Carl Raddatz in "Unter den Brücken" (1944); Foto: Archiv FMP
Carl Raddatz in "Unter den Brücken" (1944); Foto: Archiv FMP

» Foyer exhibition

Carl Raddatz zum 100. Geburtstag


Carl Raddatz
Seine spröde, manchmal verbissene, oft auch verletzliche Ausstrahlung waren mehr als eine ungewohnte Farbe auf deutschen Bühnen und Leinwänden, waren mehr als spielerische Selbstverleugnung: ein Charakter, nicht nur in den Rollen, sondern auch dahinter.
Sein Lehrer Willy Birgel erkannte die Qualitäten seines Schützlings: Ein ungeschliffener Diamant, der nicht durch Politur verdorben werden durfte.
Die Lehr- und Wanderjahre waren für Raddatz vergleichsweise kurz: Theaterengagements in Mannheim, Aachen und Darmstadt. In Bremen entdeckten ihn die Talentsucher der Ufa. Und prompt spielte er den jüngeren Bruder seines Lehrers und Freundes Willy Birgel in dem Film Verklungene Melodie (1938). Es folgte Hauptrolle auf Hauptrolle, ob Patriziersohn, Künstler oder einfacher Arbeiter - eine jede unverwechselbar Carl Raddatz: menschlich, direkt, unsentimental.
Heinz Hilpert überredete Raddatz, seine durch Krieg und Film unterbrochene Theaterkarriere fortzusetzen. Am Göttinger Theater wurde die Uraufführung von Carl Zuckmayers Stück "Ulla Winblad" mit Raddatz in der Rolle des Dichters Carl Michael Bellman zu einem Riesenerfolg. Später folgte er dem Ruf Boleslaw Barlogs nach Berlin, wo er im Schillertheater z.B. die Hauptrolle in "Des Teufels General" verkörperte. "Der Hauptmann von Köpenick erobert den Broadway" titelte die New York Times anlässlich eines Amerika-Gastspiels mit Raddatz in diesem weiteren Zuckmayer-Stück. Für den engen Freund Carl Zuckmayer, war Raddatz Zeit seines Lebens der ideale Bühnendarsteller. Aber auch in Becketts "Warten auf Godot" feierte er in der legendären Berliner Inszenierung des Autors Triumphe.
Seine Rollen im westdeutschen Nachkriegsfilm wählte Carl Raddatz sehr genau aus - wenige und nichts Zweitklassiges, so z. B. Epilog (1950), die Zeiss-Biografie Made in Germany (1957), das Kammerspiel Jons und Erdme (1959) und die Satire Das Mädchen Rosemarie (1958). Das eindrucksvolle Porträt eines einfachen Mannes und Nazigegners zeichnete er in der Fallada-Adaption Jeder stirbt für sich allein (1975).
Nach der Schließung des Westberliner Schillertheaters, zu dessen Ensemble er gehörte, zog sich Carl Raddatz ins Privatleben zurück. Er starb am 19.05.2004 in Berlin. An seinem Wohnhaus erinnert eine in diesem Jahr angebrachte Tafel an ihn, seine Ruhestätte auf dem Friedhof Dahlem ist Ehrengrab der Stadt Berlin.
Carl Raddatz wäre am 13. März 2012 einhundert Jahre alt geworden. Er feierte seinen 90. Geburtstag im Filmmuseum Potsdam, sein Nachlass zählt zu den Schätzen unserer Sammlungen. Die Auswahl fiel schwer. Vieles muss unerwähnt bleiben, was ihm und seinen Verehrern sicher wichtig gewesen wäre. Wir haben nur einige Kapitel eines Künstlerlebens aufgeschlagen, das untrennbar verbunden ist mit den Höhepunkten deutscher Theater- und Filmgeschichte.