Entwurf von Heinz Zeise zu "Die Geschichte vom kleinen Muck" (R: Wolfgang Staudte, 1953)
Entwurf von Heinz Zeise zu "Die Geschichte vom kleinen Muck" (R: Wolfgang Staudte, 1953)

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DEFA: Entwürfe aus fünf Jahrzehnten - Szenen- und Kostümbildentwürfe aus der Sammlung des Filmmuseums Potsdam

7. Mai - 16. Juni 1996
Am Vorabend des 50. DEFA-Geburtstages öffnete das Filmmuseum seine Schatzkammern und präsentierte Szenenbild- und Kostümentwürfe aus fünf Jahrzehnten DEFA-Spielfilmproduktion. Eine umfangreiche Auswahl der seit 1990 kontinuierlich zusammengetragenen Szenografien und Kostümbilder wurde erstmals einem Publikum vorgestellt. Die Schau wurde ergänzt von Stücken aus der Sammlung des Filmmuseums, darunter Kostüme, Fotos, Dokumente, optische Drehbücher sowie die später umgebaute Kamera, mit der Wolfgang Staudte fünfzig Jahre zuvor den DEFA-Klassiker Die Mörder sind unter uns gedreht hat.

Kuratorin: Elke Schieber (FMP)
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Szenographien entstehen als Arbeitsmaterial für einen konkreten Film und bleiben in der Regel ein internes Zwischenprodukt auf dem Weg ins Kino. Die Schau stellte Entwürfe von 28 Szenenbildnern vor, unter ihnen Harry Leupold, Hans Poppe, Paul Lehmann, Georg Wratsch, Otto Erdmann, Willy Schiller - und nicht zuletzt würdigte sie den schöpferischen Reichtum des soeben verstorbenen Alfred Hirschmeier mit Arbeiten, die seine Methode vom Foto des Originalschauplatzes bis hin zum fertigen Szenenbild erkennen ließen.
Die Exponate öffneten nicht nur den Blick für unterschiedliche Handschriften und Arbeitsweisen oder waren filmgeschichtlich spannend, sondern viele sind über ihre eigentliche Funktion hinaus Kunstwerke, denen ein Publikum gewöhnlich versagt bleibt. So war nicht bekannt, dass die Geburt des Films Die Geschichte vom kleinen Muck von zauberhaften Aquarellen des Kunstmalers Heinz Zeise begleitet war; ebenso wenig, dass von Wolfgang Staudtes nie realisiertem "Mutter Courage"-Projekt szenographische Entwürfe von Max Douy im Verborgenen die Zeiten überdauert haben.
Einen ganz eigenen Reiz hatten auch die Entwürfe von sieben Kostümbildnern, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen waren. Neben Arbeiten z. B. von Hans Kieselbach zum Singenden, klingenden Bäumchen, von Walter Schulze-Mittendorf zu Fünf Tage - Fünf Nächte oder von Christiane Dorst zu Anton der Zauberer gab es wunderschöne Entwürfe zum Kleinen Muck: die Figurinen der Kostümbildnerin Sibylle Gerstner.


PRESSE
Schatten im Lichtspielhaus Das Filmmuseum Potsdam zeigt Kostüm- und Szenenbildentwürfe der DEFA
Potsdamer Neueste Nachrichten, 28.05.1996, Jan Gympel

