Der gelbe Schein
Der gelbe Schein

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Der gelbe Schein

Begleitend zu einem Seminar, das Dr. Philipp Stiasny, Mitarbeiter des Filmmuseums, in Kooperation mit dem Moses Mendelssohn Zentrum an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF anbietet, zeigt das Filmmuseum Potsdam eine Filmreihe mit Einführungsvorträgen.

Im Gewand eines Melodrams prangert "Der gelbe Schein" die Diskriminierung der Juden im feindlichen Russland an. Die Jüdin Lea (Pola Negri) verlässt nach dem Tod ihres Pflegeva-ters (Guido Herzfeld) eine kleine russische Provinzstädtchen, um in Petersburg Medizin zu studieren. Dort muss Lea wegen ihres jüdischen Glaubens einen gelben Schein wie die Prostituierten tragen. Trotz hervorragender Leistungen im Studium wächst ihre Verzweiflung, weil sie zu einem Doppelleben zwischen Universität und Bordell gezwungen ist. Russland erscheint hier als Hort der Rückständigkeit und des staatlich verordneten Antisemitismus, während Deutschland im Umkehrschluss für religiöse Toleranz, Kultur und Fortschritt steht: Als der im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs entstandene und teilweise im jüdischen Viertel von Warschau gedrehte Film im November 1918 ins Kino kommt, haben allerdings das Zarenreich und das wilhelminische Kaiserreich aufgehört zu existieren.

Dass "Der gelbe Schein" mehr ist als ein Propagandafilm mit versteckter philosemitischer Botschaft, liegt an der genauen Milieuschilderung, der publikumswirksamen Inszenierung und vor allem an den vorzüglichen Schauspielern, die dem Ensemble um Ernst Lubitsch entstammen. Pola Negri, die in den Folgejahren vor allem als exzentrischer, männermordender Vamp berühmt wird, wirbt in der Rolle der Lea für Sympathie mit den Unterdrückten. "Diese seltsame Geschichte ist, weit über durchschnittlicher Kinodramatik stehend, logisch, psychologisch und episodisch bis ins Kleinste begründet und eingeleitet, und damit für den anspruchsvollen Zuschauer in glaubwürdige Lebensnähe gerückt." (Der Film, 30.11.1918)

Als Vorfilm zeigen wir die Komödie "Wollen Sie meine Tochter heiraten?" mit Rosa Valetti als junger Frau, die sich verlobt, aber dann einen Rückzieher macht. Ihren Vater spielt Guido Herzfeld (der auch in "Der gelbe Schein" zu sehen ist). Die männliche Hauptrolle verkörpert Siegfried Berisch, der 15 Jahre später, als antisemitische Beleidigungen zunahmen, mit selbstironischem Witz darauf reagierte, dass sein Aussehen als besonders "jüdisch" galt: In der Komödie "Fräulein Lausbub" (1929) spielt Berisch eine Figur namens Arisch.

Vorfilm: Wollen Sie meine Tochter heiraten?
(R: Danny Kaden, D 1914, 18')
Einführung: Dr. Philipp Stiasny (Filmmuseum Potsdam)
Am Klavier: Peter Gotthardt


 


Deutsch-jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik