität in Spiel- und Dokumentarfilm wird wie vom Bild auch vom Ton, durch korrekte Raum-Atmosphären erzeugt. Ein Tonmeister ist ein Jäger nach dem passenden Geräusch: Schritte, die sich nähern oder entfernen, vorbeifahrende Autos, Bohrhämmer, Schreibmaschinen, ein Puma - eben kein Tiger -, Jagdgewehre, Regen auf Beton, Wellblech oder am Fenster, Nilpferde stehend, sich legend, Sprengungen oben oder unten, Züge in der Kurve oder auf gerader Strecke ...

In den Sammlungen des Filmmuseums Potsdam ist aus dem Arbeitsleben des Tonmeisters Andreas Walter ein Kasten überliefert, der diese Jagd nach Tönen dokumentiert. In ihm sind akkurat die Tonbänder verzeichnet: die Tierstimmen, der Ton verschiedener Automarken, Arbeitsgeräusche - alle vom Tonmeister unabhängig vom Bild aufgenommen. Ein Fundus von vielleicht irgendwann einmal notwendigen Klängen. Zum Teil sind die im Kasten verzeichneten Töne und Geräusche heute nicht mehr hörbar, die Tiere längst gestorben, die Autos verschrottet, die Arbeit der Menschen von Maschinen abgelöst. Ein akustischer Streifzug in die Vergangenheit.