Für viele Mitwirkende ist Film ein recht undankbares Geschäft: fanden früher vor allem die (Haupt-)Darsteller Aufmerksamkeit, so sind mehr und mehr die Regisseure zu Stars geworden. Da sie künstlerisch das letzte Wort hätten, so die in den fünfziger Jahren aufgekommene "Autorentheorie", seien die Filme auch in erster Linie ihr geistiges Kind. Zu denen, die dabei meist im Schatten stehen, zählen die Szenen- und Kostümbildner. Ihr Berufsstand ist sogar ein wenig bedroht, denn jene spontane, persönliche und preiswerte Art von Kino, bei der auf der Straße und in Wohnungen gedreht wird und sich womöglich Laien selbst spielen, kann auf sie verzichten. Szenen- und Kostümbildnerei bedeutet meist "großen" Film, zumindest von den Produktionskosten her.
Insofern ist es nur folgerichtig, dass während der letzten Jahrzehnte Babelsberg ein Tummelplatz für diese Berufsgruppe war. Kaum irgendwo anders in Deutschland wurde schließlich so kontinuierlich und zahlreich unter industriellen Bedingungen Kinoware hergestellt. Im fast endlosen Reigen der Veranstaltungen zum DEFA-Jubiläum will jetzt das Potsdamer Filmmuseum den Blick auf 35 in Babelsberg tätige Szenen- und Kostümbildner lenken. Von Wolfgang Staudtes Klassiker Die Mörder sind unter uns bis hin zu Herwig Kippings Egotrip Novalis spannt sich der Bogen und gibt Einblick in unterschiedliche Stadien und Vorgehensweisen bei der Bildproduktion: Ablaufpläne und optische Drehbücher (andernorts neudeutsch "Storyboards" genannt), grobe Skizzen mit dicken oder spitzen Stiften, sorgfältig ausgeführte Aquarelle und Temperabilder, Kunterbuntes und Düsteres, Expressives, Stilisiertes und Detailliertes, von halber Postkartengröße bis zum DIN-A3-Bogen. Dazu gesellen sich Lagepläne von Kulissenbauten mit den Einstellung für Einstellung durchnummerierte Blickwinkeln der Kamera, Modelle von Großrequisiten und ganzen Studiodekorationen, Kostüme und einige Reliquien wie die Kamera, mit der Die Mörder sind unter uns gedreht wurde. Den größten und zentralen Platz nimmt Konrad Wolfs Goya ein, womit zugleich der kürzlich verstorbene Alfred Hirschmeier geehrt wird, der über Jahrzehnte hinweg der meistbeschäftigte und renommierteste Szenenbildner der DEFA war. Doch die Ausstellung will mehr als nur Teile der Museumssammlung zugänglich machen. Ihr geht es auch um die Aufwertung der Arbeit der Szenen- und Kostümbildner und ihrer Bilder. Dass dies gelingt, ist jedoch fraglich: häufig kann man mangels Angaben nur raten, mit welchen Stiften und Farben die Bilder entstanden sind. Die Ausstellung von Szenenfotos macht insofern wenig Sinn, als sie meist gar keinen direkten Vergleich zwischen Entwurf und Realisation ermöglichen. Ferner bleibt ausgespart, wie häufig die Arbeit des Szenenbildners von fremden Einflüssen bestimmt worden ist: beispielsweise sind die trüben Farben und erdigen Töne, die - von einem kräftigen Rot abgesehen - die Entwürfe für Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse prägen, dem Farbfilmmaterial geschuldet, das selbst für diese Propagandaproduktion nur in äußerst schlechter Qualität zur Verfügung stand. Vor allem aber unterscheiden sich die Arbeiten der verschiedenen Personen und aus den verschiedenen Stadien der Filmproduktionen so stark voneinander, dass der Vergleich ihres künstlerischen Wertes als "Bilder an sich" dem von Äpfeln und Birnen nahekäme.


Barlachs Engel aus Polyester
Das Filmmuseum Potsdam zeigt Entwürfe für Szenenbilder und Kostüme aus fünf Jahrzehnten DEFA
Berliner Zeitung, 17.05.1996, Torsten Wahl

"Die Zeit bei der DEFA waren meine wichtigsten Jahre", bekennt Oskar Pietsch bei der Ausstellungseröffnung. Der 78jährige hatte ab 1938 für die UFA als Kunstmaler und Szenenbildner gearbeitet und entwarf bis zum Mauerbau in Babelsberg Szenografien, u. a. für Regisseure wie Kurt Maetzig (Rat der Götter) oder Martin Hellberg (Der Ochse von Kulm). Später wurde Pietsch Ausstattungsleiter beim SFB. "Bei der DEFA war der Zusammenhalt einmalig alle arbeiteten für ein gemeinsame Ziel. Wir Szenenbildner wurde noch als Teil des künstlerischen Ensembles anerkannt, waren nicht Techniker unter ferner liefen."
Pünktlich zum 50. DEFA Jubiläum stellt das Filmmuseum Potsdam Szenen- und Kostümbildentwürfe au den letzten fünf Jahrzehnten der Babelsberger Studios aus und würdig damit die Arbeit der 28 vorgestellte Szenenbilder und sieben Kostümbildner. Der Bogen der Filme spann sich von Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns aus dem Jahre 1946 bis zu Herwig Kippings Novalis - Die blaue Blume von 1993.
Der Ausstellungsraum erinnert an ein Kirchenschiff: Schon die große Losung am Eingang - "DEFA: Diene ehrlich friedlichem Aufbau" - hat etwas Weihevolles. An der Wand schwebt Barlachs "Engel" (allerdings aus Polyester), das opulente Kostüm vom "Eisenhans" sieht aus wie ein Bischofsgewand. Den "Altar" bildet ein vergrößerter Szenenbildentwurf von Alfred Hirschmeier zum Film Goya. Hirschmeier, der mit seinen Arbeiten für Konrad Wolf und Frank Beyer zum wohl wichtigsten DEFA-Szenenbildner wurde, starb erst kürzlich, arbeitete noch an der Vorbereitung der Ausstellung mit.
Die Skizzen, Zeichnungen, Aquarelle, Modelle, optischen Drehbücher und Filmfotos zeigen das hohe handwerkliche Niveau, die Sorgfalt, mit der in Babelsberg gearbeitet wurde. Sie belegen, welch hohen Anteil Szenenbildner am Gelingen eines Films haben. Dabei überwiegen die detailgetreuen Entwürfe zu historischen Werken. Ungewollt irdisch wirken die Entwürfe für die wenigen Sciencefiction-Filme der DEFA. Die Ausstellung komplettieren technische Geräte wie die erste Kamera von 1946 oder die gewaltige 70-mm-Kamera, mit der Werner Bergmann "Goya" auf Zelluloid bannte.
Hochinteressant auch die Exponate zu einem Werk, das nicht vollendet würde: Wolfgang Staudtes Verfilmung von Brechts Mutter Courage und ihre Kinder. Das Projekt starb nach handfesten Auseinandersetzungen mit Brecht, der in den Film hineinreden und ihn schwarzweiß haben wollte. Die Kostüme, Skizzen und Fotos zeigen auch fast ausschließlich Simone Signoret in ihrer Rolle als Lagerhure. Die Weigel ist nirgendwo zu sehen.


Blick in Schatzkammern
DEFA-Entwürfe aus fünf Jahrzehnten - eine Ausstellung im Potsdamer Filmmuseum
Neues Deutschland, 13.06.1996, Martin Mund

Während der Vorbereitung geschah das Unfassbare: Alfred Hirschmeier starb. Er, der bekannteste Szenenbildner der DEFA, hatte sich noch am Tag zuvor intensiv um die Schau des Potsdamer Filmmuseums gekümmert; er war dabei, seine Schatzkammern zu öffnen und die schönsten Exponate herauszusuchen. Nach dem plötzlichen Tod erfüllte seine Witwe diesen Teil seines Vermächtnisses. Und in der wunderschönen Ausstellung »DEFA: Entwürfe aus fünf Jahrzehnten« wurde dem Unvergessenen der Platz an der Stirnseite des Saales eingeräumt, der Altar gewissermaßen.
Skizzen, Fotos und Modelle erinnern noch einmal an Hirschmeiers Entwürfe zu Konrad Wolfs Goya. Das Innere der Kirche von Santo Domingo, die in der Babelsberger Mittelhalle errichtet worden war, oder das Atelier des Meisters, nachempfunden in der Großen Nord. Hommage an einen Szenographen, dessen Credo darin bestand, sich ganz und gar dem Gesamtkunstwerk Film unterzuordnen. Im Übrigen entsprach das wohl der Berufsauffassung aller seiner Kollegen; und doch sind manche ihrer Kreationen, herausgelöst aus dem Ganzen, durchaus eigenständige Kunstwerke.
27 Szenen- und sechs Kostümbildner der DEFA zeigen in Potsdam Proben ihres Schaffens. Viele Exponate stammen aus dem Archiv des Filmmuseums. Wie reich und wertvoll dieser Fundus ist, belegt allein schon die Tatsache, dass Stücke aus allen viereinhalb Jahrzehnten DEFA-Geschichte präsentiert werden können: von Brigitte Krauses Kleid aus den Buntkarierten (1949) über Max Douys Bilder zu Wolfgang Staudtes unvollendeter Mutter Courage (1955) bis zu Dieter Adams Pastellen für den Bruch (1989). Darüber hinaus stellten einstige Mitarbeiter der DEFA, als sie vom Vorhaben des Filmmuseums erfuhren, Stücke aus ihren privaten Sammlungen zur Verfügung; nur so war diese detaillierte Schau möglich.
Natürlich ist sie vor allem für denjenigen interessant, der die Filme kennt. Was nicht ausschließt, dass jeder Entdeckungen machen kann. Oft werden zeichnerische Entwürfe und Standfotos in Korrespondenz gebracht; Bleistiftskizzen, Aquarelle oder opulente Ölbilder verwandeln sich so gleichsam in Kinoszenen. Herbert Nitzschke etwa lenkte bereits in seinen Vorgaben zum »Jungen Engländer« (1958) auf dessen Stilistik hin: die schrägen, kippenden Häuserfassaden und Zimmerwände ließen noch einmal den deutschen Filmexpressionismus der zwanziger Jahre aufleben. Hans Poppes Tempera-Bilder für Mir nach; Canaillen! (1964) waren so breit wie dann auch die Leinwand: die DEFA drehte auf CinemaScope. Und Paul Lehmann spielte schon in den malerischen Studien zu Dein unbekannter Bruder (1982) mit jenen Kunstfarben, die dem Film später sein unverwechselbares Gepräge gaben: Das giftgrüne Zimmer des von Feinden bedrängten Antifaschisten war auch im Entwurf ein Alptraum.
Zu den Höhepunkten der Schau zählen Kostümbilder von Sibylle Gerstner zum Kleinen Muck (1953) und Exponate von Klassikern wie Otto Hunte, Willy Schiller, Emil Hasler, Rochus Gliese und Walter Schulze-Mittendorf - Namen, die nicht zuletzt darauf verweisen, dass das Handwerk der Szenen- und Kostümbildner in Babelsberg vom Stummfilm an über die Jahrzehnte hinweg gepflegt und an die jeweils jüngere Generation weitergegeben wurde. Das war freilich nur bei einem funktionierenden Studiobetrieb mit ständigen. künstlerisch motivierenden Aufträgen möglich - heute klafft auch hier ein Loch.


