Filmmuseum Potsdam; F: J. Leopold (FMP)
Filmmuseum Potsdam; F: J. Leopold (FMP)

» Kino

Der Kaufmann von Venedig

Begleitend zu einem Seminar, das Dr. Philipp Stiasny, Mitarbeiter des Filmmuseums, in Kooperation mit dem Moses Mendelssohn Zentrum an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF anbietet, zeigt das Filmmuseum Potsdam eine Filmreihe mit Einführungsvorträgen.

Im Herbst 1923 erreicht die Inflation in Deutschland ihren Höhepunkt. Ein Brotlaib kostet Millionen, die Angst vor dem Chaos wächst, antisemitische Gewalttaten nehmen zu, und Hitler plant seinen Putsch gegen die Republik. In dieser Situation kommt ein Film ins Kino, in dem ein jüdischer Geldverleiher namens Shylock einem Christen nach dem Leben trachtet: Frei nach Shakespeares Komödie bietet "Der Kaufmann von Venedig" ein Kostümspektakel mit hervorragender Besetzung, enormen Schauwerten und Massenszenen. Statt aber antisemitische Ressentiments einseitig zu bedienen, deutet der Film die Gründe für Shylocks Hass und Grausamkeit an. Werner Krauß, der die Rolle des Shylock auch mit überwältigendem Erfolg auf der Bühne verkörperte, war im gleichen Jahr schon in "Nathan der Weise" auf der Leinwand zu sehen, dort als der weise Jude, der Frieden zwischen den Religionen stiftet. Im Unterschied zu "Nathan der Weise", dessen Vorführung die Nationalsozialisten aufs Heftigste bekämpften, verursachte "Der Kaufmann von Venedig" allerdings keinen Skandal.
Das Berliner Tageblatt monierte, die Figur des Juden werde aus Rücksicht auf den ausländischen Filmmarkt verniedlicht. Deshalb "darf Shylock gar nicht der böse Mensch sein, der irre Narr Shakespeares. Im Film ist Tubal (Albert Steinrück) derjenige, der ihn verhetzt. Der Shylock des Films ist Werner Krauß. Wie immer, verwächst er auch hier mit der Rolle, ja, er beschwert diese mit allen Absonderlichkeiten des Ghetto, so daß sich karikaturenhafte Züge einschleichen." (Berliner Tageblatt, 21.10.1923). Dafür wachse Shylock in der Gerichtsszene (in der ihm Henny Porten in der Hosenrolle der Portia gegenübertritt) über sich hinaus. Auch Siegfried Kracauer bescheinigte Krauß (der seine virtuose Kunst 20 Jahre später in Veit Har-lans Jud Süß in den Dienst des staatlichen Judenmords stellte) eine ungewöhnliche Leistung: Als Shylock stehe Krauß vor "einer für den Film nahezu unmöglichen Aufgabe, die er aber innerhalb des gegebenen Rahmens groß bewältigt." (Frankfurter Zeitung, 24.11.1923)
Einführung: Prof. Dr. Frank Stern (MMZ Potsdam/Universität Wien)
Am Klavier: Eunice Martins


Deutsch-jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik