2. Ausstellung im Filmmuseum Potsdam, 1994 bis 2003

Filmstadt Babelsberg
Januar 1994 bis Februar 2004

Im Oktober 1990 löste sich die DDR in einer sich vergrößernden BRD auf. Das Filmmuseum der DDR bekam, nach einer neuen Leitung, im Sommer 1990 zuerst einen neuen Namen: Filmmuseum Potsdam. Bald wurden alle Abteilungsleitungen neu besetzt: wie die Direktion mit einer Ostdeutschen, was in der Nachwendezeit höchst ungewöhnlich war. Die gemeinsamen Anstrengungen des Teams richteten sich darauf, die Gefahr des Untergangs abzuwehren und die Chance zu einer Rundumerneuerung zu suchen. Sie kam, als eine komplette Innenraumsanierung des Marstalls durchgesetzt werden konnte, denn nun wurde 1992 auch der Abriss der DDR-Ausstellung zur deutschen und ostdeutschen Filmgeschichte unausweichlich und die Finanzierung einer neuen Dauerausstellung gelang. Seit 1991 vorbereitet, wurde die zweite Ständige Ausstellung des Filmmuseums in Potsdam nach Abschluss der Bauarbeiten zu Jahresbeginn 1994 eröffnet.

Die Geschichte der Babelsberger Filmproduktion - Lokalgeschichte und deutsche Kulturgeschichte zugleich -, das war sicher, würde im Mittelpunkt der Schau stehen. Nach verschiedenen Konzeptvarianten entschied sich die Projektleiterin und Direktorin Bärbel Dalichow zugunsten einer konsequent subjektiven, thematisch gegliederten Struktur. Filme aus verschieden Zeiten sollten nicht chronologisch gezeigt und erst recht nicht nur vordergründig politisch bewertet werden.

Je ein Filmregisseur und ein Szenenbildner - alle beteiligt an Filmen in Babelsberg - konzipierten gemeinsam einen Bereich. So entstanden acht Themenräume:
"Nimm dich in acht vor blonden Frauen... - Diven und Musik"
"Die Sekunde Leben - Film und Wirklichkeit"
"Anders, fremd, verboten - Künstler kontra Studio"
"Gewalt und Krieg", "Märchen, Mythen und Legenden"
"Wer zuletzt lacht ... - Komödien"
"Unsre Fahne flattert uns voran ... - Propaganda"
"Liebe, Leidenschaft, Sex"

Unter anderem waren die Regisseure Rainer Simon, Ulrich Weiß, Andreas Kleinert und Helma Sanders-Brahms für je einen oder auch zwei Räume zuständig. Sie arbeiteten mit Szenenbildnern wie Lothar Holler, Günther Petzold, Klaus Winter und Ester Ritterbusch zusammen.
Die Filmwissenschaftler des Museums, so die Sammlungsleitein Elke Schieber, sorgten dafür, dass prägende Filme und der Bezug zu Studiogeschichte und Politik angemessen berücksichtigt wurden.

Die Räume auf zwei Etagen unterschieden sich gestalterisch stark voneinander: ein vom Studio Babelsberg gebauter Parcours voller Überraschungen. Obwohl damals computergestützte Informationsterminals noch viele Kinderkrankheiten hatten, entschloss man sich dazu, sie zu integrieren, um den Erwartungen an Informationen über die 2000 Filme aus Babelsberg und die Künstler, die sie gemacht hatten, gerecht zu werden. In dieser Ausstellung gab es weit mehr originale Stücke zu sehen, als in der ersten Dauerausstellung, darunter Kostüme, Fotos und Totenmasken berühmter Schauspieler, filmtechnische Geräte, Dokumente, Szenenbildentwürfe, Drehbücher und Filmausschnitte.

1998 musste die Ausstellung von 750 m² auf 460 m² im Obergeschoss reduziert werden, weil das Untergeschoss des Marstalls für die opulente Wechselausstellung "Romy Schneider" gebraucht wurde.

Weil inzwischen eine umfangreiche Sammlung zu Filmen und Leben von Hans Albers angekauft worden war - gebunden an die Bedingung, sie auch zu zeigen - fielen ausgerechnet die Bereiche "Liebe" und "Komödie" weg.
Am Ende des Rundgangs betrat der Besucher nun einen Hans-Albers-Raum voller originaler und einmaliger Ausstellungsstücke.

Die Anmutung der inszenierten Ausstellung, die einen Spagat zwischen populären und künstlerisch bedeutenden Filmen versuchte, gefiel den Besuchern (im Laufe der zehn Jahre zählte das Museum wieder Hunderttausende) auch in der verkleinerten Form, obwohl die Museumsmacher selbst längst Lust auf Neues hatten - vermutlich, weil sie einen Kontrast zum modisch-coolen Zeitgeist und den zugehörigen Ausstellungskonzepten der 90er Jahre bot.

Filmreihe: 90 Jahre Babelsberg - Erinnerungen und Fundstücke


Januar - Dezember 2002
Aufs Land nach Nowawes bei Babelsberg reiste am 12. Februar 1912 eine dänische Schauspielerin, die sich gerade daran zu gewöhnen begann, Liebling der brodelnden Weltstadt Berlin zu sein. Auf sie, die Erotische, Exotische, warteten Techniker und Mitwirkende, vor allem: ihretwegen hatte man mit neuen Methoden eine Art Palmenhaus gebaut, damit möglichst viel Licht auf ihre schlanke Gestalt fallen würde, denn Asta Nielsen war das Zugpferd einer neuen Branche.
90 Jahre später ist das Glashaus verschwunden, das Backsteingebäude steht noch und gehört dem ORB. Wieder versucht eine Frau, Gabriela Bacher, im Studio Babelsberg ihr Glück, diesmal als Produzentin und Geschäftsführerin.
In neun Jahrzehnten entstanden hier mehr als 3000 Kino- und Fernsehfilme, hier produzierten die Firmen Bioscop, Decla, Ufa, DEFA, Studio Babelsberg und der ORB. In den 20er Jahren bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts war die Ufa- und DEFA-Stadt die größte Filmfabrik Europas.
Zu allen Zeiten kooperieren die wechselnden Geschäftsleitungen mit den Mächtigen aus Politik und Finanzwelt, waren abhängig von Wirtschaftslage und Geschichte. Wonach die Zuschauer sich jeweils sehnten und wovon sich die Hersteller Erfolg versprachen, zeigen Filme und Publikumslieblinge aus Babelsberg.
Beim 90. Geburtstag von Studio Babelsberg sind die Firmenchefs und Mitarbeiter nicht in Sektstimmung, denn längst ist das Europäische Medienzentrum nicht standsicher. Wird das Mediendienstleistungsgewerbe genug Aufträge bekommen? Geht es wirklich ohne Eigenproduktionen von Spielfilmen? Wann schreibt Babelsberg endlich schwarze Zahlen? Was wird aus dem ORB? Vorsichtig wartet man deshalb wohl mit dem Fest auf den 100. Geburtstag 2012.
Für einen Rückblick 2002 ist dennoch gesorgt, denn das Filmmuseum widmet sich seit 20 Jahren der Firmen- und Produktgeschichte. Gemeinsam mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv, der Progress Filmverleih GmbH, dem Filmverband Brandenburg e.V. und dem Brandenburgischen Literaturkollegium e.V. können Zuschauer im Jahre 2002 an 30 Filmabenden zwischen Januar und Dezember Filme und Filmemacher wiedersehen.

Dr. Bärbel Dalichow
Museumsdirektorin

Projektentwicklung und Koordinierung: Dorett Molitor