Mythischer Ort
Zum 50jährigen Bestehen der Defa arbeitet das Filmmuseum Potsdam die Geschichte der abgewickelten Traumfabrik auf
TIP 12/1996, Karl Hermann

Was war die Defa? Der letzte Hort deutscher Filmkünstler, die hier ohne kommerziellen Druck ihre Stoffe entwickeln konnten, oder eine Kaderschmiede des sozialistischen Kinos? Honeckers Hollywood?
Eine Etikettierung fällt schwer, zumal die Brüche, die sich durch die Geschichte von Babelsberg ziehen, zahllos und kompliziert sind. Wer etwa über die UFA-Tradition der Filmstadt daherschwadroniert, ohne ihre Propagandafunktion im Dritten Reich, die Vertreibung von Künstlern aus Studios und Villen zu erwähnen, darf über die Defa nicht lästern.
Tatsächlich ist Babelsberg ein mythischer Ort - etwas, wovon München, Hamburg und der Ruhrpott nur träumen. Babelsberg, das war nicht nur Marlene Dietrich und der "Blaue Engel", das war auch Hildegard Knef und Die Mörder sind unter uns - dies der erste Defa-Film 1946 in der noch nicht geteilten Trümmerkulisse Berlins.
50 Jahre später und Babelsberg wartet auf sein drittes Leben: als High-Tech-Center für Digital-Freaks. Doch selbst wenn Schlöndorff seine Hallen mit noch mehr CGE-Chips vollstopft, das kribbelnde Gefühl, das einen beim Anblick einer 70-mm-Kamera, Marke Defa-Eigenbau (übrigens ein Flop), befällt, schafft mehr "corporate identiry" als ein Sack voll innovativer Investoren. Fast liebevoll der Witz, den sich Defa-Techniker vor der Wende über den Besuch einer japanischen Delegation im sozialistischen Babelsberg erzählten: "Okay, wir haben das Filmmuseum gesehen, aber wo sind die Studios?"
Nur konsequent, dass der Mythos Babelsberg im Filmmuseum Potsdam weiterkonserviert wird. Zum 50jährigen Bestehen der Defa erinnert man sich dort an handwerkliche Traditionen, an hervorragende Künstler, aber auch an Irrungen und Wirrungen der sozialistischen Traumfabrik. Den Anfang der Ausstellungen und Sonderveranstaltungen bildet die Schau über Szenen- und Kostümbildentwürfe, die ihren Bogen von Staudtes Die Mörder sind unter uns bis Peter Kahanes Architekten spannt. Und so unterschiedlich die Zeitläufte in der Defa-Geschichte, so unterschiedlich die szenischen Abstraktionen: kindlich verspielt in der verdächtig nah am Sarotti-Mohr orientierten Geschichte vom kleinen Muck, ideologisch überfrachtet im Thälmann-Spektakel Führer seiner Klasse, bohemehaft lasziv in der Legende von Paul und Paula. Doch bei aller Diskontinuität gab es eine gemeinsame Handschrift der Defa-Szenaristen: künstlerischer Ernst und eine beinahe perfektionistische Detailversessenheit. Die Defa, das zeigt diese Ausstellung, hatte auch nach 50 Jahren ihr Handwerk nicht verlernt.